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Prinz Harry und sein „Genetic Pain“ - worum geht es dabei genau?

Prinz Harry machte öffentlich, dass er in der Royal Family den Kreislauf der „genetischen Schmerzen“ durchbrechen will. Was meint er damit? Wir haben eine Expertin gefragt.

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© Getty Images

Es vergeht keine Woche ohne Schlagzeile rund um die britische Königsfamilie. Doch während Prinz William und Herzogin Kate (Hier 10 Fakten über die beiden, die die garantiert noch nicht wusstest) um Good News bemüht sind, haut Harry ein Palast-Geheimnis nach dem anderen raus. Zuletzt berichtete er im Gespräch mit US-Podcaster Dax Shepard in dessen Sendung "Armchair Expert" von den toxischen Familienverhältnissen der Windsors. Er habe diesen Leidenszirkel beenden wollen, denn sein Vater habe in seiner Erziehung Schmerz erfahren und diese dann an ihn und William übertragen. In diesem Zusammenhang spielt Harry unter anderem auf Internatszeiten und die strenge Erziehung an. Seinen Alltag als Enkel der Queen bezeichnet er als "Mischung aus ,Die Truman Show‘ und einem Zoo". Konkret erklärte der baldige Zweifachvater: "Ich werde sicherstellen, dass ich diesen Zyklus unterbreche, damit ich ihn nicht weitergebe."

Aber: Was ist "Genetic Pain"?

"In diesem Kontext verstehe ich darunter das Erleben und Erkennen einer dysfunktionalen Beziehung", fasst es Psychotherapeutin Dominique Kotynek zusammen. "Das Umfeld, in dem wir aufwachsen, empfinden wir als normal. Im Laufe unseres Lebens lernen wir aber andere Menschen und somit auch andere Familien kennen. Man fängt vielleicht an, sich zu vergleichen, erkennt andere Strukturen und beginnt die eigenen zu hinterfragen. Es kann auch sein, dass ich bemerke, dass an meinem Verhalten etwas nicht stimmt und ich mir damit eigentlich schade." Ein prägnantes Beispiel dafür wäre etwa eine Sucht, die ich aufgrund meine Familiengeschichte immer als normal angesehen habe.

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(c) Getty Images

Generell ist das Thema natürlich ein sehr heikles. Schließlich ist es schwer, die eigenen Strukturen, die man immer als vertraut angesehen hat, ernsthaft zu hinterfragen. Ja, überhaupt zu realisieren, dass diese einem nicht gut tun. Expertin Kotynek dazu: "Vielleicht wird man auch von Außenstehenden darauf angesprochen und ist erstmals gekränkt und wütend. Allerdings ist oft genau diese sensible Reaktion ein Zeichen dafür, dass man selbst weiß, dass hier etwas nicht stimmt."

»Ich habe KlientInnen, die seit Jahren massiv unter der Macht der Familie leiden – egal in welchem Alter.«

"Genetische Schmerzen" können verschiedene Ausprägungen haben. Das geht von oben bereits erwähnten Suchterkrankungen über Angst- oder bipolaren Störungen bis hin zu Depressionen. Sie äußern sich aber auch bei "banalen" Dingen: Wenn man zum Beispiel kein Lob aussprechen oder es nicht annehmen kann. Denn, so die Expertin: "Bin ich in einer Familie aufgewachsen, in der ich nie gelobt, sondern immer kritisiert wurde, dann muss ich ,Lob geben als auch Lob annehmen‘ erstmal lernen. Ansonsten wird es mir schwer fallen, das bei meinen eigenen Kindern bzw. in meiner Partnerschaft oder bei meinem MitarbeiterInnen anders zu machen!"

Aus ihrer eigenen Praxis kennt die Psychotherapeutin das Problem gut: "Da ich viel mit Familien arbeite, kommt diese Thematik häufig vor. KlientInnen leiden unter dysfunktionalen oder toxischen Beziehungen zu deren Familienmitgliedern. Ich habe Fälle, die ihre gesamte berufliche Ausbildung nach den Wünschen der Eltern ausgerichtet haben und seit Jahren massiv unter dieser Entscheidung und der Macht der Familie leiden – egal in welchem Alter. Ich kann auch schon 45 Jahre alt sein, eine eigene Familie gegründet, ja, sogar schon Enkelkinder haben, und trotzdem immer noch einen Leidensdruck von meinen eigenen Eltern spüren. Andere KlientInnen wiederum haben das Gefühl, im Gegensatz zu ihren Geschwistern, alles falsch zu machen und dadurch von den Eltern nicht so geliebt zu werden."

Noch einmal zurück zu Prinz Harry, der im Interview davon sprach, dass er den Kreislauf der "genetischen Schmerzen" in der Royal Family durchbrechen möchte. Nur: Wie kann das gelingen? "Was man auf jeden dafür braucht, sind der Mut und Wille wirklich etwas verändern zu wollen", so Kotynek. "In uns Menschen ist der Wunsch nach Familie und Zusammenhalt stark verankert, deshalb ist es nicht einfach, die eigenen Familienverhältnisse in Frage zu stellen."

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(c) Getty Images

Besonders essentiell empfindet sie im ersten Schritt das offene Gespräch darüber, auch innerhalb des engsten Umfelds: "Es ist wichtig, meine Bedenken nicht zu unterdrücken oder zwanghaft so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Oftmals ist man gefühlt der ,Buhmann‘, das schwarze Schaf, wenn man kritisch hinterfragt oder sich nicht so verhält, wie die Familie es sich wünschen würde. Allerdings ist es gut, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und sich Systemen bewusst zu werden, in denen man sich nicht fortbewegen möchte. Dies darf und soll offen angesprochen werden. In solchen Fällen kann auch auf eine externe geschulte Person zugegriffen werden, die eine Familie dabei unterstützt." Generell hilft eine Therapie dabei, besser zu reflektieren, angelernte Glaubenssätze aufzudecken, die einen seit der Kindheit begleiten und eventuell auch klein halten.

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PS: In der Zwischenzeit wurde auch der Trailer zur Doku "The Me You Can't See" von Prinz Harry und Oprah Winfrey veröffentlicht. Die Serie startet am 21. Mai auf AppleTV. Darin thematisiert der "Noch-Royal" mit anderen Stars wie Lady Gaga oder Glenn Close mentale Gesundheit und hält fest: "Sich Hilfe zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche. In der heutigen Zeit ist es mehr als je zuvor ein Zeichen der Stärke."