Ressort
Du befindest dich hier:

Pro & Contra: Schulpflicht ab drei Jahren?

Frankreich revolutioniert sein Bildungssystem: Ab dem Schuljahr 2018/2019 sollen schon Dreijährige eingeschult werden. Präsident Emmanuel Macron macht den Besuch der Vorschule in Zukunft zur Pflicht. Davon sollen vor allem bildungsferne Schichten profitieren, die Chancengleichheit würde damit erhöht werden. Ein Modell mit Zukunft? Zwei Mütter argumentieren.

von

Schulpflicht mit 3 Jahren
© iStockphoto.com

PRO: SONJA POLAN, 38

International Marketing Manager (noch bis Juni in Karenz) & zweifache Mutter (3 1/4 & 2)

"Meine ältere Tochter hat letzten Herbst in Paris mit fast drei Jahren mit der öffentlichen école maternellle begonnen. Sie hat sechs Monate dort verbracht, bevor wir vor einem Monat wieder nach Wien zurück gekommen sind. Es gibt auf jeden Fall Vorteile dieses Modells. Wie immer kommt es aber vor allem auf das Kind an.

Manche Kinder - so wie meine Tochter - blühen in dem System auf. Die Klasse meiner Tochter hatte eine strenge, jedoch sehr dynamische Lehrerin, die meiner Tochter mit drei Jahren bereits viel Freude am Lernen mitgegeben hat. Zurück in Wien spricht sie immer noch täglich von ihrer Lehrerin und wie gerne sie wieder in die Schule gehen und dort etwas Neues lernen möchte.
In Frankreich pocht man sehr auf die frühe Unabhängigkeit des Kindes. Das beginnt damit, dass man sein Baby mit drei Monaten in die Kinderkrippe gibt und Frau beziehungsweise Mann wieder arbeiten geht. Mit drei Jahren beginnt dann die Schule, der "Ernst des Lebens".

»Die Kinder sind stolz darauf, zu den Großen zu gehören und sehr viel lernen zu dürfen.«

Das bedeutet auch , dass die Kinder zusammen mit ihrer Klasse in der Kantine essen wie die Großen, sauber sind, sich alleine die Schuhe, Jacke usw. anziehen können und lernen. Mit drei Jahren oder weniger kann das natürlich eine Herausforderung sein. Dazu gibt es keine wirkliche Eingewöhnungsphase wie bei uns, wo die Eltern die Kinder bis zu einem Monat begleiten. Nach einer Woche bleiben die meisten Kinder bereits alleine bis halb fünf in der Schule. Das ist zu Beginn für viele Kinder sehr hart.

Aus meiner Sicht gehen die meisten aber nach einer gewissen Phase sehr gerne zur "Schule". Die école maternelle ist sehr viel strukturierter als unsere Kindergärten. Das Ziel ist es, den Kleinen bereits gewisse Dinge beizubringen - das richtige Sprechen, Farbenlehre, Zahlen und Buchstaben erkennen. Es bleibt auch Zeit für freies Spiel, aber ich glaube: Doch weniger als bei uns. Das wird jedoch dadurch kompensiert, dass sie sehr stolz darauf sind, zu den Großen zu gehören und sehr viel lernen zu dürfen.

Sonja Polan

CONTRA: SANDRA TEML-JETTER, 48

Familycoach & dreifache Mutter (22, 16 & 13)

Vorschule ab drei Jahren würde für mich bedeuten, Kinder in ein Korsett beziehungsweise ein Konzept zu zwingen, das mit einer natürlichen Art der Entwicklung und Entfaltung des Menschen nichts mehr zu tun hat.

Hier werden elterliche Zukunftsängste auf den Nachwuchs projiziert: Aus meinen Kindern soll einmal etwas werden! Dabei übersehen Eltern, und mit unter auch Pädagogen, dass unsere Kinder schon sind. Mit zirka sechs Jahren kommen Kinder in die Kompetenzphase, und werden schulreif. Wobei Schulreife noch nichts mit Lernen und Lernkompetenz zu tun hat. Will man die Kleinsten für ein System bereit machen, in dem sie vermittelt bekommen, sich anzupassen, dann sollte man damit schon sehr früh anfangen!

»Ganz oft verlieren sie dabei aber die Freude am Lernen«

Ganz oft verlieren sie dabei aber die Freude am Lernen, da in Schulen immer noch hierarchisch gedacht wird und die Schüler und Schülerinnen als Objekt gesehen werden. Ich spreche mich ausdrücklich dagegen aus, Kinder als Objekte zu sehen. Für mich sind sie gleichwürdige, interessierte, wissbegierige, forschende Wesen.

Kinder sollten viel mehr Gestalter des eigenen Lernprozesses sein anstatt gesagt zu bekommen, was sie zu wollen haben. Dabei braucht es neue Wege, Ideen und eine neue Haltung - anstatt (für Erwachsene) Altbewährtes einfach um drei Jahre zu verlängern. In Deutschland gibt es Versuche, die Kindern in der Früh auch Gleitzeit ermöglicht. Sie können kommen, wann es ihrem Bio-Rhythmus entspricht. Die Erfolge sprechen für sich! Hier haben wir Kinder, die gerne zur Schule gehen! Wir müssen uns von den Erwartungen an unsere Kinder befreien – daran scheitern nämlich Beziehungen.

Sandra Teml-Jetter
Themen: Eltern, Kinder,

WOMAN Community

Deine Meinung ist wichtig! Registriere dich jetzt und beteilige dich an Diskussionen.

Jetzt registrieren!

Schon dabei? .