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Perfektionismus: Ein Leben durch den Filter!

Frühstück wie im Haubenlokal, das Outfit wie vom Laufsteg, das Zuhause wie aus dem Möbelmagazin. So präsentieren Blogger ihre Welt im Web. Das macht Druck und verführt manche zur Nachahmerei. Dabei liegt doch gerade im Unperfekten das eigentlich Schöne, sagen Experten. Sechs Frauen über ihre Motivation, ständig im Trend sein zu müssen.

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Ketchum Bunnies Katharina Schmalzl

Katharina Schmalzl, 26, bloggt über Fashion.

© Privat - Ketchum Bunnies

Schwarz-weiß gestreifter Edel-Teppich, futuristische Sessel, brauner Vollholz-Tisch. Darauf stehen pastellfarbene Vasen mit zarten Blümchen. Auf dem Heizkörper an der Wand reihen sich perfekt arrangiert weiße Kerzen aneinander, daneben ein gerahmtes Poster. Ein Bild wie aus dem neuesten Interior-Magazin.

Doch eigentlich wohnt hier Melanie Nedelko, 32: Mutter von zwei Volksschulkindern, Teilzeit-Strohwitwe, Hochzeitsfotografin und Bloggerin (wienerwohnsinn.at). Seit viereinhalb Jahren schreibt sie über die aktuellsten Wohn- und Deko-Trends. Täglich lädt sie dafür Bilder im Internet hoch: "Auf Instagram zu posten, geht sehr schnell, da benötige ich höchstens zehn Minuten für einen Beitrag. Wenn ich aber für meinen Blog arbeite, sitze ich fünf bis sieben Stunden dran: Bildkonzept erstellen, dekorieren, fotografieren, Bilder bearbeiten, Texte verfassen und dann mit der Community teilen." Über 3200 Fans folgen den Neuigkeiten der Wienerin mittlerweile auf Facebook, knapp 6000 auf Instagram.

"Klar bekomme ich da hin und wieder Mails mit der Frage, ob es bei uns zu Hause immer so ordentlich ist wie auf den Bildern. Natürlich nicht! Aber ich präsentiere mich im Internet nicht anders, als ich bin. Einzig räume ich für die Bilder volle Wäschekörbe und herumliegende Socken weg."

Melanie Nedelko
Melanie Nedelko bloggt über Interieur.
»"Der Druck, jung, schön und gesund zu sein oder zumindest so auszusehen, steigt enorm"«

Melanie Nedelko ist eine von mittlerweile Millionen Usern weltweit. Ob auf Instagram, Pinterest, Facebook oder in eigenen Blogs, Frauen -und auch Männer - geben mit Bildern Einblicke in ihr ganz persönliches Leben. Schreiben dazu Beiträge über Essen, Mode, Beauty, Reisen, Fitness und Familienalltag. Immer darauf bedacht, alles perfekt in Szene zu setzen. Was aber macht dieser Hype mit uns? Erhöht diese Inszenierung von makellosen Lebenswelten den Druck, es selbst auch so haben zu müssen? "Unsere Leistungs- und Bildergesellschaft kommuniziert viel über Äußerlichkeiten und Darstellungsrhetorik. Der Druck, jung, schön und gesund zu sein oder zumindest so auszusehen, steigt enorm", analysiert Soziologin Eva Flicker. "Retuschierte Bilder täuschen uns so sehr, dass wir nicht mehr unterscheiden können, was echt ist oder nicht. Scheinbar verlieren wir die Relationen. Ein Blick um uns herum zeigt doch, wie Menschen wirklich aussehen. Warum vertrauen wir unserer Wahrnehmung nicht und geben uns freiwillig der Illusionsmaschinerie hin?"

Melanie Nedelko
Arbeitsplatz von Melanie Nedelko (32)

Lotta Kater hat vor einem Jahr begonnen, über ihr Leben als junge Mama in ihrem Blog (lebabypop.at) zu berichten. Für die 22-Jährige ist es ganz normal, sich täglich mit anderen der Branche zu vergleichen: "Natürlich beeinflusst es mich, was ich auf Instagram von allen Seiten präsentiert bekomme. Aber einen Sinn für Ästhetik hatte ich schon immer. Ich habe mir auch schon vor Le Babypop! einen schönen Frühstückstisch gerichtet oder nachmittags meinen Matcha-Tee im Lieblingsporzellan genossen."

Lotta Kater
Lotta Kater (22) bloggt über Familie & das Leben als Jungmama.

TROTZDEM WARNT Psychologin Sabine Fabach vor geschönten Alltagsaufnahmen: "All dies gaukelt uns vor, dass wir nur Anerkennung und Wertschätzung bekommen, wenn wir das perfekte Leben haben. Daher zeigen wir pausenlos nur das her, von dem wir glauben, dass es die anderen toll finden. Und das wiederum bestärkt alle anderen darin, jenes zu verstecken, was gerade nicht in oder angesagt ist."

Das bestätigt auch Katharina Schmalzl von Ketch'em Bunnies (ketchembunnies.com). Sie hat das Schreiben über Fashion- und Lifestylethemen mittlerweile zu ihrem Hauptjob gemacht: "Ich achte darauf, dass ich mich dem Konsumzwang nicht zu sehr unterwerfe. Und bemühe mich, nicht jedes Trendteil sofort nachzukaufen. Allerdings fällt das manchmal schwer, wenn man dem Druck unterliegt, immer up to date zu sein." Doch die 26-Jährige ist seit ihren Bloganfängen von vor drei Jahren auch entspannter geworden: "Ich finde es meinen Lesern gegenüber besser, ein Kleidungsstück mit verschiedenen Teilen zu kombinieren, anstatt ständig etwas Neues zu kaufen. Das ist für die meisten realistischer und inspirierender."

»"Es gibt immer jemanden, der schöner, klüger, reicher, schlanker und sowieso viel toller ist als man selbst."«

Auch Madeleine Alizadeh, 25, hat das längst erkannt. Mit ihrer Plattform Daria Daria (dariadaria.com) und über 47.000 Instagram-Followern ist sie eine der erfolgreichsten Bloggerinnen hierzulande: "Ich versuche, mich mit niemandem zu vergleichen. Es gibt immer jemanden, der schöner, klüger, reicher, schlanker und sowieso viel toller ist als man selbst. In Wirklichkeit sind wir aber alle unvollkommen - viele Menschen zeigen diese Seite nur nicht."

Katharina Schmalzl zeigt was gerade angesagt ist auf ketchembunnies.com
Der Wienerin Madeleine Alizadeh alias Daria Daria folgen über 47.000 Fans auf Instagram.

Was sagt die Expertin zu dem ganzen Lifestyle-Hype?

Ein guter Ansatz, den ganzen Lifestyle-Hype auch einmal ein bisschen gelassener zu sehen. Das findet auch Coach Su Busson, denn: "Wer sich selbst die Latte immer zu hoch legt und ständig versucht, die Ansprüche anderer Menschen zu erfüllen, wird ständig unzufrieden sein. Glücklich sein im Hier und Jetzt ist dann so gut wie unmöglich." Expertin Fabach ergänzt, dass es auch für Perfektionisten selbst eine große Belastung ist, ständig nur das Beste abliefern zu wollen: "Auch wenn eine Leistung optimal ist, verblasst der Erfolg schnell, weil das Höchstmaß sowieso selbstverständlich ist. Abgespeichert werden nur die Misserfolge. Positive Erfahrungen hingegen werden zu wenig wahrgenommen, um in unserem Selbstbild Spuren zu hinterlassen."
Doch wie gelingt der Ausstieg aus der Perfektionsfalle?
Der erste Schritt liegt im bewussten Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse: Was ist mir wichtig? Was will ich? Und welche Wünsche verfolge ich nur, weil sie mir von der Außenwelt aufoktroyiert werden? Su Busson rät außerdem dazu, "den Fokus von Fehlern und von dem, was nicht perfekt ist, wegzulenken. Und sich lieber darauf zu konzentrieren, was einem guttut und ohne Zwang läuft."

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Ein von EVA SAISCHEGG 鈸 (@evasaischegg) gepostetes Foto am

Eva Saischegg ist einfach glücklich körperlich gut in Form zu sein. Und hat Spaß daran, zu trainieren. "Damit möchte ich aber niemandem Stress machen, vielmehr die eine oder andere dazu motivieren, sich auch für ein gesundes Leben zu interessieren", so die 20-Jährige. Vor eineinhalb Jahren begann die Steirerin ihre Trainingsfortschritte mit ihren Followern zu teilen - und bekam viel Zuspruch. "Wahrscheinlich auch deshalb, weil ich immer authentisch geblieben bin. Selbst wenn ich Tage habe, an denen ich faul bin und all das esse, was mein Süßigkeiten-Herz begehrt, teile ich das mit meiner Community. Man soll auch mal genießen und nicht alles zu ernst nehmen."

»"Schädlich wird es in der Posting-Welt erst, wenn man sich einzig und allein nur mehr darüber definiert."«

Coach Doris Bernhard ergänzt: "Schädlich wird es in der Posting-Welt erst, wenn man sich einzig und allein nur mehr darüber definiert. Wenn also alles erst ab dem Superlativ-Status interessant ist. Menschen, die ihr Leben durch einen Filter sehen, kommen schwer mit Scheitern, Niederlagen und Schwächen zurecht. Das kann hin bis zum totalen Zusammenbruch führen."

Wie wird das alles weitergehen?

Wie das Bild der Zukunft aussieht? Ob der Perfektionismus noch mehr wird oder sich alles entspannt? Soziologin Eva Flicker wagt einen Ausblick: "Unsere Gesellschaft wird diesen Druck von absoluter Fehlervermeidung und maximaler Optimierung modifizieren müssen. Denn: Die Menschen werden krank davon. Es ist nicht nur eine individuelle, es ist auch eine gesellschaftliche Überlebensfrage." Optimistisch fügt die Expertin hinzu: "Wir können ja bereits erste Gegenströmungen erkennen, und zwar auch in Blogs."

Lena Fuchs
Lena Fuchs (21) bloggt über Essen auf meinleckeresleben.wordpress.com