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Paul Pizzera: Was bin ich ohne Bühne wert?

Sein Ego braucht den Applaus, um sich gut zu fühlen. Durch Corona fallen die Auftritte aber aus. Künstler Paul Pizzera, 32, über zu wenig Aufmerksamkeit, einsame Nächte, die zur Selbstheilung dienen, und andere Erkenntnisse.

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© Ulli Rauch

Kochen Sie, während wir miteinander sprechen?" - "Wie bitte?" - "Es hört sich an, als würden Sie nebenbei Gemüse schneiden." - "Nein, das ist der Boden. Ich muss beim Telefonieren immer herumgehen. Essen gibt's erst später. Coq au Vin." - "Sehr gut. Wo waren wir stehen geblieben? ... Ihre Psyche ..." Ein Auszug aus dem ungekürzten Gesprächsprotokoll mit Künstler Paul Pizzera, 32, der im ersten Lockdown sein erstes Buch geschrieben hat. "Der hippokratische Neid" lag gleich in der ersten Woche nach dem Erscheinen auf Platz eins der Bestsellerlisten. Kaum war es draußen, arbeitete er auch schon am zweiten. Und am dritten Album mit Musikerkollege Otto Jaus, 37. Jetzt haut das Erfolgsduo einen potentiellen Hit nach dem anderen raus: "shotgun" ist gerade erschienen, am 7. Mai folgt "frmdghn".

Man sieht: Stillstand ist nichts für den Grazer, obwohl er seine Rastlosigkeit, seine "fast schon kranke Getriebenheit", wie er selbst sagt, deutlich besser als gedacht im Griff hat. "Ich habe mir die auftrittslose Zeit für meine Seele drastischer vorgestellt, als sie ist", so Pizzera. Sein letzter großer Auftritt liegt mittlerweile lange zurück. Im Interview erzählt er von der ambivalenten Beziehung zu sich selbst und den Löchern in seiner Seele, die er lange auf falsche Weise zu füllen versuchte.

»"Man muss sich selbst die Liebe entgegenbringen, die man braucht."«

WOMAN: Der erste Satz in Ihrem Buch lautet: "Mein Name ist Paul Pizzera, ich bin knapp über 30, und ich habe Probleme." Welche sind das aktuell?

PIZZERA: First world problems, nichts Gravierendes zum Glück. Klar, es wäre schon schön, mal wieder in der Stadthalle zu spielen oder am Donauinselfest, aber das sind in Wahrheit Befindlichkeiten. Die eigene Bühnengeilheit darf nicht wichtiger sein als die Tatsache, dass wir ein ernst zu nehmendes Problem haben.

Was macht es mit Ihnen, dass Sie gerade nicht auftreten können?

PIZZERA: Einerseits sind es das Serotonin, das Adrenalin und die ganzen chemischen Cocktails, die der Körper dabei ausschüttet. Die fehlen mir. Andererseits geht es darum, dass jeder, der sich auf die Bühne stellt, einen Poscher hat. Es gibt keinen gesunden Menschen, der von einer anonymen Masse hören will, dass er gut ist. Man sucht nach Bestätigung. Viele definieren sich durch das, was sie auf der Bühne kriegen, mich eingeschlossen.

Wo holen Sie sich jetzt die Anerkennung?

PIZZERA: Ganz viel in Erinnerungen. Ich träume unglaublich oft von Auftritten. Aber es geht auch darum, den Selbstwert wirklich selbst zu erkennen und zu sehen, dass man auch ohne Publikum genügt. Das ist eine der schwierigsten Aufgaben, und ich kann nicht behaupten, dass ich das vollends bewältigt hätte. Ich habe eine sehr ambivalente Beziehung zu mir. Ich habe lange versucht, durch den Applaus ein Loch in mir zu füllen. So funktioniert das aber nicht. Man muss sich selbst die Liebe entgegenbringen, die man braucht. Niemand kann das für einen übernehmen. Nicht der Job, nicht der Partner, nur man selbst. Ohne Auftritte schaue ich noch mehr dorthin, wo's innerlich drückt, und frage mich: Was bin ich ohne Bühne wert?

Wie lautet Ihre Antwort darauf?

PIZZERA: Ich bin das wert, was ich mit Bühne auch wert bin, aber erst ohne Bühne habe ich gelernt, es zu sehen.

Wie sind Sie, wenn Sie zu wenig Aufmerksamkeit bekommen?

PIZZERA: Anstrengend, bist du deppat! Ich hab noch mehr als sonst die Papp'n offen und lass die anderen noch weniger ausreden. Nobody's perfect. Ich habe noch viel zu lernen, aber ich bin auch willens. Und manchmal helfen banale Dinge wie Lesen, um auf andere Gedanken zu kommen.

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Große Bühnenauftritte fallen momentan aus . "Ich habe vor Corona bis zu 170 Shows im Jahr gespielt. Jetzt denke ich mir: Das war auch nicht nötig", so Pizzera über den Zwangsurlaub.


Welches Buch lesen Sie gerade?

PIZZERA: "Herr Sonneborn geht nach Brüssel". Darin erzählt Journalist und Politiker Martin Sonneborn, wie er im EU-Parlament sitzt, nichts tut und gemütlich mit 30.000 Euro im Monat auskommen muss. Es ist sehr witzig geschrieben, gleichzeitig unfassbar tragisch, dass so etwas überhaupt geht.

Wie gut können Sie allein sein?

PIZZERA: Sehr gut. Ich bin immer wieder gerne allein, ungeachtet meines Beziehungsstatus. Auch wenn man vergeben ist, muss man immer wieder so egoistisch sein und Zeit für sich selbst einfordern. Viele retten sich ja von einer Partnerschaft sofort in die Nächste, damit sie ja keine Nacht allein sein müssen. Dabei ist das wichtig, um sich selbst besser kennenzulernen und sein Innenleben aufzuarbeiten.

Nachdem wir mehr denn je Zeit mit uns selbst verbringen: Was mögen Sie an sich selbst?

PIZZERA: Meine positive Art. Ich glaube, auch wenn ich nichts mehr habe, bleiben mir mein Humor und mein Lachen. Egal wie schwarz es um mich herum ist, ich schaffe es, aus jeder noch so großen Tragödie ein bisschen eine Komödie zu destillieren.

Was gefällt Ihnen nicht?

PIZZERA: Meine Ungeduld, Rastlosigkeit und fast schon kranke Getriebenheit. Ich versage es mir dadurch manchmal, die Gegenwart zu genießen. Das ist definitiv nicht gesund, das weiß ich. Aber ich arbeite dran. Und ich glaube, der ganze Wahnsinn hat zumindest dahingehend etwas Positives, dass er mich entschleunigt hat. Ich habe im Jahr mehr als 170 Shows gespielt. Klar, das war cool und hat Spaß gemacht, aber in dem Ausmaß war's trotzdem nicht notwendig.

Was einem als Stimmungsbild in der Gesellschaft immer wieder unterkommt: Viele haben fast ein schlechtes Gewissen, wenn ihnen trotz oder vielleicht sogar durch Corona etwas Gutes widerfahren ist…

PIZZERA: Ja, das merke ich auch. Nur kann man in allem Schlechten auch positive Seiten finden, wenn man genau hinsieht. Natürlich darf man jene nicht vergessen, die es wirklich hart getroffen hat. Aber gleichzeitig tut es niemandem mehr weh, wenn ich subjektiv etwas als gut empfinde. Ich kann jetzt vieles, was ich sonst unter Druck mache, ganz entspannt angehen.

Man hat das Gefühl, bei Ihnen ist immer was los. Wie leicht fällt es Ihnen, nichts zu tun?

PIZZERA: Geht so. Ich spüre mich durch Leistung und mag mich mehr, wenn ich etwas mache. Deshalb versuche ich das, was mir gerade abgeht, auch bestmöglich zu nützen und meine Sehnsucht in neue Leidenschaft umzuwandeln.

Was haben Sie seit Beginn der Pandemie über sich selbst gelernt?

PIZZERA: Dass ich bei Weitem nicht so gut kochen kann, wie ich bislang behauptet habe.

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Was haben Sie über unsere Gesellschaft herausgefunden?

PIZZERA: Jene unter uns, die seelisch fragilerer Natur sind, sind in Situationen wie der jetzigen sehr, sehr, sehr empfänglich für diverse ideologische Scharlatane. Die jagen in diesen Gefilden, um ihre Anhängerschaft der Corona-Leugner auszubauen. Man sieht, dass man in einer Gesellschaft nie zu viel auf Bildung setzen kann. Meistens korrelieren diese waghalsigen Verschwörungstheorien ja auch mit starken orthografischen Schwächen.

Auch in Ihrem Buch thematisieren Sie die menschliche Psyche und ihre Abgründe. Was ist Ihre Lieblingsstelle?

PIZZERA: Wahrscheinlich, dass eine Entschuldigung, eine Bitt-, aber keine Feststellung ist. Ob einem verziehen wird, hat man nicht selbst zu entscheiden. Man liegt falsch, wenn man argumentiert, man habe sich eh entschuldigt. Das ist einer der vielen coolen Denkanstöße, die mir meine Mama mitgegeben hat.

Außerdem geht's immer wieder darum, alte Rollenbilder aufzubrechen, die nach wie vor in unserer Gesellschaft vorhanden sind. Auch in Ihrem Denken?

PIZZERA: Ich bin alles andere als perfekt, und über "positiven" Sexismus kann man diskutieren. Ich hatte mal ein Date mit einer Dame, die erzürnt war, weil ich ihr die Tür aufgehalten hatte. Andere Dinge gehen gar nicht: Ungleichheiten bei der Bezahlung etwa oder andere archaische Strukturen. Ich bin für absolute Gleichberechtigung. Und so sollte jeder denken, der halbwegs normal ist.

Zu seiner Person: Paul Pizzera ist einer der erfolgreichsten Kabarettisten und Musiker in Österreich. Seit 2015 steht er zusammen mit Künstler Otto Jaus auf der Bühne. Zwei Jahre zuvor hatte sich das Mundart-Duo bei der "Langen Nacht des Kabaretts" im Stadttheater Leoben kennengelernt. Mittlerweile haben sie zwei Alben ("Unerhört solide" & "Wer nicht fühlen will, muss hören") veröffentlicht. Ihr bislang größter Hit "Jedermann" hielt sich 40 Wochen in den österreichischen Charts, davon vier Wochen auf Platz eins. .

Thema: Society