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Pro & Contra: Social Media Voyeurismus

Immer gucken, nie was posten? So leben viele von uns ihr Social-Media-Leben, aber ist das wirklich fair? Zwei Redakteurinnen diskutieren!

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Pro & Contra: Social Media Voyeurismus
© VGN
  • Ich hab den Account nur zu gucken: Annes Motto in sozialen Medien

    Stalking ist kein Spaß. Es ist eine echte Gefahr, eine kriminelle Handlung, die immense psychische Schäden nach sich ziehen kann. Deshalb möchte ich mich auch von diesem Wort distanzieren. Ich stalke also niemanden auf Social Media Kanälen, aber ein Voyeur bin ich trotzdem. Denn von mir gebe ich gar nicht viel Preis. Und das ist es, was den Unterschied macht.

    Denn sollte Social Media nicht ein Geben und Nehmen sein? Viele betrachten das sicher so. Ich nicht. Ich sage: Wer viel von sich preisgeben will, der kann das gerne machen und braucht sich auch nicht zu wundern, wenn man halt Interesse daran zeigt. Jeder, der ein öffentliches Profil hat, muss damit rechnen, dass Menschen vorm PC oder Smartphone sitzen, die einen kennenlernen können, ohne, dass man das merkt. Na klar, man lernt ja "nur" das Online-Self kennen, aber das ist ja auch ein Teil der Persönlichkeit.

    Man macht es ja nicht mehr so exzessiv wie früher, aber Facebook-Vernetzung ist natürlich immer noch eine Sache. Nehmen wir an, du lernst eine neue Person kennen, ihr tauscht Internet-Identitäten aus und sehr euch danach vielleicht ein, zweimal wieder. Ich meine damit nicht unbedingt ein Date, sondern auch Arbeitsbekannte oder Freunde von Freunden. Du kennst diese Person also nicht wirklich, aber wenn sie viel von sich postet, dann hat man schon das Gefühl, es ist so.

    Und dann kann es schon sein, dass ich das Profil auch aktiv anklicke und mir die Fotos anschaue, weil die Person eine coole Wohnunge hat und sowieso einen guten Style. Ich finde, da ist nicht viel dabei! Und auch bei einem Date ist es doch so, dass man so viel wie möglich über die Person erfahren will und dann sucht man halt Infos. Das kann sehr ausufernd sein und bis zu einem vergessenen LinkedIn-Account von 2009 führen, oder nur ein kurzer Blick auf den Insta-Account sein. Schlimm ist das nicht.

    Die große und vielleicht wichtigste Frage, die beim Social Media Voyeurismus aufkommt, ist meiner Meinung nach die Frage nach den Expartnern. Guckt man oder guckt man nicht? Dazu kann ich nur eins sagen: Wenn man klug ist, löscht man den oder die Ex ganz schnell von allen Kanälen, dann kommt man auch nicht in Versuchung. Denn eins ist klar: Es ist immer noch besser, sich in das Leben einer Bloggerin reinzuträumen, als zu sehen, wie ein Ex seine Alltage verlebt!

    Bild 1 von 2 © VGN
  • Márcia liebt Geheimnisse und hält sich frei von voyeuristischen Gedanken.

    Warum ich nicht Social Media-stalke Teil 1:

    Wenn ihr jemals in jemanden verknallt wart, dann kennt ihr diese Aufregung über das Neue und Unbekannte nur zu gut. Es ist wie ein gut behütetes Geheimnis oder ein Rätsel, dem wir mit jedem neuen Date, näher kommen.

    Wie erstickt man diese Aufregung am besten gleich im Keim? Exakt! Indem man sich durch sämtliche Social Media-Konten dieser Person klickt, sich die letzten zehn Jahre in Bildern anschaut, weiß, dass sie letzten November auf Bali war, dass sie für NGOs in Afrika gearbeitet hat, dass sie Medizin studiert, dass sie auf dem Abschlussball eine hässliche giftgrüne Krawatte getragen hat und dass die Ex-Freundin bis vor zwei Monaten noch auf Bildern zu sehen war und man deshalb beschließt, sie sich auch gleich genauer anzusehen und ehe man sich versieht sind drei Stunden vergangen und man ist auf dem Profil der Mutter der besten Freundin der Ex-Freundin des Ex-Freundes der Ex-Freundin seines Dates gelandet und liked ausversehen ein Bild, obwohl man doch nur auf das Gesicht zoomen wollte. Habt ihr den Satz überhaupt verstanden? Ich auch nicht mehr.

    Social Media ist wie Memoiren über unser Leben. Warum sollten wir sie nicht lesen sollen? Obwohl Stalking unseren neugierigen Geist vorübergehend befriedigen kann, ist es vielleicht der am wenigsten romantische Weg, jemanden tatsächlich kennenzulernen.

    Man wird auf Informationen stoßen, die man zu dem Zeitpunkt der Beziehung (die jetzt vermutlich keine mehr werden wird) nicht wissen sollte und die Person vielleicht vorschnell verurteilen. Man teilt nur das auf Social Media, was man nach Außen tragen möchte, das wahre analoge Ich bleibt der digitalen Welt oftmals verborgen. Gefällt uns jetzt schon nicht, was wir sehen, wollen wir dem Menschen keine weitere Chance geben, obwohl das erste und vielleicht zweite Date schön waren.

    Warum ich nicht Social Media-stalke Teil 2:

    Kennen wir das nicht alle. Man hat sich gut verstanden, sich über Monate getroffen, viel Zeit miteinander verbracht, die gegenseitigen Freundeskreise kennengelernt, aber offiziell zusammen war man nie. Von einem Tag auf den anderen verschwindet diese Person aus unserem Leben und was bleibt sind halb gefüllte Social Media-Konten, die man pausenlos nach neuen Updates, Fotos und Lebenszeichen abruft. Auf WhatsApp und Facebook Messenger und mittlerweile sogar auf Instagram in die Chats hineinklickt, um zu sehen, wann sie zuletzt aktiv waren, in der Hoffnung, dass vielleicht drei kleine Punkte erscheinen und sie sich endlich bei uns melden, nur um geschlagen festzustellen, dass nie etwas von ihnen kommen wird.

    Monate lang tun wir uns diesen Psychoterror Tag für Tag an, lesen alte Chats durch auf der Suche nach Indizien für das Scheitern der nicht betitelten Beziehung, um irgendwann zu entdecken, dass sie ein Foto mit einem anderen Mädchen gepostet haben. Sie sehen glücklich aus und halten Händchen und in den Kommentaren steht: „Ihr seid so ein schönes Paar“ und „Endlich hat’s mit euch geklappt“.

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