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Patrick Louis Vuitton im WOMAN-Interview

Ein Luxuskoffer für Barbie-Kollektionen, ein Tee-Trunk für den Maharadscha von Baroda oder doch lieber ein Köfferchen für Karl Lagerfelds iPod-Sammlung? Bei den maßgefertigten Gepäckstücken von Patrick Louis Vuitton ist nichts unmöglich!

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  • Patrick Louis Vuitton.

    Bild 1 von 9 © Louis Vuitton
  • Modechefin Clara Bilek mit Patrick Louis Vuitton.

    Bild 2 von 9 © Louis Vuitton

Ein sonniger Herbsttag in Asnières, einem Vorort von Paris. Ich treffe einen Mann, der den Namen einer Weltmarke trägt. Patrick Louis Vuitton (PLV), Ururenkel des Markengründers und als Kreativdirektor zuständig für die Abteilung „exquisites Reisegepäck“. So exquisit, dass man schon zu den oberen Zehntausend gehören muss, um eine derartige Sonderanfertigung sein Eigen nennen zu können. Über den Preis wird natürlich, ganz gentlemanlike, geschwiegen. Zahlen, Marketing und Zielgruppen – über so etwas redet Monsieur nun mal nicht gern. Dafür hat der ausgesprochen charmante 61-Jährige, der mich mit Bart, Pfeife und adrettem Anzug irgendwie an Hercule Poirot erinnert, andere, weitaus interessantere Dinge zu erzählen …

WOMAN: 2004 ist die Marke Louis Vuitton 150 Jahre alt geworden. Seit ihrer Gründung hat sich vieles verändert. Was denken Sie darüber?

PLV: Louis Vuitton hat heute viel mehr Facetten als früher. Es gibt neben den Lederprodukten eine Modelinie für Damen und Herren, Uhren, Schuhe und Schmuck. Trotzdem ist der Esprit der Marke aber der gleiche geblieben! Das heisst: Wir lassen auch heute noch jedes Produkt in der Region produzieren, wo es das beste Savoir-faire, also die besten Fachkenntnisse, dafür gibt. Die Lederwaren werden so z.B. in Frankreich, die Schuhe in Italien und unsere Uhren in der Schweiz hergestellt. Wichtig sind auch der Einzelhandel und der Vertrieb. Beides ist in unseren Händen, so können wir Qualität garantieren. Wir haben eben immer noch den höchsten Anspruch!

WOMAN: Was lieben Sie an Ihrer Arbeit?

PLV: Ich bastle für mein Leben gern und liebe es, den klassischen Reisekoffer immer wieder neu zu erfinden. Ein Kundenwunsch kann noch so skurril sein, solange es sich um ein Gepäckstück handelt, fertige ich es an. Ich entwerfe die Koffer nicht nur, sondern kann sie auch von A bis Z bauen. Ich habe Kürschner und Tischler gelernt – und eben wie man einen Koffer macht.

WOMAN: An welche besonders ausgefallenen „Orders“ erinnern Sie sich?

PLV: Ich treffe mich mit jedem Kunden persönlich und entwickle dann in ca. 1-2 Stunden mit ihm zusammen seinen Wunschkoffer – wir nennen ihn Trunk. Meine Kunden haben meist eine sehr konkrete Vorstellung, also geht das ziemlich rasch. Manchmal bringen Sie sogar Zeichnungen mit. Während dem Gespräch skizziere ich den Trunk und dann treffen wir uns erst wieder bei der Koffer-Übergabe. Gefertigt wird der Trunk dann von meinem 20-köpfigen Team. Am beliebtesten sind Schmuckkoffer. Einmal kam eine Dame, die wollte einen kleinen Koffer für zwei kristallene Champagnergläser, weil sie mit ihrem Mann im Flugzeug nicht mehr aus Plastikgläsern trinken wollte. Diese Einstellung, das ist für mich der wahre Spirit von Louis Vuitton! Das ist Luxus!

WOMAN: Ich weiss von einem Tortenkoffer mit Kühlfunktion ...

PLV: Ja, mit Isotherme, aber das ist für mich nicht wirklich extravagant. Ich habe ein Buch herausgebracht (Anm.d.Red. „The history of special orders“) , worin alle besonderen Trunks gezeigt werden.
(Er lässt sich das Buch bringen und beginnt mit mir darin zu blättern.)
Hier ein Koffer für Kalligrafie in Arabisch. Es war eine Bestellung aus Dubai mit exotischem Leder. Hier haben alle Dinge Platz, die man für die Schönschreibkunst eben so braucht.
(Er blättert weiter.)
Hier ein Koffer aus der Made-to-order-Kollektion. Diese Kollektion ist permanent. Man sucht sich einen Trunk daraus aus und kann ihn dann in Material, Farbe und Futterstoff seinen persönlichen Vorlieben anpassen.
(Er blättert weiter.)
Der hier war für mich, ein Koffer für mein grosses Hobby die Aquarellmalerei ...

WOMAN: Haben Sie noch andere Trunks für sich entworfen?

PLV: Für meine Hunde einmal ein Halsband, aber das war nur zum Spass. Sie müssen wissen, ich habe über 100 Hunde und kenne sie alle beim Namen! Als ich früher noch bei unseren Segel-Regatten mitgefahren bin, habe ich auch eine Steamer-Tasche entwickelt, damit ich abends mit gebügeltem Hemd und Hose beim Galadinner erscheinen konnte.
Hier ein Koffer für einen Kabuki-Künstler. Er wollte Platz für seine Schminke. Im Kabuki-Theater braucht der Schauspieler ca. 1,5 Stunden um sich herzurichten. Ich habe drei Abende lang in der Garderobe beim Schminken zugesehen um die genaue Reihenfolge zu kennen. Dann habe ich den Koffer so entworfen, dass alles am rechten Platz war. Jahre später hat sich der Künstler noch bei mir bedankt, weil er so glücklich mit dem Trunk war.

WOMAN: Stimmt es, dass ein Kunde das Innenfutter seines Koffers aus dem Material seiner Lieblings-Boxershort gefertigt haben wollte?

PLV: Aber nicht doch! Das ist doch rein technisch gar nicht möglich. Für das Innenfutter wäre so ein Material nicht robust genug. (Na toll, denke ich. Diese Behauptung aus einem BUNTE-Interview, meiner Recherche-Quelle, ist also erfunden ...)

WOMAN: Für wen würden Sie gerne einmal einen Trunk entwerfen?

PLV: Ob berühmte Hollywoodstars, Maharadschas oder Scheichs, sie alle haben schon bei mir bestellt. Wir machen im Jahr an die 400 Special Orders. Mich interessiert nicht das „für wen“, wichtig ist vor allem, dass meine Kunden Reisende sind.

WOMAN: Was für eine Klientel bestellt bei Ihnen?

PLV: Meine Kunden sind, wie gesagt, meistens Leute, die viel reisen, die viel Zeit im Flieger oder Zug verbringen. Businessleute, Künstler, Musiker, Schauspieler. Leute, die ihr Make-Up oder ihr Instrument auf Reisen brauchen. Viele kommen auch öfter und lassen sich im Laufe der Zeit mehrere Trunks anfertigen.

WOMAN: Und wie viel kostet so ein Trunk etwa?

PLV: Das kann man nicht sagen. Es kommt ja auf die Arbeitszeit und das Material an. Bis so ein Koffer fertig ist, kann das 10 bis 250 Stunden dauern. Je nach Koffer, Grösse, Material und Aufwand. Zu mir kommen Kunden, die, sagen wir mal, finanziell komfortabel sind. Zuerst wird aber nicht übers Geld gesprochen, sondern über das was sie wollen. Geld ist ihnen aber auch keineswegs egal. Sie geben ein finanzielles Limit vor und wenn ich dann die Skizze mache, achte ich natürlich darauf, was der Kunde ausgeben will.

WOMAN: 1987 kam die Fusion mit Moët Hennessy zu Stande. Sie waren das einzige Vuitton-Familienmitglied, das damals im Unternehmen geblieben ist. Was hat Sie dazu veranlasst?

PLV: Die Antwort ist einfach: Weil ich meinen Job liebe! Ich hatte ein tolles Team und war zu dem Zeitpunkt schon über 20 Jahre im Unternehmen, also gab es für mich keinen Grund aufzuhören. Ausserdem habe ich mit Arnault (Anm.d.Red. Bernard Arnault ist Präsident des LVMH-Konzerns) gut verstanden.

WOMAN: Was ist momentan Ihr ehrgeizigstes Projekt? Ich habe gelesen, dass sie gerade an einem weltraumtauglichen Kofferset tüfteln ...

PLV: Nein, es gibt keinen Space-Trunk. (Ach wie peinlich! Schon wieder eine falsche Info, dieses Mal aber aus den Presseunterlagen der PR-Agentur. Wie das möglich ist, sehr eigenartig, anyway ...) Aus dem einfachen Grund weil es in einem Spaceshuttle nicht genug Platz für einen Koffer gibt. Aber, sobald es genügend Platz gibt, werde ich mich gleich daran setzen einen derartigen Koffer zu entwickeln.

WOMAN: Angeblich wird jeder Prototyp auf einer Reise von Ihnen selbst getestet?

PLV: Aber nein! Ich teste die Koffer nicht selbst, es sind ja Unikate, das geht gar nicht (Na toll! Und schon wieder voll ins Fettnäpfchen getappt. Diese Info hatte ich u.a. von independent.co.uk und vogue.de. Seriöse Quellen sollte man meinen, aber scheinbar hat hier einer den anderen gecopied und gepasted.) Ich treffe den Kunden einmal und mache mit ihm die Zeichnung. Dann wird der Koffer gefertigt und zum Schluss, wenn der Trunk fertig ist, kommt der Kunde und legt das Stück, für welches der Koffer designt wurde, hinein. Das ist der wichtigste Moment und quasi der Test ob der Trunk passt oder nicht.

WOMAN: Wie lange wollen Sie noch Koffer entwerfen?

PLV: Ich weiß nicht (lacht) . Ich habe noch so vieles vor in meinem Leben, trotzdem weiss ich nicht wann und wie ich mit dem Koffermachen aufhören soll. Es ist eben meine Leidenschaft! Aber wenn es soweit ist werde ich auf jeden Fall viel Zeit mit meinem Aquarell-Trunk verbringen.

WOMAN: Wer wird dann Ihre Position übernehmen? Ihre Kinder vielleicht, der Tradition wegen?

PLV: Mein Team wird das machen. Es hat mein Wissen und wird das weiterführen, was ich Ihnen beigebracht habe. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig das Savoir-faire weiterzugeben. Eine ältere Person gibt ihr Wissen immer an die Jüngeren weiter. Meine beiden Kinder arbeiten im Unternehmen, aber in anderen Abteilungen, nicht hier bei den Sonderanfertigungen.

WOMAN: Denke Sie daran eine Biographie zu schreiben?

PLV: Ich habe bereits dieses Buch geschrieben (deutet auf das Buch) , das reicht denke ich. Meine Biographie sind meine Koffer.

WOMAN: Sind sie ein guter Chef?

PLV: Ich denke ja (lacht) . Es arbeiten ca. 20 Leute in meinem Team. Letztes Jahr haben sie mir zum Geburtstag (Anm.d.Red. Patrick Louis Vuitton wurde am 27.9.1951 geboren) eine ganz grossartige Überraschung gemacht.

WOMAN: Zum 60er?

PLV: (Er zögert ein wenig bevor er sichtlich ungern sein Alter preisgibt.) Ja zum 60er. Sie haben für mich einen Trunk gemacht und obwohl ich 2-3 Mal in der Woche hier bin, habe ich nichts davon gemerkt. Das war wirklich magnifique! (seine Augen funkeln) . Das Schönste daran war für mich, dass es mein Team ohne mich geschafft hat einen Trunk zu machen. Es ist mir also gelungen mein Wissen weiterzugeben und das macht mich stolz.

WOMAN: Und was für ein Trunk war es?

PLV: Ein Koffer für einen Aperitif. Für Ricard um genau zu sein. Der Hintergrund: Ich arbeite seit 40 Jahren hier und immer wenn es etwas zu feiern gab wie eine Hochzeit, Babies und anderes haben wir mit einem Ricard angestossen. Für Louis Vuitton ist es also ein legendärer Aperitif! Dazu gab es noch ein Fest. Ich wurde in ein Hotel gebeten um einen Kunden zu treffen. Also bin ich hin und da stand ein grosses Buffet mit Salaten, Würstchen und dem ganzen drum herum und ich dachte noch „Wow, das muss aber ein wichtiger Kunde sein, wenn er so einen Empfang bekommt.“ Und dann plötzlich kamen alle meine Mitarbeiter hervor, auch die bereits pensionierten. Einer der ältesten war mittlerweile 92 Jahre alt! Es war sehr rührend! Da habe ich ganz klar mein anderes Dinner gecancelt und gesagt, dass ich leider beruflich verhindert bin (lacht) .

WOMAN: Was denken Sie ist das Erfolgsgeheimnis von LV?

PLV: Drei Worte: Qualität des Materials, Qualität der (Hand)Arbeit, Qualität des Vertriebs und eine gute Mischung aus Tradition und Innovation. Innovation heisst nicht nur neue Produkte entwerfen. Es geht auch um die Innovation dahinter wie neue technische Innovation bei Material und Herstellung.

WOMAN: Was wünschen Sie sich für die Zukunft von LV?

PLV: Dasselbe wie bisher. Unsere drei Wörter funktionieren sei über 150 Jahren. Warum also nicht länger (schmunzelt) .

WOMAN: Bekomme ich zum Abschluss noch ein Foto mit Ihnen?

PLV: Bien sûr! (und schon stellt er sich neben mich und lächelt in die Kamera. Die Hand hat Monsieur übrigens ganz von selbst um meine Taille gelegt. Ein französischer Charmeur eben ...)

Thema: Louis Vuitton

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