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#PorteOuverte: "So erlebte ich die Nacht"

Bei den Terroranschlägen in Paris baten tausende Menschen unter dem Hashtag #PorteOuverte ihre Wohnung für Hilfesuchende an. Marina war eine davon. Was sie in jener Nacht erlebte - und warum sie Paris nicht verlassen wird.

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Pariserin erzählt von #PorteOuvert

Marina Sellimoutou arbeitet als Musik-Bloggerin und Fotografin in Paris.

© Marina Sellimoutou

Die Anschläge in Paris. Eine Nacht, in der die Stadt teilweise im völligen Chaos versank. Öffentliche Verkehrsmittel hörten auf zu fahren, tausende Menschen konnten aus dem Gefahrengebiet nicht mehr in ihre Hotels oder Wohnungen.

Hilfe fanden sie auf Twitter, wo Einwohner der französischen Hauptstadt unter dem Hashtag #PorteOuverte (#OffeneTür) Menschen Zuflucht in ihren Wohnungen gewährten. Binnen weniger Stunden gab es 480.000 Tweets dazu, wurden in der Nähe liegende Unterkünfte gepostet. Eine, die an diesem Abend Fremden Unterschlupf anbot, war die Bloggerin und Fotografin Marina Sellimoutou.

Marina: "Meine Stadt verwandelte sich in ein Kriegsgebiet"

Sie war in jener Nacht von Marseille nach Paris zurückgekehrt, wollte später noch ihren Freund Thibaut treffen, ausgehen, feiern. Doch binnen weniger Stunden war alles anders. "Gegen 22 Uhr hörte ich plötzlich Sirenen", erzählt Marina. "Eine, zwei, drei, vier... sie hörten nicht mehr auf".

Als sie auf Facebook nähere Informationen über den Sirenen-Alarm suchte, poppte der Warnhinweis eines Bekannten auf: "Wenn du in der Nähe von Republique bist, sei vorsichtig, es gibt einen Angriff!" Marina dachte zunächst an einen Scherz, kommentierte den Eintrag lapidar: "Du könntest die Polizei rufen, anstatt das zu schreiben..."

Fünf Minuten später bleibt Marina das Lachen im Halse stecken. Via Internet erfährt sie, dass es tatsächlich einen Anschlag im 10. Arrondissement gab. Die Meldungen überschlagen sich: "Es wurden immer mehr Attentate publik: in Republique, beim Stadion und im Restaurant ganz nahe..."

Alles Orte, an denen ihr Freund Thibaut auf seinem Heimweg vorbei musste...

Terror-Serie in Paris
Verzweifelte Menschen auf den Straßen.

Thibaut meldet sich, er wird die Nacht in der Arbeit zu verbringen, der Weg nach Hause ist zu gefährlich. "Er bat mich aber, einen seiner Mitarbeiter bei mir aufzunehmen." Dieser sollte eigentlich im 10. Arrondissement in einem Hotel wohnen, doch die Gefahrenzone war weiträumig abgeriegelt. Marina: "Auf einmal war meine Stadt ein Kriegsgebiet..."

"Als der Freund von Thibaut bei mir eintraf, war er total durch den Wind", so die junge Fotografin. "Er verstand nicht, was passiert war, er hatte Angst." Der Mann war gerade mit dem Zug angekommen, zuhause waren seine Frau und beiden Kinder. "Er machte sich unglaubliche Sorgen", sagt Marina.

Den Rest der Nacht verbringen die beiden vor dem Computer und dem Fernseher, inhalieren die Nachrichten und können nicht realisieren, was einige Häuser weiter geschieht: "Wir tranken eine Flasche Whisky und konnten nicht einschlafen. Immer wieder fragten wir uns: 'warum???'."

»"Ich fühlte mich total schlecht, weil ich Thibaut und meine Freunde in Paris zurück ließ."«

Auch am nächsten Morgen checkt Marina immer wieder Facebook, muss dort von Freundne lesen, die in der Nacht davor Angehörige oder Bekannte verloren haben. "Wir wollten Croissants und Zigaretten holen, doch die meisten Shops waren geschlossen. Es war so trostlos... tragisch." Ihre Familie bittet Marina, nach Marseille zu kommen. "Ich stieg in den Zug und fuhr in Sicherheit. Doch ich fühlte mich schlecht, weil ich Thibaut und meine Freunde in Paris zurück ließ."

Terror-Serie in Paris
Ganz Paris wird von bewaffneten Polizisten überwacht.

Noch immer ist die Bloggerin nicht nach Paris zurückgekehrt. Die Stadt, so sagt sie, könne noch nicht wieder zur Normalität finden: "Ich arbeite in der Musikbranche. Die meisten Künstler und Promoter haben ihre Gigs für die nächsten Wochen abgesagt, weil sie Angst haben. Diese Furcht ist derzeit das bestimmende Element in unserem Leben." Der Schock sitzt tief: "Als ich neulich in Marseille mit Freunden aus war, hörte ich Feuersirenen und bekam sofort Panik."

Dennoch will die junge Französin wieder nach Paris: "Es gibt keine andere Stadt mit derart großartiger Kultur und Lebensqualität. Ich liebe Paris. Noch habe ich Angst – aber wir werden uns davon nicht unterkriegen lassen."

Terror-Serie in Paris
Menschen legen Blumen an die Orte, wo die Anschläge passierten.