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Interview: Eine Nacht mit Paul Pizzera

22 Uhr. Der Vorhang auf der Bühne fällt. Für uns geht es jetzt aber erst richtig los. Wir sind mit dem Musiker in seinem Hotelzimmer im Wiener "Grand Ferdinand" verabredet, zum WOMAN-Nighttalk.

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Paul Pizzera
© Marko Mestrovic

Man kann eigentlich gar nicht anders, als ihn gut zu finden: Er ist fesch, muskulös, hat ein charmantes Lachen, ein herzliches Naturell und ganz viel Schmäh. Nicht umsonst ist Paul Pizzera, 29, momentan einer der erfolgreichsten Künstler hierzulande. Gemeinsam mit Kollege Otto Jaus, 35, mischt er die heimischen Charts auf, rockt die Bühnen in Österreich und Deutschland und staubt einen Preis nach dem anderen ab. Zuletzt den Amadeus Award für das "Album des Jahres". Der Terminkalender ist entsprechend voll. Nach einer seiner Shows nahm sich der Musiker dennoch bis kurz vor Mitternacht Zeit, um mit uns zu chatten.

(22:00): Hey, ready?

Pizzera: (22:01): Born ready!

(22:01): Achso, ist das so?

Pizzera: (22:02): Lustig! Die hüpfenden Punkte, die auftauchen, wenn Sie schreiben, erinnern mich an den Breakdance-Move aus dem Musikvideo von Wes Alane.
(22:03): Nein, eigentlich gar nicht. Ich bin alles andere als ein cooler Eiswürfel. (22:03): Nervosität ist ein steter Begleiter.

(22:05): Wann waren Sie zuletzt nervös?

Pizzera: (22:06): Vor etwa 2,5 Stunden. In der Garderobe vor dem Auftritt.

(22:07): Und was hilft gegen das Lampenfieber: Atemübungen, ein Stamperl Schnaps oder Meditationsmusik?

Pizzera: (22:09): Es ist gut, dass ich vor einem Auftritt nervös bin. So ist man konzentrierter und bringt dem Publikum den nötigen Respekt entgegen. (22:10): Ich hab davor und währenddessen noch nie getrunken. Dafür bin ich viel zu ehrgeizig. Ich hätt echt Bammel, dass ich dann nicht so abliefern könnte. Danach kann man sich ruhig gepflegt wegschnepfen, aber das ist Freizeit, und das will ich strikt trennen. (22:12): Aber Ein Kollateralschaden der Nervösität ist leider das Rauchen Ich sollte auf hören, aber bis 30 verzeiht dir dein Körper alles.

(22:15): Haha, danach ist das Leben zum Glück aber auch nicht vorbei ;-) Haben Sie tatsächlich vor, aufzuhören, oder sagen Sie das jetzt nur, weil 's verantwortungsvoll klingt?

Pizzera: (22:17): Ich hab ernsthaft vor, aufzuhören, aber jetzt noch nicht. Hey, ich bin noch 29 Ein bisschen Rock 'n'Roll muss schon sein!

Paul Pizzera
In der Badewanne chatten? Paul Pizzera im Interview.

(22:19): Wikipedia sagt, Sie feiern am 17. Juli Ihren runden Geburtstag. Was steht noch so alles auf Ihrer 30er-To-do-Liste?

Pizzera: (22:21): Nichts im Prinzip. Ich hab mir nie Ziele gesteckt, und das war offenbar die richtige Strategie für mich. Ich weiß, dass Erfolg eine Mischung aus Leistung und Zufall ist. Eines kann ich beeinflussen, und für das andere bin ich sehr dankbar!

(22:21): Was würde Ihr 15-jähriges Ich heute zu Ihnen sagen?

Pizzera: (22:22): "Was Clearasil alles bewirken kann Hut ab!" Ich war wirklich ein Akne-Opfer ersten Rangs.

(22:23): Oh no! Sie Armer!

Pizzera: (22:26): Ich hab bei meiner Firmung ausgesehen wie Robert Redford. Nur dass ich nicht reiten konnte Und ich musste sieben Jahre lang Brackets tragen. Mich kann nichts mehr erschüttern! Damals hatte ich nur eine Chance: Wenn du's nicht über die Optik machst, musst du es sprachlich und humoristisch drauf haben.

(22:28): Na bitte, und jetzt sind Sie einer der feschesten Promis Österreichs!

Pizzera: (22:29): Hahaha! Ich bin guter Durchschnitt, glaube ich. Und das reicht vollkommen.

(22:29): Was können Sie überdurchschnittlich gut?

Pizzera: (22:32): Ich glaube, dass ich Worte sehr gut in Musik kleiden kann. Ob das überdurchschnittlich ist, kann ich nicht beurteilen. (22:32): Moment, bin gleich wieder da. Ich lass mir nur schnell einen Kaffee runter! (22:34): Machen Sie das! Ich ordere derweil noch ein kleines Bier und Rauch am Balkon eine. Hab das Handy mit. (22:39): Wieder da. Wo sind Sie eigentlich gerade? (22:40): In der Hotelbar im "Grand Ferdinand". Ganz oben in der Grand Etage. (22:43): Die Leute denken sich fix schon: "Hawi, ruf sie einfach an Wäre einfacher!" (22:44): Hm, aber so hat 's ein bisschen was von "Gut gegen Nordwind".

»Wenn du es nicht über die Optik machst, musst du es sprachlich und humoristisch draufhaben!«

(22:48): Hab mir letztens erst überlegt, wie selten man mittlerweile miteinander telefoniert. Eher tippt man minutenlang was ins Handy, anstatt einfach anzurufen. Ich liebe "Gut gegen Nordwind" übrigens sehr. Eines der wenigen Bücher, das ich mehrmals gelesen hab.

Pizzera: (22:51): Ich denke, das liegt daran, dass man mit Textnachrichten seine Meinung "besser" hinpatzen kann: "Ich find, ich glaub etc." Was der andere damit macht, ist nicht dein Problem. Das ist einerseits Bequemlichkeit und andererseits Spontanitätsabschaffung. Ich red groß Ich bin oft um nix besser. (22:52): Ich hab 's nur ein Mal gelesen und eine tolle Aufführung am Grazer Schauspielhaus davon gesehen. (22:54): Die einzigen zwei Bücher, die ich öfter als einmal gelesen habe, sind "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupery (fix falsch geschrieben) und "Dienstags bei Morrie" von Mitch Albom (fix richtig geschrieben). So, und das zweite Bier habe ich soeben mit Stolz geleert.

(22:56): Haha, bin mir auch immer unsicher, wie man ihn schreibt. Ist aber richtig. Nur den Accent über dem "e" haben Sie vergessen. (Hab sicherheitshalber gegoogelt!) Was mögen Sie an den beiden Büchern? Und cheers, falls noch ein drittes kommt!

Pizzera: (22:57): Prost! Sie erzählen mir alles über das Leben, was ich hören und glauben will.

(22:57): Zum Beispiel?

Pizzera: (23:00): Dass die Angst vor der Zukunft nie größer sein darf als die Freude über die Gegenwart.

(23:02): Schöne Aussage. Könnte man sich eigentlich tätowieren lassen!

Pizzera: (23:04): Ich bin nicht gepeckt. Ich hab die kritische Phase auch schon hinter mir. Wennst dich mit 15 stechen lässt, sagt jeder: Jugendsünde. Mit 25 sagen sie: Quaterlife Crisis. Und mit 50 heißt es dann: Sachwalterschaft! Sind Sie tätowiert?

(23:07): Nein, bin ich auch nicht. Angenommen, Sie müssten sich jetzt sofort für ein Motiv entscheiden: Welches wäre es?

Pizzera: (23:08): Wahrscheinlich ein Schienbeindeckel mit dem Sturm-Graz-Emblem.

(23:08): Scharf!

Pizzera: (23:10): Gilette-Mach-3- Messerschoarf!

(23:12): Bei mir im Hintergrund läuft gerade Ihr Song "Unerhört solide". Was bedeutet für Sie Erfolg? Und wie hat Sie Ihre Karriere als Mensch verändert?

Pizzera: (23:16): Dass ich ohne Erfolg könnte, aber nicht will Ich glaub, das trifft 's für mich ganz gut. Und es macht was mit dir, keine Frage Als ich vor 11.000 ausrastenden Leuten in der Stadthalle gestanden bin, war das so ein Hochgefühl, dass ich es gar nicht sinnerfassend beschreiben kann. Wenn du dann zwei Tage später deinen Geschirrspüler ausräumst und keiner klatscht (hoffentlich tut das keiner), ist das so ein immenser Serotoninabfall. Damit musst du mal klarkommen. Aber mir sind viele Ups and Downs lieber als stete Monotonie.

Paul Pizzera
Paul Pizzera beim Nighttalk

(23:18): Haben Sie schon mal per SMS Schluss gemacht?

Pizzera: (23:19): Nein, das ist ja wohl wirklich das chuzpeloseste, was es gibt.

(23:20): Na gut, es geht noch dreister. Es gibt immerhin auch Leute, die machen gar nicht Schluss, sondern tauchen einfach unter. Stichwort: "Ghosting"

Pizzera: (23:22): Das heißt ernsthaft "Ghosting"??? SMILEY!!!!!!!!! (23:23): Ein Terminus Technicus für "sich würdelos aus dem Staub machen" Herrlich! (23:25): Und dann unterhalten sich zwei Freunde: "Wie läuft 's? Host jetzt Schluss gmacht?" - "Du, na, i ghost sie jetzt a poar Monat und dann schau i weiter." Bist du deppat! Wieder was dazugelernt! Apropos "Ghosting": Wann weiß ich, wann das Interview vorbei ist?

(23:25): Wenn ich Sie blockiere! ;-) Hm, ein Bier noch?

Pizzera: (23:27): Nummer vier ist fertig, ein kleines geht noch. Passt.

(23:28): Aber hallo! Was haben Sie heute denn noch vor?

Pizzera: (23:30): Ich bin zwei Meter. Da passt viel rein! ;-) Ich mache heute nichts Großartiges mehr: Wahrscheinlich noch ein bisserl Serien schauen. Bei "Shameless" bin ich gerade voll reingekippt. Frank Gallagher ist einfach der feinste Hawi, den es gibt. Morgen frühstücken und Gym und dann wieder auf die Bretter, die die Welt bedeuten.

(23:31): Was beschäftigt Sie im Moment am meisten?

Pizzera: (23:35): Wie ich den Spagat zwischen dem Leben als Pizzera und dem als Pauli meistere. Es ist oft schwierig, alles unter ein Baseball-Cap zu bringen und dabei nicht sein Gesicht zu verlieren. Man darf sich nicht brechen, um zu entsprechen.

(23:37): Jetzt spielt es bei mir gerade "Mama". Was war der wichtigste Ratschlag, den Ihnen Ihre Mutter mit auf den Weg gegeben hat?

Pizzera: (23:37): Scheiß da nix, dann fehlt dir nix! ;-)

(23:40): Sie engagieren sich sehr für die Frauenhäuser. Warum?

Pizzera: (23:42): Meine Mutter ist die wichtigste Konstante in meinem Leben, und da es nicht nur mir so geht, möchte ich das unterstützen. (23:44): So, jetzt aber! Ich glaube, dass sich der nicht mehr ganz so kleine Prinz in sein Bettchen legen muss, um morgen wieder frisch in den Tag zu starten. Danke für die nette Unterhaltung!

(23:45): Also werden Sie gleich zum Traumprinzen. ;-) Schlafen Sie fein.

Pizzera: (23:45): Haha! Danke, Sie auch.

Thema: Society