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Emotionales Essen: Darum haben wir Heißhunger!

Hungergefühl? Das kennen die meisten kaum mehr. Gegessen wird nach Gelüsten - und Emotionen spielen dabei eine große Rolle. Wie man wieder zu einem "normalen" Essverhalten gelangt.

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Emotionales Essen: Darum haben wir Heißhunger!
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Liest man irgendwo den Begriff "emotionales Essen", taucht eine klassische Szene im Kopf auf: auf dem Sofa sitzend, Schokoladentafeln und Kekse voller Gier, unaufhaltsam in sich hineinschaufelnd, ferngesteuert und haltlos. Ist das tatsächlich "emotionales Essen"? Woher kommen Heißhunger und der Drang, zu essen, und wie wird man sie los? Der Begriff "emotionales Essen" meint, dass die Nahrungsaufnahme nicht durch physische Hungersignale, sondern durch Gusto ausgelöst wird. In einer Gesellschaft, in der Abnehmen so verherrlicht wird wie die Queen in England, ist das Essen ohne Hunger quasi eine Sünde, die mit gedanklichen Peitschenhieben bestraft wird. Was aber, wenn Emotionen notwendig sind, um zu essen?

Emotionen haben "Bewegungsprogramme" abgespeichert. Freude und Lust führen dazu, dass Menschen sich neuen Dingen, Menschen oder Nahrung zuwenden. Die Bereitschaft, zu essen, steigt. Traurigkeit oder Ärger führt hingegen dazu, dass wir uns zurückziehen. Ohne Emotion (hier: Lust) essen Menschen nichts. Warum auch, wenn Essen keine Lust oder Freude bietet? In der Fachsprache wird dies Anorexie oder Inappetenz genannt. Betroffene stochern in ihrem Essen herum und nehmen oft nur das Notwendigste an Nahrung auf.

Emotionales Essen ist normal und sogar erforderlich und hat mit einem Essdrang nicht per se etwas zu tun. Es ist auch gar nicht das emotionale Essen, das so viele von uns stört, sondern mehr der Essdrang oder der Heißhunger.

"Gezügelte Esserinnen und Esser"

Und dafür gibt es verschiedene Gründe, die wir voneinander unterscheiden müssen. Vom Heißhunger aufgrund mangelnder Nährstoffaufnahme sind diejenigen betroffen, die schlichtweg zu wenig essen. Die einen sind den ganzen Tag so beschäftigt, dass sie nicht zum Essen kommen. Abends jedoch, wenn der Stress und die Kontrolle des Frontalhirns nachlassen, kommt es zu einem Überfall des Kühlschranks.

Andere wiederum sind gezügelte EsserInnen, die abnehmen wollen und ihre Kalorienaufnahme bewusst drosseln. Die Folge davon ist Heißhunger auf das Verbotene oder Gemiedene, an dem früher oder später etwa 80 bis 90 Prozent der diäthaltenden Personen leiden. In der Psychologie wird dieser Effekt Reaktanz genannt. Die Gedanken beginnen sich quasi um das Verbotene zu drehen. Will man nicht an einen rosa Elefanten denken, ist er im Handumdrehen auch schon da. Langfristig ist das Gewicht damit dann nach drei Diäten oftmals höher, als das Ausgangsgewicht vor dem "Abnehmstart" gewesen ist. Studien zeigen das konsistent! Cheat Days sind so etwas wie eine Erfindung der Diätindustrie, um Menschen diese Essanfälle zu gönnen und sie bei "Laune" zu halten.

Ein anderer Grund für den Essdrang sind angelernte Gewohnheiten. Viele von uns sind so in ihrem Beruf eingespannt, dass unter der Arbeitswoche kaum Zeit bleibt, Freunde zu treffen oder etwas zu unternehmen. Wir sind zu erledigt oder zu k. o., und das Highlight des Tages ist das Abendessen. Oder aber das regelmäßige Verzehren der österreichischen Menükombination Vorspeise, Hauptspeise, Dessert, die sich in einem starken Verlangen auf die Nachspeise äußert, sobald der letzte Bissen der Hauptspeise im Mund verschwunden ist. Oder aber der Gusto auf Popcorn, der plötzlich auftaucht, sobald das Kino betreten wird.

Es sind antrainierte Wenn-dann-Muster, die auf emotionalen Verknüpfungen beruhen. Hat man antrainierte Muster ausfindig gemacht, geht es darum, das Wenn-Dann aufzulösen. Nehmen Sie den Gusto in diesen Situationen bewusst wahr, und stellen Sie sich die Frage: Möchte ich wirklich Popcorn oder ist dies mein Muster? Ist es ein Muster, verlängern Sie die Zeit zwischen dem Wenn und dem Dann. Haben Sie tatsächlich Lust, dann erteilen Sie sich die Erlaubnis zu essen. Arbeiten Sie keinesfalls mit Verboten à la: Ich darf die Nachspeise nicht essen. Dies führt zu oben beschriebenem Heißhunger.

Das innere Perfektionsstreben

Zuletzt gibt es noch das emotionsregulierende Essverhalten. Betroffene verwenden Essen dazu, um sich zu entspannen und sich besser zu fühlen. Die milde Form ist das Eisessen bei Liebeskummer. Die Extremform nennt man Binge Eating Disorder. Dieses Essverhalten hilft Betroffenen dabei, die eigenen Emotionen zu regulieren. In vielen Fällen geschieht dies unbewusst. Ausgelöst wird dieses Essverhalten häufig durch hohen Druck, Kränkung oder Traurigkeit.

Viele Betroffene haben kaum Zeit für sich im Alltag, haben ein inneres Perfektionsstreben in manchen oder vielen Lebensbereichen, ein Ganz-oder-gar-nicht-Denken oder aber Ich-muss-120-Prozent-geben-Gedanken. Innerlich herrscht so viel Druck und der Drang, funktionieren zu müssen, dass das emotionsregulierende Essverhalten wie eine Explosion ist, mit der der Druck weicht. Diese Form des Essdrangs hat die Funktion Ausgleich beziehungsweise Spannungsabbau. Und genau diese Funktion muss ersetzt werden.

Das Lernen verschiedener Strategien, um die Anspannung abzubauen und sich zu erholen (wie etwa Bewegung, Yoga, Meditation ) sowie das Abgrenzen und Neinsagen oder der Aufbau von Selbstfürsorge gehören zu den Dingen, die erlernt werden müssen. Damit werden die Essanfälle mit der Zeit automatisch weniger. Schnelle Lösungen, wie etwa einen Essdrang zu verdrängen, sind nicht ratsam.

In den meisten Fällen kommt es dadurch zu einem Rebound. Wie ein Bumerang kommt der Essdrang nach kurzer Zeit zurück - stärker und härter. Es geht also nicht um die Frage, was man tun kann, um den Essdrang loszuwerden, sondern um die Frage: Was kann ich tun, um für mich zu sorgen? In vielen Fällen ist es angeraten, sich Unterstützung von einer Expertin (Psychologin) zu holen, die auf derartige Verhaltensweisen spezialisiert ist.