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Das Beste aus zwei Welten: Pflanzenpower in Beton-Dschungel!

In der Stadt leben und von Natur umgeben sein, zum Beispiel. Nur begrenzt möglich? Nein, sind sich Öko-Visionäre wie Clemens G. Arvay einig: Eine Trennlinie zwischen Baum und Beton muss nicht sein. Die STADT DER ZUKUNFT könnte uns den Lebensraum bieten, auf den wir seit Millionen von Jahren geeicht sind. Parkplätze gibt's trotzdem.

von

oida
© Lukas Beck

Auch wenn wir meinen, noch so eingefleischte Stadtmenschen zu sein: Die Natur kriegen wir aus uns nicht raus. Seit Millionen von Jahren sind wir auf Grün programmiert. Wenn wir uns von der Natur trennen, kann das einfach nicht gesund sein. Das Risiko für zahlreiche Krankheiten, von Asthma über Allergien bis zu Depressionen, ja sogar für Krebs und Herzleiden, ist daher auch zwischen Häuserschluchten nachweislich höher als am Land. Da gibt 's für den heimischen Bestsellerautor und Biologen Clemens G. Arvay, 37, nur eine Lösung: Holen wir die Natur zurück in die Ballungszentren. Wie das gehen kann, beschreibt er in seinem neuen Buch "Biophilia in der Stadt" (Goldmann, € 22,70). Seine Stadt der Zukunft besteht aus einem Netzwerk von Ökokorridoren, garantiert verbesserter Luftqualität und Naturerfahrung für jeden. Der Begriff Biophilie wurde übrigens von Erich Fromm geprägt. Er bezeichnete damit die in jedem Menschen angelegte Liebe zur Natur und die Sehnsucht, sich mit ihr zu verbinden. Wie Städter schon jetzt diese Heilkraft effizient nutzen können, weiß Arvay auch. Wichtig sind funktionierende, miteinander verbundene Ökosysteme. Ein Baum dort und einer da hat nicht den gleichen Effekt.

»Zehn weitere Bäume um den Häuser-Block verjüngen um sieben Jahre!«

Worum geht es Ihnen ganz konkret?
Arvay: Ich möchte diese scheinbare Trennlinie zwischen Stadt und Natur auf heben. Der Mensch ist ein Naturwesen und soll auch als Stadtbewohner einen natürlichen Lebensraum vorfinden, wo er jederzeit Zugang zu einem funktionierenden Ökosystem hat.

Da werden Politiker allerorts aufschreien: Unsere Städte sind doch eh schon so grün!
Arvay: Ja, keine Frage. Wien zum Beispiel ist stellenweise sehr grün, aber es gibt noch genügend Bezirke, wo es kaum Grünflächen gibt. Mir geht 's darum, dass Natur flächendeckend ins Stadtbild integriert wird. Wälder, begrünte Fassaden, brache Bereiche, die man wieder der Natur überlässt. Ihr Potenzial schlummert unter dem Asphalt und kann jederzeit hervorbrechen. Erst kommen die Pionierpflanzen, die wie aus dem Nichts auf keimen und den Boden auf bereiten. Dann Flechten, Moose und Farne. Später siedeln sich Hölzer oder Gebüsche an, und alles schließt sich zu einem Wald.

Brache Flächen schnappt sich realistisch gesehen aber meist irgendein Bauträger.
Arvay: Wirtschaftliche Interessen gehen vor gesundheitliche. Das ist definitiv so. Daher möchte ich mit meinem Buch ein Umdenken bewirken. Brauchen wir wirklich noch ein Einkaufszentrum, noch einen Bürokomplex, noch mehr Anleger-Wohnungen? Haben nicht auch Naturflächen einen enormen Wert in der Stadt? Der ist, gesundheitlich gesehen, riesig.

Wo soll man da überhaupt anfangen?
Arvay: Bei der Stadtluft. Die würde massiv verbessert werden. Bäume und begrünte Fassaden nehmen Feinstaub und Stickoxide auf, das vermindert Atemwegserkrankungen. Stadtkinder sind sieben Mal so häufig von Asthma betroffen wie Kinder am Land. Bäume reichern die Luft andererseits mit sekundären Pflanzenstoffen an. Die sogenannten Terpene stärken das Immunsystem. Killerzellen und Anti-Krebs-Proteine werden vermehrt gebildet. Allergien gehen zurück, die Herzgesundheit wird verbessert. Nachweislich führen Stadtbegrünungen zu einem Rückgang chronischer Erkrankungen und zu einer signifikanten Reduktion des Medikamenteneinsatzes. US-Forscher Marc Berman wies nach, dass zehn zusätzliche Bäume rund um den Wohnblock eines Stadtbewohners einer Verjüngungskur von sieben Jahren gleichkommen.

Aber auch der Humusboden birgt, wie Sie schreiben, seine wahren Wunder!
Arvay: Genau. Beim Graben in der Erde kommt man mit den gesundheitsfördernden Mikroben in Kontakt. Wir atmen sie ein und nehmen sie über den Verdauungstrakt auf. Das "Biophilia-Bakterium", wie ich es nenne, hellt die Stimmung auf, wirkt gegen Depressionen und psychische Erkrankungen.

Nicht zu vergessen die plätschernden Gewässer!
Arvay: Durch die Reibung des Wassers am Untergrund, besonders ausgeprägt bei Wasserfällen, entstehen Anionen, negativ geladene Sauerstoffteilchen. Sie reinigen die Atemwege und wirken positiv auf die Psyche. Deshalb plädiere ich dafür, unsere Fließgewässer, die wir unter die Erde und in Rohre verbannt haben, wieder zu befreien. Zumindest streckenweise. Dass man ihnen ein Flussbett schafft, wo wieder neue Ökosysteme entstehen können. Es gibt da schon Pionierprojekte auf der ganzen Welt. In der Millionenstadt Seoul zum Beispiel hat man den Cheonggyecheon über zwölf Kilometer vollkommen befreit, er darf in einem natürlichen Flussbett mitten durch Hochhausschluchten fließen.

Auch gegen Angststörungen soll sich die Natur ja als heilsam erweisen.
Arvay: Das bringt die amerikanische Psychiaterin Marnie Burkman gut auf den Punkt, die aus ihrer Erfahrung mit Traumapatienten sagt: "Kein Angstmedikament wirkt so schnell wie der Aufenthalt in der Natur."

Menschen, die auf dem Land leben, haben also einen klaren gesundheitlichen Vorteil?
Arvay: Das Stadt-Land-Gefälle ist bei gewissen Krankheiten, Asthma etwa, sehr auffällig. Das Risiko für Depressionen, Angststörungen und Schizophrenie ist in der Stadt stark erhöht. Aber auch am Land ist man schädlichen Umwelteinflüssen, Pestiziden etwa, ausgesetzt. Wenn man mit der Natur lebt und sich gesund ernährt, wird es sicher ein Vorteil sein. Mein Anliegen ist aber, die Natur zurück in die Stadt zu holen und dort entstandene Ökosysteme miteinander zu vernetzen. Das ist wichtig. Bei Radwegen geht 's ja auch. Durch diese Biophilia-Korridore können sich Menschen artgerecht fortbewegen. Der High Line Park in New York, eine ehemalige Bahntrasse, ist beispielsweise ein Vorläufer eines solchen Korridors.

Spätestens hier könnten Autofahrer unrund werden: Jetzt gibt's schon keine Parkplätze und dann will der noch mehr Bäume ...
Arvay: Das sogenannte "Green Parking" will da Kompromisse finden. Man schafft große Parkplätze -warum nicht auch auf Dächern? Und pflanzt die Bäume reihenweise, sodass sie keinen Platz wegnehmen, aber Schatten spenden und die Luft reinigen. Wenn Autos unserer Gesundheit abträglich sind, weil sich das Abgasproblem in der Stadt immer mehr zuspitzt, Bäume hingegen die Gesundheit fördern, dann muss man sowieso mal umdenken.

Das passiert auch schon, wie Sie in vielen Beispielen anführen ...
Arvay: Ja, Chicago ist etwa die Stadt mit den meisten Dachgärten in den USA. In Barcelona und einigen anderen Städten gibt es die "Green Trams", Straßenbahngleise, die durch Wiesen führen. In Nürnberg werden Baumpatenschaften vergeben, die Bewohner können auch die Baumscheibe begrünen. Gemeinschaftsgärten in der Stadt, da ist Wien ja auch gut bestückt, fördern den Kontakt zu Pflanzen, zur Erde und zu anderen. Und viele Wälder reichen schon bis ins Stadtzentrum. Leipzig mit seinem Auwald, Dresden mit seiner Heide, aber auch Graz mit dem Schloßbergwald, einem toll funktionierenden Ökosystem mitten im Zentrum. Wien hat den Praterwald, und so gibt es viele Beispiele. Ich habe in meinem Buch ein Verzeichnis, wie man in verschiedenen Städten mit den Öffis in die Wälder kommt.

Wie gut sind eigentlich Parks?
Arvay: Die meisten urbanen Anlagen aktivieren nachweislich den Parasympathikus, der uns in den Entspannungsmodus versetzt. Kiefern in Parks sind reiche Quellen für immunstärkende Terpene. Und vielleicht findet sich ja auch ein Bach oder Wasserfall. Die biophile Stadt der Zukunft braucht aber noch viel mehr naturnahe Parks, die miteinander vernetzt werden.

Gibt es Menschen, die Natur nicht mögen?
Arvay: Kaum. Die Liebe zur Natur ist in jedem angelegt. Erich Fromm schrieb, dass unsere ganze Gesellschaft krank wird, wenn wir uns von der Natur entfernen.

MANN IM SCHILF. Clemens G. Arvay an der Alten Donau in Wien. Unsere Hauptstadt ist stellenweise sehr grün, aber der Biologe wünscht es sich flächendeckend.

Thema: Report

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