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Mehr Mittelmaß, bitte!

In allen Lebensbereichen wollen wir spitze sein. Doch es ist nicht die perfektionierte Form unserer selbst, die glücklich macht. Vielmehr würde es uns guttun, zu akzeptieren, dass wir nicht immer brillieren können. Ein Plädoyer für mehr Durchschnittlichkeit.

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Mehr Mittelmaß, bitte!

Anti-Stress-Coach Su Busson über den Drang zur Perfektion

© Michael Baumgartner

Durchschnitt sein will irgendwie kaum einer. Bewundert wird man für Höchstleistungen. Wer besonders klug, schön oder aktiv ist, bekommt in unserer Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit. Richtig? Ein fatales Muster, dass sich da durch unseren Alltag zieht, meint Lebensberaterin Su Busson, 46: "Wir lassen nicht zu, dass wir unserem Wesen entsprechend wachsen. Unsere natürlichen Anlagen können/wollen/dürfen wir nicht entfalten, weil wir werden wollen/sollen/müssen, wie es gesellschaftlich angesehen ist. So wie es sich eben gehört." Das Ziel ist, so gut zu werden wie jemand, den wir etwa im Fernsehen gesehen haben. Dabei, so die Expertin, wären nur die wenigsten Teil einer bestimmten Elite. Spitzensportler, Top-Manager, Millionäre, Supermodels sind die Ausnahme: "Wir brauchen Menschen, die die Welt verändern. Die Innovationen vorantreiben, geniale Erfindungen machen oder an der Spitze stehen. Aber bei Weitem nicht jeder hat die Anlage dazu." Wir sind Mittelmaß -und das ist großartig! In diesem Bewusstsein gestehen wir uns nämlich zu, wir selbst zu sein.

LIEBER NICHT AUFFALLEN. Lust auf einen kurzen Blick in die Statistik? Hier findet man viel über die durchschnittliche Österreicherin. Sie ist 44 Jahre alt -Männer sind mit 41 um drei Jahre jünger. Im Schnitt bekommen Frauen hierzulande mit 29 Jahren ihr erstes Kind, geheiratet wird mit 30 - rund 42 Prozent lassen sich dann mit 41,9 Jahren wieder scheiden. Gelebt wird auf etwa 99 Quadratmetern, der Großteil der Frauen arbeitet außerdem in einem Lehrberuf und verdient 1.124 Euro. Erkennen Sie sich wieder? Eine Ausnahme in Sachen Durchschnitt gibt es doch -und darauf können wir stolz sein: Die Österreicher sind nämlich, laut Umfrage, glücklicher als die restlichen EU-Bürger. Wie wir das auch bleiben und warum es eigentlich vollkommen okay ist, nicht aus der Masse hervorzustechen, erklärt Flow-Beraterin Su Busson hier!

HABEN WIR VERLERNT, WAS NORMAL IST?

VOM STREBEN NACH PERFEKTION. Job, Sport, Schönheit, Ernährung, Liebe: In allen möglichen Lebenslagen wollen wir das Optimum erreichen. Dieser Anspruch ist natürlich, sagt Expertin Su Busson: "Der Wunsch nach Wachstum ist gesund. Wir kommen quasi als Same mit unseren Anlagen in diese Welt und haben den inneren Drang, unser Potenzial zu entfalten und das Beste aus unserem Leben zu machen." Problematisch wird es nur dann, wenn wir dabei Idealvorstellungen nachlaufen, uns ständig mit anderen vergleichen und denken, dass alles - auch wir selbst -perfekt sein müsste. Verstärkt haben dieses Verlangen die sozialen Medien: "Die Bilder dort führen leicht dazu, dass wir uns mit Typen messen, die es in Wahrheit gar nicht gibt: erfolgreich im Beruf, Traumbeziehung, glückliche Familie, bildhübsch und eine umwerfende Figur."

»Wir übersehen, dass überdurchschnittlich und glücklich sein nicht zusammenhängt.«

DIE SEHNSUCHT NACH GLÜCK. Der Glaube, dass es uns glücklich macht, wenn wir der oder die Beste in etwas sind, führt uns in die Irre. Denn wenn wir in den Medien jemanden sehen, der beispielsweise gewinnt oder schön aussieht oder erfolgreich ist, dann wirkt dieser Mensch schließlich glücklich. "Aber erstens sehen wir da nur eine Momentaufnahme, und zweitens wissen wir nicht, was in dieser Person wirklich vorgeht", fasst es Su Busson zusammen. "Es gibt bekanntlich viele Stars, die an Depressionen leiden. Spitzenathleten, die ständig mit Versagensängsten kämpfen, Millionäre, die noch immer Existenzängste haben. Glücklichsein hat nicht mit den äußeren Umständen zu tun, es kommt immer von innen."

WARUM HAT DAS DURCHSCHNITTLICHSEIN SO EIN SCHLECHTES IMAGE?

NICHT GUT GENUG FÜR DIE BESTEN? Eigentlich voll okay, aber: Sobald wir uns bewusst oder unbewusst vergleichen und dabei gefühlsmäßig schlecht abschneiden, entsteht Unzufriedenheit. Das ist menschlich. Und ganz normal. "Wer zum Mittelmaß gehört, scheint ,schlecht' zu sein. Wir denken, es würde uns besser gehen, sobald wir besser als andere wären", weiß Life-Coach Busson. Nur ja kein Mitläufer sein. Dann könnte man ja übersehen werden und nicht aus der Menge herausragen. Dabei hat Mittelmaß nichts mit Stillstand zu tun. "Es heißt nicht, sich treiben zu lassen. Auch das Mittelmaß bedarf steter Anstrengungen und eines gewissen Eifers", analysiert Markus Reiter in seinem Buch "Lob des Mittelmaßes" die Thematik. "Es bedeutet aber sehr wohl, die Beschränktheit menschlicher Möglichkeiten zu erkennen und anzuerkennen. Das Mittelmaß ist somit das menschengerechteste Maß."

WIESO TUT UNS M E H R MITTELMÄSSIGKEIT GUT?

DIE EIGENEN TALENTE ERKENNEN. Der beste Grund gleich mal zu Beginn: Wenn Sie auf hören, immer mehr zu wollen, werden Sie ein deutlich entspannteres Leben führen. Überzeugt? Busson: "Wir sparen uns Stress, Frust, Zeit, Kraft und Nerven, wenn wir uns nicht ständig mit anderen vergleichen oder perfekt sein wollen. Stattdessen sollten wir uns einfach erlauben, wir selbst zu sein." Immerhin ist es wesentlich erfüllender, das eigene Potenzial zu entfalten, als im Vergleich zu anderen bestehen zu wollen. "Wir denken, wir wären glücklicher, wenn wir besser als andere wären", kennt die Flow- Expertin das Verhaltensmuster auch von Klienten. "Dabei übersehen wir, dass überdurchschnittlich und glücklich sein nicht zusammenhängt. Es funtioniert eher umgekehrt. Wir sind nicht happy, wenn wir ein Ziel erreicht haben! Wenn wir glücklich sind, erreichen wir unsere Träume viel leichter. Interessanterweise können wir, wenn wir entspannt sind, mehr schaffen, bewirken und bewegen -und sind dabei auch noch begeistert." Es braucht Mut, um herauszufinden, wer man wirklich ist. Und noch ein Stückchen mehr Selbstbewusstsein ist notwendig, um das auch zu leben. "95 Prozent der Menschen schaffen es damit nicht an die Spitze, aber die Wahrscheinlichkeit, zufrieden zu sein, ist wesentlich höher, als wenn man im Vergleich zu anderen immer mehr sein und leisten will", ist Busson sicher.

»Sein Bestes zu geben, bedeutet das zu tun, was eben jetzt möglich ist. Das reicht.«

WIE FINDEN WIR IN UNSERE MITTE?

EIN HOCH AUF DAS, WAS WIR SIND. Weniger nach außen schauen, mehr nach innen. Weniger vergleichen, mehr die Einzigartigkeit eines jeden sehen - auch in sich selbst. Weniger darauf achten, was andere tun. Mehr schauen, was wir sind. Weniger sehen, was wir nicht besitzen, sondern was wir haben. Weniger analysieren, was wir bekommen, mehr, was wir geben. "Es hilft, sich immer wieder eines bewusst zu machen: Perfekt gibt es nicht", so Anti-Stress-Coach Su Busson ganz klar. "Ein Ideal ist immer unerreichbar, die Latte liegt immer zu hoch. Wenn wir etwas Unmögliches anstreben, gehen wir einen Kampf ein, den wir niemals gewinnen können." Schlimmer noch, wir versuchen, jemand zu sein, der wir nicht sind, und lähmen und blockieren uns selbst damit. Stattdessen könnten wir uns auf unsere Stärken konzentrieren und diese ausbauen: "Sein Bestes zu geben, bedeutet, das zu tun, was eben jetzt möglich ist. Das wird abhängig von der persönlichen Verfassung und dem, was gerade ansteht, mal mehr und mal weniger sein. Mal besser, mal schlechter. So ist das Leben. Das genügt." Das gilt auch für unsere Beziehungen. Wer eine perfekte Partnerschaft will, verursacht automatisch Druck. Busson: "Es heißt, den anderen nicht annehmen zu können, wie er ist. Auch das Auf und Ab, das es in jeder Beziehung gibt, wird unerträglich, wenn wir in der Ilusion leben, es müsste immer toll sein. Das hat mit Liebe nichts mehr zu tun."

WAS BRAUCHEN WIR ZUM GLÜCKLICHSEIN?

DIE ZUKUNFT GEHÖRT DENEN, DIE NIEMANDEN KOPIEREN WOLLEN. Gefühle wie Zufriedenheit, Freude, Liebe, Sicherheit oder innerer Friede lassen sich nicht über äußere Umstände herstellen. Das erlangt man nicht über andere Menschen, Leistungen, materiellen Reichtum, Karriere, Macht, Schönheit oder sonst etwas. Es ist dafür auch nicht notwendig, irgendetwas zu haben. "Diese Emotionen sind Zustände des Seins. Sie sind in uns immer da, vollkommen unabhängig von äußeren Gegebenheiten", konkretisiert es Personalcoach Busson. "Das übersehen wir nur oft, weil wir damit beschäftigt sind, etwas Bestimmtes darstellen zu wollen." Diese Energie sollten wir lieber in die eigenen Talente investieren. Denn die Expertin ist auch überzeugt: "Im Zeitalter der Individualisierung wird es mehr und mehr darum gehen, authentisch zu sein."

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