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Pille? Ohne mich!

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Hormone sind in Verruf geraten. Sie sollen Lustlosigkeit und erhöhtes Thromboserisiko verursachen. Deshalb verzichten immer mehr Frauen auf die Pille. Doch ist das Misstrauen berechtigt? Wir haben Leserinnen und Ärzte befragt.


Was meinen Experten? © Bild: Corbis. All Rights Reserved.

Was meinen Experten?

KRITISCH BETRACHTET
1961 war die Einführung der Pille eine Revolution. Erstmals konnten Frauen ihre Fruchtbarkeit kontrollieren. Mittlerweile betrachten wir diese Tatsache als selbstverständlich. Die Pille ist zum Lifestyle-Medikament gegen Zyklusunregelmäßigkeiten, Regelkrämpfe, Pickel und mehr geworden. Doch wie jedes Medikament hat auch sie Nebenwirkungen: unreine Haut, Gewichtszunahme, Kopfschmerzen, Lustlosigkeit, Thrombosen. Genau die sind für die aktuelle Pillenangst verantwortlich. Kritische Medienberichte, Erzählungen im Freundeskreis, Skandale in der Pharmabranche und ein gesteigertes Bewusstsein für gesunde Lebensführung sorgen zusätzlich dafür, dass Frauen auf Hormone verzichten.

MACHT DER FRUCHTBARKEIT
Doch was ist die Alternative? Dr. Christian Fiala, Betreiber des Gynmed-Ambulatoriums für Schwangerschaftsabbruch in Wien und Initiator des österreichischen Verhütungsreports, sieht den Anti-Hormon-Trend kritisch: "Viele Frauen haben gar keinen Begriff mehr davon, wie brutal ihre Fruchtbarkeit ist. Der ist es nämlich egal, ob man in einer Ausbildung steckt oder gerade keinen fixen Partner hat. Dieses Wissen ist aus unserem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Medien berichten ja meist nur über jene, die einen unerfüllten Kinderwunsch haben. Doch der Normalfall sieht so aus: Wird nicht verhütet, dann wird man schwanger. Und das ziemlich schnell." Aktuelle Zahlen aus Frankreich geben dem Arzt recht. Die zeigen, dass einerseits die hormonelle Verhütung signifikant zurückgeht - im Gegenzug dazu aber die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche steigt.

ÜBERSCHÄTZTES RISIKO
Doch was ist mit dem Th romboserisiko? Aktuell etwa klagt eine 31-jährige Deutsche den Pharmariesen Bayer, da sie nach Einnahme der Pille Yasminelle beinahe gestorben wäre. Für Fiala die tragische Ausnahme: "Die Studien zum Thromboserisiko sind verfälscht. Denn: Das Risiko für eine Thrombose ist im ersten Jahr der Einnahme am höchsten. Danach neutralisiert es sich, nach zwei Jahren ist es nicht mehr durch die Pille erhöht. Und es ist egal, welcher Wirkstoff verwendet wird. Das wird in neuen Studien nicht berücksichtigt. Das Ergebnis wird dadurch verzerrt." Dazu kommt, dass rein statistisch die Einnahme der Pille das geringste Thromboserisiko darstellt. Viel gefährlicher sind Rauchen, Übergewicht, Langstreckenflüge oder Schwangerschaft. Ist die Pille also völlig unbedenklich? Das wiederum bestätigt Fiala so nicht. "Es gibt natürlich genügend Frauen, die negativ auf Hormone reagieren. Aber Untersuchungen haben gezeigt, dass das wesentlich weniger sind als diejenigen, die aufgrund von Hörensagen oder Berichten die Pille absetzen. Außerdem kann man Nebenwirkungen wie etwa Lustlosigkeit oft durch ein anderes Präparat ausschalten. Aber die Entscheidung, wie eine Frau mit ihrer Fruchtbarkeit umgeht, soll und muss jede für sich treffen. Sie muss sich nur darüber im Klaren sein, dass die einzig sichere Alternative zu Hormonen die Kupferspirale ist. Die hat aber andere Nebenwirkungen."

GELEBTE PRAXIS
Wer sind nun die Frauen, die auf Hormone verzichten? In der Wiener Wahlpraxis von Dr. Eva Lehner-Rothe sind das in erster Linie junge, gebildete Frauen, die sich selbst sehr bewusst wahrnehmen. Ihnen empfiehlt die Ärztin, wenn kein akuter Kinderwunsch vorhanden ist, die Spirale, sofern die Blutung nicht zu stark ist. "Bei der Verhütung nur mit Kondom muss die Frau sehr gut über ihren Zyklus Bescheid wissen und die Symptome des Eisprungs erkennen. Sonst kommt es oft schnell zu einem Unfall. Dann gibt es zwar die Pille danach, aber die meisten wollen spätestens dann wieder eine sicherere Methode." Ähnliches beobachtet auch Dr. Stefan Penz. Der Waldviertler Gynäkologe hat eine Kassenpraxis in Groß-Gerungs. Er setzt pillenkritischen jungen Patientinnen ein Kupferkettchen ein (funktioniert wie die Spirale). Eine generelle Pillenangst stellt er aber nur bedingt fest: "Einige meiner Patientinnen haben Bedenken, ja. Das sind meist junge Frauen, die zum Studieren in die Stadt gezogen sind und immer noch in meine Praxis kommen. Ich würde sagen, das ist eher ein urbanes Phänomen. Am Land sieht man die Dinge vielleicht etwas unaufgeregter. Aber Ängste nehme ich natürlich sehr ernst und berate ausführlich über alle Möglichkeiten."

Diese 5 Leserinnen verzichten auf die Pille. Warum? Erfährst du auf den nächsten Seiten ->