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Eine Frau, die alles riskiert: Clarissa Ward

Als Auslands-Korrespondentin war sie bereits an vielen internationalen Brennpunkten der Welt. Jetzt berichtet sie für CNN live aus Kabul. Die US-Amerikanerin Clarissa Ward ist eine der mutigsten Reporterinnen der Welt. Wer ist die Journalistin, wie lebt sie privat, was treibt sie an?

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Clarissa Ward
© Getty Images

Sie ist Mutter von zwei kleinen Kindern. Ezra Albrecht Nikolaus Nour ist drei. Caspar Hugo Augustus Idris ist gerade 14 Monate alt. Sie lebt in London und ist verheiratet mit Philipp von Bernstoff, einem erfolgreichen Fondsmanager. Gerade riskiert sie ihr Leben. Reporterin Clarissa Ward, 41, berichtet aktuell für den Nachrichtensender CNN rund um die Uhr aus Kabul – der Stadt, die seit Tagen fest in den Händen der Taliban ist. Verhüllt mit einem Nikab, ständig werden von irgendwo Warnschüsse abgefeuert. Ward schreckt kurz zusammen, als wieder ein Schuss fällt, führt ihr Interview mit einem Taliban dennoch souverän fort, mit einem freundlichen Lächeln. "Entschuldigen Sie", sagt sie. Er unterbricht sie: "Verschleiern Sie zuerst Ihr Gesicht."

Es sind Szenen, die beklemmend und gleichzeitig beeindruckend sind – weil sie zeigen, wie wenig sich diese Frau einschüchtern lässt. Das, obwohl sie sich in einer der bedrohlichsten Regionen der Welt befindet. Die Arbeit für Journalistinnen und Journalisten ist in Afghanistan lebensgefährlich geworden. Wie die Organisation "Reporter ohne Grenzen" berichtet, sind seit Anfang des Jahres mindestens drei Journalistinnen ermordet worden. Auf der Homepage steht dazu: "2018 allein starben mindestens 15 Medienschaffende bei mehreren Bombenanschlägen. JournalistInnen werden von verschiedenen Konfliktparteien bedroht (...) Besonders gefährdet sind Frauen."

"Wie wollen Sie Frauen schützen?"

Clarissa Ward bleibt trotzdem vor Ort. Ihr Credo: "Ich halte nichts von Hypothesen. Mich interessiert die Realität." Sie mischt sich in Gruppen von Talibankämpfer und sucht das Gespräch – und die Diskussion. "Wie wollen Sie Frauen schützen? Viele haben Angst, dass sie nicht mehr zur Schule oder zur Arbeit gehen dürfen", will sie von einem der Männer wissen. "Sie können ihr Leben weiterleben", antwortet dieser, "Sie werden aber ihre Gesichter verdecken müssen." - "Warum?" - "Weil es eine islamische Regel ist."

In einem Blogbeitrag für "Women for Women International" schreibt sie: "Eine Frau zu sein, ist das größte Kapital für mich als Kriegsreporterin, da in meinem Arbeitsumfeld oft 50% der Bevölkerung für meine männlichen Reporterkollegen unzugänglich sind. Frauen sind der Klebstoff der Gemeinschaft. Sie haben eine ganz andere Perspektive auf den Krieg, auf die Politik und auf das Leben."

Clarissa Ward: Ihr Werdegang.

Die US-Amerikanerin wuchs in Manhattan auf und studierte später an der Yale University in New Haven. Ein Jahr nach ihrem Abschluss, 2002, machte sie ein Praktikum im Moskauer Büro von CNN – inspiriert von der Berichterstattung rund um die Terroranschläge vom 11. September 2001. 2003 begann sie bei Fox News in New York zu arbeiten. Ihre Karriere bei den Auslandsnachrichten startete sie mit vielen Großereignissen: Der Tsunami in Thailand 2004, der Tod von Politiker Jassir Araraft, ebenfalls 2004, und der von Papst Johannes Paul II., 2005. Nachdem sie darüber noch von Amerika aus berichtete, war sie 2006 im Libanonkrieg und beim Verfahren gegen Saddam Hussein im Irak bereits live vor Ort.

"Ich liebe meinen Beruf. Ich darf reisen und Augenzeugin von geschichtsträchtigen Momenten sein. Ich glaube grundsätzlich sowohl an das Gute als auch an das Böse. Wenn man diese Arbeit macht, sieht man das Schlimmste der Menschheit, aber auch das Beste. Ich hatte als Journalistin das Privileg, die Stärke, Widerstandsfähigkeit und Großzügigkeit des menschlichen Geistes unter den schrecklichsten Umständen zu erleben - es ist über jeden Glauben hinaus inspirierend", so Ward, die sechs Sprachen spricht – Französisch, Italienisch, Russisch, Spanisch, Arabisch und Mandarin. Ihr Job brachte sie bislang in viele Teile der Welt: Ab Oktober 2007 war sie Auslandskorrespondentin von ABC News in Moskau, drei Jahre später wechselte sie nach Peking. Es folgten Stationen unter anderem in Syrien und der Ukraine.

Für ihre Einsätze erhielt die Zweifachmutter bereits zahlreiche Auszeichnungen und Preise: Sieben Emmy Awards, zwei Peabody Awards, zwei Edward R. Murrow Awards für herausragenden Journalismus, ... Die Liste ist noch länger.

Hochzeit, zwei Kinder und ein Leben in Extremen.

Ihren Mann, Philipp von Bernstorff, hat die Journalistin 2007 bei einer Dinnerparty in Moskau kennengelernt. Liebe auf den ersten Blick. 2016 haben die beiden in London geheiratet. Ihr Hochzeitskleid hat die 41-Jährige sechs Tage vor der Trauung gekauft, Make-Up und Haare hat sie selbst gemacht.

2018 wurde ihr gemeinsamer Sohn Ezra Albrecht Nikolaus Nour geboren. 2020 dann Caspar Hugo Augustus Idris. Über ihre erste Schwangerschaft sagt sie: "Ich habe mir vorgenommen, locker damit umzugehen – und vorerst in der Arbeit nichts zu sagen. Ich war besorgt, es könnte die Wahrnehmung meiner Kollegen auf mich verändern. Ich fragte mich: 'Was wäre, wenn ich nach zwölf Jahren, in denen ich in Kriegsgebieten aus Hubschraubern gesprungen, Sprachen gelernt und Menschen aus allen Gesellschaftsschichten kennengelernt habe, jetzt nur noch eine privilegierte, schwangere weiße Dame wäre, die sich in einem allgemeinen Kaufhaus überteuerte Kinderwagen ansieht?'" Deshalb sagte Ward auch zu, als man ihr anbot, für einen Dokumentarfilm über den Klimawandel nach Grönland reisen. Sie erinnert sich: "Eine laue Sommernacht hatte dort minus 10 Grad Celsius. Unser Guide sagte uns, dass wir in Zelten schlafen würden. Neben der Höhe und der eisigen Kälte hatte ich mit einer der häufigsten Nebenwirkungen einer Schwangerschaft zu kämpfen: Harndrang, der mich ständig dazu zwang, meinen Schlafsack zu verlassen."

Nach Alaska flog Ward nach Saint Martin in die Karibik, um von den Folgen des Hurrikanes Irma zu berichten. "Wir aßen aus Konserven und spülten uns mit Meerwasser den Mund. Am dritten Tag schickte mir mein Mann Philipp einen Artikel, in dem stand, dass Saint Martin Mücken mit dem Zika-Virus habe, was für Schwangere sehr gefährlich sein kann. 'Jetzt ist es etwas spät', antwortete ich."

Nächster Stopp: Die Grenze zwischen Bangladesch und Myanmar, wo mehr als eine halbe Million Rohingya-Muslime vor dem brutalen Vorgehen des burmesischen Militärs und der Paramilitärs geflohen waren. Zu dem Zeitpunkt war Ward im fünften Monat schwanger. Einige Wochen später trat Ward, nun hochschwanger, eine weitere Mission an: Eine Reise nach Yemen, um dort über die große Hungersnot durch den Bürgerkrieg zu berichten.

Selten hat ihr Job Pause. Auch wenn sie weiß: "Man braucht Raum, man braucht ein normales Leben. Ich habe ein unglaublich schlechtes Gewissen, wenn ich mich amüsiere, wenn ich doch gleichzeitig weiß, was in der Welt geschieht. Aber man muss in der Lage sein, Freude ohne Schuldgefühle anzunehmen, das Privileg anzuerkennen, nicht in einer Konfliktzone zu leben, und Liebe, Freunde und Familie wertzuschätzen - was immer dir Freude macht."