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Pastorin. Feministin. Und Surfergirl!

Hey, aber die schaut doch gar nicht so aus! Das bekommt die 32-jährige Deutsche oft zu hören. Mira Ungewitter hat drei Leben: als lässige Pastorin in Wien, als engagierte Feministin auf Spurensuche in der Bibel und als cooles Surfergirl, abenteuerlustig unterwegs in fremden Ländern. Uns erzählt sie, wie das geht.

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Mira Ungewitter
© WOMAN/ Ernst Kainerstorfer

Lange, blonde Mähne, weiße Shorts, Flip-Flops. Auf der braungebrannten Schulter baumelt ein Jutesack. Aufschrift: Casual Priest. "Hallo, wie geht's euch, darf ich mich noch schminken, bevor wir loslegen?", fragt Mira Ungewitter, 32, und verschwindet. Gleichzeitig startet im Nebenraum eine Schleifmaschine - was für ein Höllenlärm! Erst vor ein paar Monaten hat die projekt: gemeinde ein leer stehendes Hotel in Wien im 2. Bezirk erstanden, um daraus ein cooles Nachbarschaftszentrum zu machen - hippes Kaffeehaus, Co-Working-Space und Eventlocation inklusive. Wir befinden uns in einem baptistischen Glaubenszentrum. Und Frau Pastorin Ungewitter kommt mit frisch getuschten Wimpern zurück.

Seit gut zwei Jahren ist die deutsche Theologin in der Glaubensgemeinde mit an Bord. Die einzige Frau an vorderster Front der Konfessionsgemeinschaft, die in Nordamerika eine der größten christlichen Gemeinschaften ist und in Österreich 1.472 getaufte Mitglieder zählt. "Als ich mit 30 für das Jobangebot von Köln nach Wien gezogen bin, war ich seit Kurzem Single. Neuer Job, neues Leben? Das hat mich wahnsinnig unter Druck gesetzt. Ich dachte mir: Oh Gott, jetzt fehlt eigentlich nur mehr eine Katze! Denn vor meinem Neustart wusste ich noch nicht, wie es ist, als Neopastorin in einer coolen Metropole zu arbeiten."

BETEN, MESSE, CHILLEN. Was treibt man eigentlich so als Pastorin? Na, zum Beispiel predigen! Mira Ungewitter hält ein Mal im Monat einen Gottesdienst. Und redet hinter ein paar aufgestapelten Getränkekisten über Jesus, Glauben, Liebe, Hoffnung, wie sie uns gleich mal demonstriert. "Klar höre ich oft den Spruch: 'Du schaust ja gar nicht aus wie eine Pfarrerin.' Danke, das weiß ich. Ich bin auch nicht wie eine klassische Pastorin", erklärt uns Ungewitter hinter ihrem improvisierten Rednerpult. "Wenn bei meinen Gottesdiensten nicht gelacht wird, bin ich echt sauer!"

»Ich bin nicht wie eine klassische Pastorin. Wenn bei den Gottesdiensten nicht gelacht wird, bin ich echt sauer.«
Mira Ungewitter

Baptisten sind nämlich an keine fixen Abläufe bei der Messgestaltung gebunden. So kann es auch mal "passieren", dass im Sommer der Gottesdienst kurzerhand ins Freie verlegt wird. Picknick im Prater und Predigt: Check! Oder dass man sich mit den Besucherinnen Und Besuchern einfach nur zum Abendessen trifft. "Die Leute sollen sich bei uns wohlfühlen. Das gemeinsame Feiern gehört da natürlich auch dazu."

Und weil das After-Messe-Bierchen ein mindestens genauso wichtiger Bestandteil ist wie der Gottesdienst an sich, triff man sich bei der projekt: gemeinde an Sonntagen nie vor 17 Uhr. "Eine studentenfreundliche Zeit! Nachdem ich selber ja noch an meiner Doktorarbeit schreibe, ist das recht praktisch", erklärt Ungewitter. So locker das alles klingt - Mira Ungewitter ist eine sehr gläubige Frau. Nur für sich beten? Klar, tut sie, mindestens zwei Mal täglich, "weil es mir wichtig ist".

In Sachen Bibel war sie schon von klein auf mehr als sattelfest. Während ihre Freundinnen auf Boybands standen, galt ihr Girlcrush dem Typen am Kreuz. "Meine Eltern haben mich nie in eine bestimmte Richtung gedrängt. Meine Mutter war auch Baptistin, aber der Papa totaler Agnostiker. Ich bin wirklich komplett frei aufgewachsen. Das hat meinen Glauben noch stärker gemacht. Bei den Baptisten wird man nicht automatisch als Baby getauft. Man darf sich aus freiem Willen dazu entscheiden. Und das wollte ich. Mit 14!"

BIBEL & FEMINISMUS? PASST! Bei ihrer Arbeit geht es Ungewitter vor allem auch um feministische Spurensuche in der Bibel. Frauen sichtbar zu machen, alte Texte neu zu interpretieren. Nur: Feminismus und Kirche, wie soll sich das ausgehen? Alleine schon die Schöpfung ist doch alles andere als eine Geschichte der Gleichberechtigung, fragt man sich. Interpretationssache, meint die Pastorin. "Mir ist schon bewusst, dass ich innerhalb einer Religion agiere, die aus einer patriarchalen Struktur entstanden ist. Klar, 2.000 Jahre Kirchengeschichte haben aus der Figur der Eva eine Putzfrau gemacht. Das wird dem Urtext aber überhaupt nicht gerecht, finde ich. Für mich steht Adam für beide Geschlechter."

Die rebellische Ader hat sie von ihrer Mutter. "Die war auch schon immer eine Kämpferin. Sie verdiente das Geld, Papa blieb zu Hause und passte auf mich und meinen jüngeren Bruder auf. So was prägt einen schon ziemlich." Auch als Pastorin hat Ungewitter an vielen Fronten als Vorreiterin zu kämpfen. "Ich finde es schwierig, wenn Männer Mitte 50, die vielleicht auch noch ganz jung geheiratet haben, genau wissen wollen, was Frauen brauchen", sagt Ungewitter, und das Piercing am empörten Nasenflügel glitzert auf. "Zum Beispiel beim Thema Abtreibung! Grundsätzlich bin ich natürlich immer für das Leben. Gleichzeitig hasse ich es, wenn Frauen deswegen von konservativen Christen stigmatisiert werden. Oder durch das Schließen von Abtreibungskliniken in die Kriminalität getrieben werden." Als Pastorin möchte sie in solchen Situationen als offene Gesprächspartnerin agieren, die Hilfe anbietet, ohne zu verurteilen. "Echt ein heikles Thema."

ABER JETZT RAUF AUFS BRETT! Stoßseufzer, Themenwechsel. "Hey, wollt ihr euch nicht meine Surfbretter anschauen? Die stehen in meiner Wohnung! Eines hat mir mein Ex hinterlassen, da konnte ich natürlich nicht nein sagen", schmunzelt sie über das Relikt aus ihrer letzten Beziehung. Eine halbe Stunde später treffen wir uns in Mira Ungewitters schnuckeliger Zweizimmerwohnung im 3. Bezirk. Sie wohnt dort im Erdgeschoß, Tür an Tür zum Office ihres Jobgebers.

Eines der Zweimeterbretter war grad im Einsatz, als die Kölnerin vor ein paar Wochen mit einem Bulli auf einem 3.000 Kilometer langen Surf-Road-Trip von der Costa Brava nach Frankreich tingelte. "Ich liebe diese Art zu reisen. Anhalten, wo man möchte. Pipi-Pausen, sooft ich will, ohne dass mir wer was drein redet! Keine Typen, die nerven. Neue Begegnungen. Nicht wissen, wo man übermorgen ist. Das ist meine liebste spirituelle Übung. Sich auf diese Ungewissheit einzulassen, erfordert nämlich eine Riesenportion Gelassenheit. Finde ich super!", schwärmt sie, kickt ihre Flip-Flops von den Zehen und springt aufs Surfbrett, um uns ein paar Moves zu zeigen.

FLIRTPANNEN UND MINISÜNDEN Ganz besonders steht die Pfarrerin auf die vielen spirituellen Gespräche, die sich aufgrund ihres Jobs ergeben. "Natürlich gehe ich jetzt nicht zu jedem hin und frage: 'Hey, kennst du Jesus?' So was finde ich schrecklich. Aber ich merke, dass die Menschen sich mir öffnen, wenn sie erfahren, dass ich Pastorin bin. Das gibt mir ungemein viel!", sagt sie. "Letztens war ich auf einer Party, da kam so ein Typ zu mir und meinte: 'Na, Unternehmensberaterin, 70-Stunden-Woche?' Ich dann:'Ne, leider. Pastorin. Immer im Dienst!' Der war natürlich kurz mal baff und brauchte frische Luft.

Nachdem der erste Schock überwunden war, ergab sich aber noch ein nettes Geplänkel." Es soll aber schon vorgekommen sein, dass Männer die Flucht ergriffen haben, lacht sie bei der Erinnerung daran. "Das war dann eher so in Richtung: Okay. Check. Pastorin angegraben. Nix wie weg!" Solche Flirt-Fails bringen Ungewitter schon lang nicht mehr aus der Fassung. "Damit kann ich wirklich leben. In einer Beziehung möchte ich aber keine großen Kompromisse mehr eingehen. Mein Partner sollte für meinen Glauben offen sein. Und am Sonntag Abend fit genug sein, um mit meinen Baptisten-Freunden abzuhängen!"

Letzte Frage: Wann die fromme Pastorin zuletzt gesündigt hat? "Oh. Hm. Beim Einkaufen habe ich einem Autofahrer die Vorfahrt genommen. Ist das sündig genug?" Nach einer kurzen Denkpause fügt die Theologin lachend zu: "Ach Gott, eigentlich müssten wir dazu vorher klären, was denn überhaupt eine Sünde ist! Wollen wir das nicht bei einem Sommerspritzer im Gastgarten machen?"

Baptismus: Was ist das?

Freikirche mit rund 1.500 Gläubigen in Österreich. Der Baptismus ist eine rund 400 Jahre alte christliche Konfession. Der grundlegende Unterschied zur katholischen und evangelischen Kirche: Baptisten taufen ihre Babys nicht, sondern hoffen darauf, dass sie später diese Entscheidung frei treffen. Weitere Merkmale: die Forderung nach einer Trennung von Kirche und Staat und das Fehlen von kirchlichen Hierarchien.

Mira Ungewitter
Thema: Report