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Wohngemeinschafts-Familie

Patchwork-Familie. Das klingt so hübsch, nach neuem, bunten Familien-Idyll. Trotzdem geht das Modell in den meisten Fällen schief. Wie man es besser macht.

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Wohngemeinschafts-Familie
© Corbis

Nehmen wir einfach mal Ostern. Noch vor zwei Jahr war die kniffligste Frage, ob man die Schoko-Eier in der Wohnung versteckt oder das Wetter vielleicht doch gut genug für einen Ausflug wird.

Heute ist es ein logistischer Wahnsinn. Den Abend verbringen Elias und Noah bei ihrem leiblichen Papa. Der hat auch den halben Vormittag für Oster-Frühstück mit Geschenken, danach muss er sie flott zur fidelen Eiersuche bei ihrer Mama bringen. Am frühen Nachmittag stoßen Theo und Nina dazu, die Kids von deren neuem Partner, die müssen dann aber spätestens um 5 Uhr wieder zu ihren Großeltern, weil die auch Rechte auf eine Osterfeier angemeldet haben. Zum Abendessen sind sie dann wieder zuhause. Da allerdings müssen Elias und Noah schon wieder zum Papa, weil der am nächsten Morgen für zwei Tage mit ihnen aufs Land fährt.

Auf einmal ist alles so wahnsinnig kompliziert. Dabei ist die Feiertagsgestaltung noch das geringste Problem, mit dem Patchwork-Familien zu kämpfen haben. Und dennoch ist Patchwork gesellschaftliche Normalität. Jeder hat inzwischen eine oder mehrere solcher Familien im Bekanntenkreis. Nach Schätzungen erleben heute vier von zehn Kindern bis zu ihrem 18. Lebensjahr mindestens eine Patchwork-Konstellation. Genaue Zahlen fehlen, weil das Statistische Zentralamt in der Ehe nur die leiblichen Kinder zählt.

»Weil es Normalität ist, muss es doch funktionieren«

Und weil es Normalität geworden ist, muss es doch funktionieren. Oder es sollte zumindest funktionieren. Nur dass der Mensch in vielerlei Hinsicht ein eher rückständiges Wesen ist. Er mag sich nicht immer mit neuen gesellschaftlichen Formen, auch wenn sie als angemessen locker und cool befunden wurden, anfreunden.

Jede zweite Patchwork-Familie zerbricht

Jede zweite Patchwork-Familie zerbricht wieder. Mag das Wort "Patchwork" auch noch so freundlich und verniedlichend klingen: Da soll eine neue Familie auf den Ruinen einer oder mehrerer vorangegangener Familien entstehen. Trümmer sind zurückgeblieben. Wenn man nicht aufpasst, können sie plötzlich und überraschend ein Familienmitglied verletzen. Denn im Patchwork tun sich Menschen zusammen, von denen wenigstens einer schon einmal gescheitert ist. Und das tragen sie mit sich herum.

Am Ende geht es natürlich um Liebe, um Macht und um den Kampf darum. Minenfelder lauern überall. Falsche Erwartungen. Loyalitätskonflikte. Verlustängste. Konkurrenzkampf. Es kommt zu Verhandlungen, zum Rückzug, zu Grenzüberschreitungen.

Warum ist es so verdammt schwierig, eine neue Familie zu bilden? Welche Fallen lauern? Vor allem aber: Wie kann man es besser machen? Die Familientherapeuten Claudia Starke und Thomas Hess haben ein Buch darüber geschrieben: „Das Patchwork-Buch“. Wie zwei Familien zusammenwachsen" (erschienen im Beltz Verlag ). Ihre Lösungsvorschläge für die großen Patchwork-Probleme.

"Es entsteht so ein Liebesdruck!"

WOMAN: Patchwork klingt so hübsch, so zusammengewürfelt. Wie eine lustige Familie, aber eben ein bisschen größer, ein bisschen bunter. Haben wir da eine falsche Vorstellung?
Thomas Hess: Ich würde nicht sagen, dass es nie so kommen kann. Es gibt Patchwork-Familien, die mit der neuen Komplexität prima umgehen, wo es zu keinen gröberen Schwierigkeiten kommt. Aber aus unserer Praxis wissen wir, dass dies eher die Ausnahme denn die Regel ist. Die meisten machen sich einen unglaublichen Druck oder haben idealisierte Erwartungen – und scheitern dann genau daran.

WOMAN: Was sind denn die Hauptprobleme, denen sich Patchwork-Familien stellen müssen?
Claudia Starke: Man muss sich bewusst sein, dass dieses Modell eine viel größere Komplexität mit sich bringt als die normale Familie - die auch schon kompliziert genug ist. Viele Patchworker glauben, jetzt wo wir wieder eine Mutter-Vater-Kinder-Konstellation haben, leben wir als glückliche Familie bis ans Ende unserer Tage. Aber es spielen auch noch die Ex-Partner beziehungsweise die leiblichen Eltern mit. Alleine da liegt jede Menge Konfliktpotential.

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Die Ängste der leiblichen Mutter vor der "Neuen" – und wie man sie Schritt für Schritt vorsichtig abbaut

WOMAN: Zum Beispiel ?
Starke: Eines der häufigsten Probleme aus unserer Praxis: Die leibliche Mutter muss sich der Tatsache stellen, dass ihre Kinder jetzt auch noch von einer anderen Frau erzogen werden. Vor allem wenn sich die Eltern auf eine 50:50-Regelung geeinigt haben, die Kinder also wirklich viel Kontakt mit der neuen Frau haben und nicht nur die Wochenenden zur Debatte stehen. Da entstehen große Ängste bei der Mutter. Haben meine Kinder die Neue lieber als mich? Wer hat das Sagen? Erlaubt die ihnen alles – während ich daheim die Strenge spielen muss?

WOMAN: Wie nimmt man der leiblichen Mutter diese Ängste?
Starke: Indem man ihr die Hoheit über die Erziehung überlässt. Sie und der Vater entscheiden, welche Schule die Kinder besuchen werden. Wann die Kinder in den Ferien bei wem sind. Ob die Kids Gitarre lernen sollen oder in den Fußball-Club. Das sind Entscheidungen der leiblichen Eltern, das müssen sich die beiden ausmachen. Die Stiefmutter sollte hier zurückstecken und der Mutter diesen Raum lassen.

WOMAN: Gut, das sind jetzt größere Entscheidungen. Aber Erziehung ist ja Alltag. Ob man darauf besteht, dass Gemüse gegessen wird, wann die Kinder ins Bett müssen...
Starke: Stimmt. Kinder spielen das ja auch ganz gerne aus, versuchen sich auf diese Weise Vorteile zu schaffen. "Dort darf ich aber bis 11 Uhr aufbleiben." Schön und gut: Nur hier gelten andere Regeln. Es ist wichtig, dass sowohl der leibliche Elternteil als auch die Stiefmutter oder der Stiefvater ihre eigenen Grenzen ziehen. Kinder gewöhnen sich sehr schnell und gut daran, dass es in unterschiedlichen Haushalten auch unterschiedliche Regeln gibt. Bei Oma und Opa dürfen sie ja auch mehr.

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Die Rolle der Stiefmutter – und wie der leibliche Vater sie unterstützen kann

WOMAN: Die Mutter hat Ängste, verständlich. Aber auch als Stiefmutter traut man sich ja manchmal nicht, seine eigenen Grenzen den Kindern gegenüber klar zu machen. Man will ja vor allem gemocht werden...
Hess: Eine Stiefmutter ist kein Mutterersatz. Sondern eine Frau, die mit ihren Fähigkeiten, ihren Möglichkeiten, ihrer Persönlichkeit dazukommt. Die eine Beziehung zu den Kindern aufbauen kann und die zu ihr, so wie es den beteiligten Personen möglich ist. Wir raten immer: Die Stiefmutter sollte die Kinder ihres Partners nicht als ihre eigenen betrachten, sondern sie ebenfalls als Lebenspartner sehen. Das nimmt schon mal viel Spannung raus, weil mit einem Lebenspartner muss man sich verstehen – aber es hat nicht den Anspruch der bedingungslosen Liebe. Viele wollen aber die bessere Mutter spielen oder denken, die eigentliche Mutter hat es jetzt nicht wirklich drauf. Wenn die Stiefmama aber perfekt sein will, dann kommt sie in Bedrängnis. Weil sie sich damit überfordert und auch nicht wagt, ihre eigenen Bedürfnisse oder Regeln ebenfalls durchzusetzen. Das muss sie aber.

WOMAN: Wie sollte der Vater in so einer Situation reagieren?
Hess: Er darf sie nicht im Regen stehen lassen. Er muss sie unterstützen und ihr auch den Kindern gegenüber den Rücken stärken, so wie das Eltern auch in einer herkömmlichen Familie machen sollten. Ist man eigentlich anderer Ansicht, dann kann man das später klären – aber niemals vor den Kindern unterschiedliche Wege vorgeben. Diese Unterstützung für die neue Frau ist natürlich eine heikle Angelegenheit für den Vater. Denn wenn seine Kinder das Gefühl haben, dass er nur mehr auf der Seite seiner Freundin steht, dann fühlen sie sich nach hinten gedrängt, haben Angst, an Bedeutung zu verlieren. Dann kommt es zu Gegenwind. Der sich natürlich gegen die Stiefmutter richtet. Wir raten, dass man immer wieder alleine was mit den Kindern machen sollte. Also etwa der leibliche Vater an einem Nachmittag ausschließlich mit seinen Kids etwas unternimmt. Und dann auch mal die Stiefmutter mit ihnen alleine Zeit verbringt. So fühlen sich die Kinder geliebt und nicht zur Seite geschoben.

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Wenn die neuen Partner schlecht gemacht werden – und warum die sich nicht rächen sollen

WOMAN: Meist ist ja der Verlassene auch noch wahnsinnig verletzt, richtet seinen Zorn auf den neuen Partner. Und verhehlt das auch vor den Kindern nicht. Wie reagiert man als Stiefmutter, wenn ein Kind sagt: "Meine Mama mag dich nicht!"
Starke: Zunächst: Es ist recht verantwortungslos, wenn man Kinder auf diese Weise in Loyalitätskonflikte schiebt. Trotzdem ist es auch völlig menschlich, wenn Verletzungen oder Ärger mal hervorbrechen. Wenn Kinder derlei thematisieren, dann sollte man das ernst nehmen. Indem man die Gefühle der Kinder aufnimmt, Fragen stellt. "Wie geht es dir damit, wenn Mama so etwas sagt?" Wenn die Kinder älter sind kann man auch versuchen, ganz offen mit ihnen darüber zu reden: "Deine Mama ist immer noch traurig, weil sie nicht mehr mit deinem Papa zusammen lebt. Und weil sie sieht, dass ich jetzt hier mit euch lebe, ärgert sie das manchmal. Dann sagt sie solche Sachen." Man muss da sehr sensibel vorgehen. Vor allem aber sollte man im Gegenzug nicht die Mutter schlecht machen. Gut wäre es natürlich, wenn sich die leibliche Mutter und die Stiefmutter mal treffen. Um die Konflikte als Erwachsene untereinander zu lösen – und sie nicht über die Kinder auszutragen.

»Warum wird bei Patchwork-Familien erwartet, dass sich alle sofort ganz toll lieb haben?«

WOMAN: Stelle ich mir heikel vor. Wie sollte so ein Treffen arrangiert werden?
Starke: Auch hier muss die leibliche Mutter das Tempo und Setting bestimmen dürfen. Wann fühlt sie sich bereit, die neue Partnerin ihres Ex-Mannes kennenzulernen? Soll der beim ersten Treffen dabei sein – oder nur die beiden Frauen? Wo soll es stattfinden? Die Stiefmutter muss bei dem Treffen dann sehr sensibel vorgehen. Sie soll nicht erwarten, dass die andere sie sofort sympathisch findet, aber auch nicht mit dem Gefühl in das Gespräch gehen, dass sie gehasst wird. Stattdessen sollte sie zuhören, die Sorgen der anderen verstehen. Und ihr vermitteln, dass sie die Kinder mag – aber keine Zweit-Mami sein will.

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Die Schwierigkeiten für die Kinder – und warum nicht alles perfekt sein muss

WOMAN: Kinder sind in so sensiblen Konstellationen meist die größten Verlierer. Wie bringt man ihnen die neue Situation am schonendsten bei?
Starke: Solange die Kinder noch klein sind, sind sie sehr schnell bereit, einen neuen Partner anzunehmen. Wenn der offen und freundlich auf sie zugeht, sind Kinder bis etwa zehn Jahre einfach nur sehr glücklich, wenn sie ihren Papa oder Mama wieder lachen sehen. Dieses positive Gefühl überträgt sich dann auch auf den neuen Partner. Bei Jugendlichen ist es schon schwieriger. Die befinden sich durch die Pubertät meist ohnedies in Opposition zu den Eltern. Sie reagieren misstrauischer auf die neuen Partner, lehnen sie vielleicht sogar zu Beginn eher ab.

»Ein wohlwollendes Nebeneinander reicht doch auch schon«

WOMAN: Und was dann?
Hess: Akzeptieren. In Patchwork-Familien baut sich so ein wahnsinnger Erfolgs- und Liebeszwang auf. Die Kinder müssen den neuen Partner nicht nur mögen, sondern gleich ganz toll lieb haben. Von den Kinder, die da aus zwei Familien aufeinander treffen, wird erwartet, dass sie ratzfatz die besten Freunde sind. Das kann so aber nicht funktionieren. Also: Den grummeligen Teenager einen grummeligen Teenager sein lassen. Nicht einschleimen, nicht künstlich versuchen, eine enge Beziehung aufzubauen. Irgendwann löst sich der Widerstand, es entsteht dann vielleicht keine innige Beziehung, aber ein wohlwollendes Nebeneinander. Das reicht doch eigentlich auch schon.

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Wenn sich alles um die Patchwork-Familie dreht – und warum sich das neue Paar auch mal ausklinken muss

WOMAN: Was bedeutet Patchwork für ein Liebespaar, für eine Beziehung?
Starke: In unserem Buch wiederholen wir immer wieder: "Für Patchwork braucht man noch eine Portion Liebe mehr." Man muss sich darauf einstellen, dass man mit dem Partner nicht so viel Qualitätszeit hat. Dass die Bedürfnisse der anderen Familienmitglieder manchmal im Vordergrund stehen. Dass es manchmal noch eine Loyalität dem Ex-Partner gegenüber gibt oder Konflikte schwelen, in die man hineingezogen wird. Umso wichtiger ist es, diese Liebe zu pflegen. Verständnis zu haben. Sich auch mal aus dem Familienthema auszuklinken und etwas nur als Paar zu unternehmen.

WOMAN: Ist es ein Vorteil, wenn beide Partner Kinder mitbringen? Weil sie besser wissen, was Kinder für eine Beziehung bedeuten – aber auch, welche Bedürfnisse sie haben?
Hess: Es macht manches schwerer, weil sich natürlich nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die Kinder aufeinander einstellen müssen. Da kann es schon auch Rivalitäten geben. Das hängt aber alles auch ganz stark vom Alter der Kinder ab. Für das Paar ist es aber auch ein Vorteil: wenn eine kinderlose Frau plötzlich in eine Familiensituation katapultiert wird, dann fällt es ihr meist schwerer, gegenüber den Kindern dauerhaft zurückzustecken und zu akzeptieren, dass diese die Nummer 1 sind. Hat der Stiefpapa oder die Stiefmama selbst Kinder, fällt das Verständnis wesentlich leichter. Oft wird auch schneller ein Zugang zu den Kindern gefunden.

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Durststrecken und Stolpersteine – und wie der Patchwork-Versuch gelingen kann

WOMAN: Welche Voraussetzungen gibt es noch, damit der Patchwork-Versuch gelingen kann?
Starke: Ich mag das Wort "Versuch", da liegt schon mal viel Wahrheit drin. Oft passiert im Liebestaumel alles sehr hoppladropp, die Patchwork-Familien ziehen schnell zusammen. Ohne vorher schon einmal Alltag miteinander erlebt zu haben. Aber erst mit dem kommen die Probleme. Man erkennt, dass es nicht nur Schokoladen-Seiten gibt, dass andere Rituale eingeschliffen sind, die man nicht unbedingt mitmachen will. Wir raten den Paaren deshalb: Lasst euch Zeit. Versucht es einmal mit einem längeren gemeinsamen Urlaub, bei dem ihr die Ecken und Macken abtestet. Und wenn ihr dann zusammenzieht: Schafft auch einen Rückzugsbereich. Vielleicht kann der eine Partner noch eine Weile seine alte Wohnung behalten, in die er sich mit seinen Kindern retten kann, wenn der Patchwork-Versuch schief geht. Wenn sich etwa die Kinder gar nicht miteinander verstehen. Die Partnerschaft muss deshalb ja nicht beendet werden. Man kann ja auch sagen: Wir lieben uns, aber wir haben weiterhin zwei Wohnungen. Beziehung ist ja nicht von Räumlichkeiten abhängig.

WOMAN: Wann würden Sie sagen: Diese Patchwork-Familie hat eine gute Chance?
Hess: Wir stellen den Menschen, die bei uns Beratung suchen, immer eine Frage: "Können alle, die an dieser neuen Familien-Konstellation beteiligt sind, schon gemütlich und entspannt um einen Kaffeetisch sitzen und miteinander plaudern?" Wenn die Frage mit "Ja" beantwortet wird, dann sieht es schon sehr gut aus. Denn dann sind die meisten Konflikte ausgestanden.

WOMAN: Wie lange dauert das im Schnitt?
Starke: Im ersten Jahr sind alle verknallt, da gibt es keine Probleme. Die Jahre zwei und drei werden kritisch. So richtig gefestigt ist das System Patchwork meist erst nach fünf Jahren. Sowohl Thomas als auch ich leben in Patchwork-Konstellationen. Wir können deshalb auch aus persönlicher Erfahrung sagen: Es gibt Durststrecken und mächtig viele Stolpersteine. Aber wenn man die bewältigt, dann ist Patchwork etwas unglaublich Schönes.

Themen: Erziehung, Kinder