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Plötzlich Milliardärin

Folgendes Szenario: Dein Handy läutet. Du hebst ab, der Anrufer sagt, er sei dein Halbbruder. Er erzählt dir von einem milliardenschweren Familienerbe. Klingt wie aus einem Film? Genau das ist Gesine Hagmann-Görlich aber wirklich passiert.

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Gesine Hagmann-Görlich
© Wolfgang Wolak

"Hallo, ich bin's, Carlos, dein Halbbruder." Diese Worte stellten das Leben von Gesine Hagmann-Görlich, 39, im Jänner diesen Jahres komplett auf den Kopf. "Es war an einem Montag, halb zehn Uhr am Vormittag, ich war gerade am Weg ins Büro, als er anrief und mir vom geheimen Milliardenerbe unseres Vaters erzählte", erinnert sich die Deutsche, die seit 16 Jahren in Wien lebt.

"Ich wusste, dass mein Papa noch zwei ältere Kinder von zwei anderen Frauen hatte. Ich hab sie aber nur ein Mal gesehen, als ich ein Teenie war." Der Anlass damals war ein trauriger: Gesines Vater war gestorben, sie gerade 13 Jahre alt. "Sicher, als ich älter wurde, hab ich immer wieder mal drüber nachgedacht, wie es meinen Halbbrüdern geht und was sie so machen. Ich hab sie später auch ein, zwei Mal gegoogelt, aber die Suchmaschine lieferte keine Ergebnisse", erzählt Gesine. "Als ich mit 24 selbst Mutter wurde, hatte ich schließlich eine eigene Familie, um die ich mich kümmern musste."

Neben der Erziehung ihrer Tochter Mona, heute 15, schloss sie ihr Studium in Betriebswirtschaft und Tourismus ab, hängte sogar noch ein Management-College an. Fünf Jahre nach der Geburt ihrer Tochter trennte sie sich vom Kindesvater. Die 39-Jährige jobbte jahrelang als Projektentwicklerin in der Immobilienbranche. 2014 machte sie sich mit der Online-Plattform "Good Morning Vienna" selbstständig. "Ich führte im Grunde ein völlig normales, bodenständiges Leben - bis Carlos mir von unserer Familiengeschichte erzählte, von der ich bis dahin so gut wie gar nichts gewusst hatte Es war alles so unwirklich, so unglaublich, dass ich mehrere Wochen brauchte, um das überhaupt irgendwie zu realisieren."

Reise in die Vergangenheit

Die Erinnerungen, die Gesine an ihren Papa hat, sind überschaubar. "Meine Eltern hatten so etwas wie eine On-off-Beziehung. Kurz bevor ich auf der Welt war, trennten sie sich. Zwei Jahre später kamen sie wieder zusammen." Zu dritt lebten sie dann auf einer Finca in Spanien, wo der Vater eine Avocado-Plantage mit über 1.000 Bäumen bewirtschaftete. Das Familienglück hielt zwei Jahre."

Die Mutter

Als Gesine zur Welt kam, waren ihre Mutter Ursula und ihr Vater gerade getrennt. Zur Geburt gratulierte er via Telegramm.

Plötzlich Millionärin

Als es aus war, ging meine Mutter mit mir zurück nach Deutschland", so Gesine. "Mein Vater hat mich immer wieder besucht, wollte sogar das Sorgerecht für mich bekommen. Das Gericht hat dagegen entschieden. Meine Mutter hatte große Angst, mich dennoch an ihn zu verlieren. Die beiden hatten kein sehr gutes Verhältnis miteinander, und deshalb hat sie meinen Kontakt zu ihm nicht gerade gefördert."

Plötzlich Millionärin

Der Vater

Wolfgang Ambrosius Bäuml starb mit 69. Seine Tochter Gesine war damals 13 Jahre. "Ich habe ihn als sehr liebevoll in Erinnerung", sagt sie, "Und ich bin sehr stolz auf unsere Familiengeschichte."

Plötzlich Millionärin

Große Erbschaft

Was weder Mutter, noch Tochter wussten: Gesines Vater, Wolfgang Ambrosius Bäuml, stammte aus der Familie Wertheim. Sein Großvater hatte Mitte des 19. Jahrhunderts eine Nähmaschinen-Fabrik gegründet, in der er über 600 Mitarbeiter beschäftigte. Bäuml war Alleinerbe. "Mein Halbbruder Carlos hat sich die vergangenen zwölf Jahre intensiv mit unserem Stammbaum beschäftigt."

Gesine ist sehr stolz auf ihre Herkunft. Das ist das eine. Und dann soll's auch um ziemlich viel Geld gehen, um das die Geschwister jetzt kämpfen. Insgesamt um sechs Milliarden Euro. Carlos erklärt: "Unser Vater hat Tagebuch geführt. Darin hat er 1965 aufgeschrieben, dass auf verschiedenen Konten in der Schweiz 140 Millionen Mark gelegen haben." Hochgerechnet soll das heute die Milliardensumme ergeben. Diese Konten sind allerdings unauffindbar. Die Kinder wollen das nicht hinnehmen, sondern verlangen das Geld von der Deutschen Bank und der Credit Suisse zurück.

Aber wie kann's überhaupt sein, dass so eine riesige Geldsumme einfach verschwindet? Jörg Gardemann, Anwalt der Kinder, dazu: "Sehr reiche Menschen verteilen ihr Vermögen gern. Um es zu schützen, verwenden sie Pseudonyme, eröffnen Nummernkonten oder beauftragen Treuhänder." Ein bei der Bank angestellter Vermögensverwalter soll, laut Hagmann-Görlich, für das Verschwinden des Geldes verantwortlich sein: "Die Spur zu den Konten verlor sich im Jahr 1993, in dem dieser Treuhänder eine Überweisung von der Credit Suisse auf ein Konto der Deutschen Bank durchgeführt hat."

Diese Vorwürfe weist die Deutsche Bank allerdings zurück: "Wir haben den Sachverhalt intensiv recherchiert und halten die geltend gemachten Ansprüche für konstruiert und unbegründet. Es gibt daher auch keine Verhandlungen mit den leiblichen Kindern." Hagmann-Görlich bleibt dennoch zuversichtlich: "Laut unserem Anwalt stehen die Chancen gut, dass wir eine außergerichtliche Einigung erzielen können und einen Teil des Vermögens, das uns zusteht, auch bekommen."

Familiengeschichte zurückkaufen

Gesine hätte auch schon Pläne für die Verwendung des Geldes: "Zusammen mit meinen Brüdern möchte ich eine Villa in Spanien kaufen, die früher mal den Wertheims gehörte. Außerdem möchte ich viel reisen. Nach Südamerika, Neuseeland und nach New York." Ihr Unternehmen möchte sie unbedingt weiterführen und ausbauen. "Ich bin gut situiert aufgewachsen. Es war immer genügend Geld da, ich habe nie einen finanziellen Engpass erlebt. Deshalb geht's mir in erster Linie weniger ums Geld, vielmehr um den Umstand, dass wir um ein Erbe gebracht worden sind, das uns zusteht", betont sie.

Noch mehr Bedeutung habe für sie jedoch die Geschichte ihrer Herkunft: "Es ist ein beeindruckendes Gefühl, zu wissen, dass man aus einem so erfolgreichen Familienclan stammt. Was meine Groß- und Urgroßeltern alles geleistet und geschaffen haben, ist enorm. Einige interessieren sich auch schon für die Filmrechte an unserer Geschichte. Carlos schreibt außerdem gerade an einem Buch darüber." Mit ihm und Halbbruder Detlev hat Gesine jetzt ein sehr inniges Verhältnis. "Das ist sowieso viel mehr wert als das ganze Geld."

Gesine Hagmann-Görlich

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