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Morgen platzen sie wieder in mein Leben

Vater sein: drei Tage die Woche. Single sein: vier Tage die Woche. Das soll mein Leben sein? Soll es. Und so fühlt es sich an. Ein Patchwork-Papa berichtet.

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Morgen platzen sie wieder in mein Leben

Morgen platzen sie wieder in mein Leben

© Privat

Kurz nach ein Uhr in der Früh, meine ruhige Wohnung. Herrlich. Ich kann rauchen und Musik hören. Die Nachbarn zetern und der Kühlschrank brummt. Sonst nichts. Vor zehn Monaten hätte ich das nicht machen können. Jetzt schon.

Ich bin 33, Single und darf mitten in der Nacht wach sein, schreiben, rauchen und die Beatles abspielen. Bis morgen Nachmittag, wenn ich will. Dann hol ich die Kleinen.

Der Wäschekorb ist noch voll, der Kühlschrank leer und das Bett nicht gemacht. Das stört mich, aber nicht die Kleinen. Die wollen Zoo, Eis und Pippi Langstrumpf auf YouTube.

Der Große ist drei. Dreieinhalb würde er sagen. Die Kleine wird bald zwei. Wenn ich von den beiden erzähle, erzähle ich nicht, dann schwärme ich. Kulleraugen, Trotzphasen und Milchflecken auf dem Parkett.

Morgen kommen sie wieder. Platzen in mein Single-Leben, zwingen mich Dates zu verlegen, Arbeit abzugeben, verschlingen Essen für mindestens 50 Euro und lachen, weinen, singen, tanzen und schreien drei Tage durch mein Leben.

Ich tauche dann in eine Welt ein, die eigentlich den Müttern gehört. Meistens bin ich der einzige Vater am Spielplatz und der beim Kindergarten anläutet. Ich will nicht politisieren. Manche wollen Geld und die anderen wollen Zeit.

»Ich habe mich dazu entschieden, letztere so oft wie möglich mit meinen Kindern zu verbringen. Zum Ärger meiner Chefs und meines Kontostandes.«

Den Großen beschäftigen zur Zeit die großen Themen: Drei zu sein, Leben und Tod, was mit vier alles möglich wird und wie es sich anfühlt, zwei Wohnungen zu haben.

Die eine bei Mama, die ihn die Avocado in den Salat schneiden lässt, einen Garten mit Sandkasten hat und ihm beibringt, mit Pfeil und Bogen zu schießen. Den Bogen hat Opa für ihn geschnitzt als er in der Stadt war.

Und die andere bei Papa, der mit ihm Geister durch die Wohnung jagt, die Tauben im Innenhof füttert und ihn mit auf ein Jimmy Cliff-Konzert nimmt.

Der Große liebt die Abwechslung. An die Zeit, als wir alle noch gemeinsam in einer Wohnung gelebt haben, kann er sich nur mehr dunkel erinnern.

Die Kleine kann das nicht. Sie war kein Jahr alt, als wir neue Wege gingen. Sie weiß nicht, wie sich das anfühlt, wenn alle unter einem Dach leben. Aber wenn sie bei Mama ist, hebt sie mitten im Spiel die Ärmchen und fragt mit großen Augen, ob Papa denn schon wieder in der Arbeit ist.

Übernachtet sie bei mir, schreckt sie mitten in der Nacht auf und sucht den Geruch und die Nähe ihrer Mama. Die ist nicht da. Aber Papa. Das hilft auch. Ihr fällt jeder Abschied schwer.

»Mama ist nicht da. Aber Papa. Das hilft auch.«

Für uns Erwachsene würde sich die Gefühlswelt, durch die sie schlittert, so anfühlen, als würde man in der einen Sekunde frisch verliebt unter dem Eiffelturm an einer Laterne lehnen und in der anderen Sekunde, als würde man in einem chinesischen Geheimgefängnis glühende Drähte unter die Fingernägel geschoben zu bekommen.

Aber sie packt das schon, weil sie das Leben liebt. Sie grüßt in der U-Bahn in die Runde, ein paar schwarzafrikanische Kolporteure am Westbahnhof kennen ihren Namen. Sie trägt gerne Spangen im Haar, mag Hunde, Katzen und Kühe und den ganzen Tag lang nur Joghurt essen. Ihr geht es gut. Und uns geht es allen gut.

Samstags sind wir zu viert unterwegs. Wir vertrauen, schätzen und respektieren uns. Mittlerweile so, wie wir uns es damals in der Beziehung gewünscht hätten. Samstags bauen wir Burgen auf der Jesuitenwiese, Planschen im Bundesbad oder bestellen uns Pizza Margarita.

Wir sind eine Familie. Wir sind Patchwork und ein verschworener Haufen. Wir kommen klar, auch wenn es uns ab und zu durcheinander wirbelt. So fühlt sich eben unser Leben an.

Und darüber werde ich hier in Zukunft schreiben. Die Trennung, das Pech, die Erziehung, das Glück, die Liebe, der Sex, die Kindergeburtstage und die Eiertänze. Über die Frau und die Männer, die Kinder, die Frauen und mich.

Es ist halb drei. Ich denke an die Baby-Bodies, die ich morgen früh noch waschen muss, den Billa und die Stromrechnung. Der Eiskasten brummt und bei den Nachbarn brennt kein Licht mehr. Bald hol ich die Kids. Das wird großartig.

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