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PULS 4: „Guten Abend Österreich“

Seit zwei Wochen läuft auf PULS 4 ein neues Nachrichtenmagazin, das aufregen will. Auf WOMAN.at reden die drei Moderatoren Klartext: über Packelei als Kavaliersdelikt, mutlose Politiker und den Puff-Besuch als Karrieremacher.


  • Norbert Oberhauser, Corinna Milborn und Thomas Mohr (v. l.) berichten täglich aus dem News-Room.

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  • WOMAN- Redakteurinnen Melanie Zingl und Katrin Kuba sprachen mit den PULS-4-Moderatoren.

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Auf vier Screens laufen die aktuellsten Schlagzeilen internationaler TV-Stationen durch, ein dicker Stapel Tageszeitungen liegt am Tisch, nebenbei poppen am Smartphone die neuesten Meldungen auf. Ganz normale Routine für die Journalisten Thomas Mohr, 45, Corinna Milborn, 40, und Norbert Oberhauser, 40. Alle drei sind echte News-Junkies, die ihre Neugierde und ihr Talent zum Beruf gemacht haben. In der neuen PULS-4-Sendung „Guten Abend Österreich“ beweisen sie das nun täglich um 18.45 Uhr. Wir trafen das Moderatorentrio zum großen Talk über Politik, Frauenrechte und Karriere.

WOMAN: Sie sind die Neuen am heimischen Nachrichtenhimmel, berichten täglich über Korruption, Verbrechen, Ungerechtigkeit. Fällt da nicht manchmal nach der Sendung das Einschlafen schwer?

Oberhauser: Ich versuche meinen Job vor der Haustür abzulegen. Manche Dinge nehmen dich aber doch mehr mit, als du dir eingestehen willst.

Milborn: Man entwickelt eine professionelle Distanz. Hin und wieder gehen Fälle trotzdem nahe – Flüchtlinge, Kinder, verschleppte Frauen. Da setze ich mich manchmal privat ein.

Mohr: Ich schlafe schon lange nicht mehr schlecht deswegen. Sonst wäre ich ja seit 2006 schlaflos, als ich mit den "AustriaNews" begonnen habe.

WOMAN: Und wenn Sie wie aus aktuellem Anlass über den deutschen FP-Spitzenpolitiker Rainer Brüderle berichten, der von einer Journalistin der sexuellen Belästigung bezichtigt wird – werden da eigene Erfahrungen wach, Frau Milborn?

Milborn: Bei wem nicht? Ich kenne keine Frau, die noch nie belästigt oder begrapscht wurde. Gerade junge Frauen, die sich beruflich in den männlichen Machtzirkeln bewegen oder viel reisen, sind davon betroffen. Mit der Zeit wird man selbstbewusst und setzt dem gleich einen Riegel vor. Als ich Mitte 20 war, hat man einfach den Kopf hochgehalten und weitergemacht.

WOMAN: Wie geht die Männergeneration mit diesem Thema um?

Oberhauser: Das ist natürlich untragbar. Und zeigt, wie abgehoben manche „Machtmenschen“ sind.

Mohr: Sorry, ist das eine Generationsfrage? Sexismus ist noch immer Alltag.

WOMAN: Alltag ist mittlerweile leider auch der Frust über Österreichs Politik. 2013 ist ja Superwahljahr, die Enttäuschung über das dort tätige Personal groß wie nie. Welche Themen hängen Ihnen denn schon zum Hals raus?

Oberhauser: Nach den letzten Wochen kann ich das Wort Wehrpflicht nimmer hören. Und in Wien dreht sich alles schon viel zu lange ums Parkpickerl.

Milborn: Von der Gesundheitsreform will auch keiner was wissen – leider!

Mohr: Gesamtschule. Weil einfach nie was weitergeht. Frustrierend!

WOMAN: Womit könnten euch Politiker noch beeindrucken?

Mohr: Mit einem Transparenzgesetz, damit endlich klar ist, wohin unser aller Geld fließt. Außerdem sollte es in diesem Land endlich eine Rücktrittskultur geben.

Oberhauser: Oh ja, in anderen Ländern sind Politiker zu sich selbst härter und nehmen wegen vergleichsweise Belanglosem ihren Hut. Etwa schon, wenn sich ein Minister auf die First Class upgraden lässt. Bei uns aber sind Leute nicht einmal in der Lage, rechtskräftige Urteile anzuerkennen.

Milborn: Es scheint als könne man sich, was Packelei und Korruption betrifft, in Österreich alles leisten. Wählerstimmen holt man sich mit Kritik an Banken und dem Wirtschaftssystem. Das macht seltsamerweise derzeit nur die FPÖ konsequent.

Oberhauser: Ich wäre ja längst bereit, die knallharte Wahrheit zu akzeptieren und dafür auch persönliche Einschnitte in Kauf zu nehmen. Wenn man sagt, dass wir hier und dort sparen müssen, ist das sicher für jeden okay.

Mohr: Das glaube ich nicht. Der Ausseer Bürgermeister hat sein Amt verloren, weil er sich aus notwendigen Spargründen für die Schließung des ortsnahen Krankenhauses stark gemacht hat. In Wahrheit sind die Österreicher selbst die Reformbremser.

Milborn: Wie bei der Wehrplicht: Wir wollen es, weil es immer so war.

Oberhauser: War es gut? Nein! Wollen wir es anders? Nein!

WOMAN: Sie glauben also nicht an große Reformen nach der Volksbefragung, die ein klares Votum für die Beibehaltung der Wehrpflicht gebracht hat?

Mohr: Heuer passiert nichts mehr.

Oberhauser: Jetzt wollen sie ja die Leute nach dem einsetzen, was sie können. Vielleicht gibt’s dann ein Casting à la „Austria’s next Superrekrut“. In Zukunft wird ein Oberleutnant in Dieter-Bohlen-Manier fragen: „Was kannst’n du so?“ Und wenn der gut im Wandern ist, wird er Gebirgsjäger.

Milborn: Das Erfreuliche daran ist jedenfalls, dass die Menschen an sich ja politisch interessiert sind. Wenn man fragt …

WOMAN: Und? Alle abgestimmt?

Milborn: Wahlgeheimnis! Aber sonst wähle ich immer weiß. Ich kann nicht klar für eine Partei sein und zugleich Wahlberichterstattung machen.

Oberhauser: Ich finde, dass es meine gottverdammte Pflicht ist, wählen zu gehen.

Mohr: Ich gehe prinzipiell wählen. Bei der Nationalratswahl 2002 habe ich sogar im Südafrika-Urlaub den Weg aufs Konsulat in Kauf genommen, obwohl die anderen über den Umweg gemault haben.

WOMAN: Offenbar ist Politik den Menschen immer noch extrem wichtig. Aber warum wird nur noch darüber geschimpft?

Milborn: Wir haben Politiker, die es nicht schaffen, zu vermitteln, dass ihnen die Themen wichtig sind, für die sie arbeiten. Und das zerstört Vertrauen. Ich glaube den meisten einfach nichts.

Oberhauser: Ich muss jetzt eine kleine Lanze für unsere Politiker brechen. Man erwartet, dass sie allwissend sind, die perfekten Menschen. Mittlerweile haben sie hauptsächlich Angst davor, Fehler zu machen. So kannst du kaum mehr klar Position beziehen.

Milborn: Ich würde mir wünschen, dass jemand das Rückgrat hat, zu sagen „Das ist mein Thema, da kenne ich mich aus. Und zum Rest bilde ich mir erst eine Meinung“.

Mohr: Aber die Politiker lassen sich in die Enge treiben, und das wollen die Wähler auch nicht. Schwierig …

Milborn: Es gibt aber welche, denen ich abnehme, dass sie für etwas kämpfen.

WOMAN: Und zwar?

Milborn: Der Frauenministerin zum Beispiel. Gabriele Heinisch Hosek zieht ihre Themen durch. Auch jene, mit denen sie sich unbeliebt macht, wie die Quotenregelung, Mindestbodymassindex für Models oder auch, wie sie gegen die Retusche von Falten auftritt. Bei ihr habe ich das Gefühl, dass sie eine Vorstellung davon hat, was sie durchsetzen will.

Mohr: Alle, die das aber nicht so machen, werden von den Leuten durchschaut und nicht mehr ernstgenommen. Deshalb ist auch Frank Stronach für viele eine Alternative. Der benimmt sich einfach anders als die anderen, und das allein ist offenbar schon ein Qualitätsmerkmal.

WOMAN: Er will das Land aufmischen. Sitzt er mit diesem Vorhaben auch in der nächsten Regierung?

Oberhauser: Nein!

Mohr: Und auch nicht im Parlament. Ich habe eine Wette laufen, dass er, auch wenn seine Partei reinkommt, nicht im Nationalrat angelobt wird.

Milborn: Schwarz-Blau-Stronach ist natürlich schon eine Möglichkeit. Aber sehr unwahrscheinlich.

Mohr: Stronach braucht sich nur ruhig zu verhalten und zuzuschauen, wie die anderen die Fehler machen.

WOMAN: Was wäre anders, wenn es mehr Frauen an der Spitze der Politik gäbe, mehr Frauen überhaupt in Führungspositionen wären?

Milborn: Ich habe mir das mal im Rahmen der ganzen Diskussion um die Weltwirtschaftskrise angesehen. Der Punkt ist: Frauen sind nicht die besseren Menschen, weniger korrupt oder gar weniger geldgierig. Aber je mehr Diversität in Führungsebenen da ist, umso weniger wird gepackelt. Wenn alle aus der gleichen Uni kommen und sich seit ewigen Zeiten kennen, ist das Korruptionsniveau höher als wenn Aufsichtsräte ungeachtet ihres Geschlechts zusammengewürfelt werden. Einschwörungsrituale, wie zusammen ins Puff gehen, sind halt mit Frauen auf dieser Ebene ein bissl schwerer umzusetzen (lacht) .

Mohr: Frauen arrangieren sich auch. Vielleicht aber geschickter.

Milborn: Natürlich tun sie das. Gemischte Führungsebenen erschweren aber die Packelei.

WOMAN: Wie konservativ ist eigentlich unser Familienbild?

Milborn: In der Praxis gar nicht. Da gibt es alle möglichen Formen von Familien. Die Politik aber ist sehr konservativ, vor allem im Vergleich zu anderen europäischen Staaten. Diese politisch gezeichnete Idealform, dass die Mutter möglichst lange mit den Kindern zuhause bleiben soll, wird hochgehalten. In Frankreich oder Belgien dagegen gilt man als Superglucke, wenn man zwei Jahre beim Kind zuhause bleibt.

Mohr: Hat das damit zu tun, dass es zu wenige Kinderbetreuungsplätze gibt, dass die Ganztagsschule fehlt und die Mütter keine andere Möglichkeit haben, als zuhause zu bleiben?

Milborn: Nein, es hat damit zu tun, dass es einen gesellschaftlichen Konsens gibt, dass die Kinder so lange wie möglich bei der Mutter bleiben. Diese Einstellung wird bei uns auch nicht hinterfragt.

Oberhauser: Das zieht sich ja durch alle Parteien. Niemand stellt diese gesellschaftliche Norm infrage.

Mohr: Außer die Grünen vielleicht. Die Frage ist, ob das jetzt aufbricht. Ich sehe da ehrlich gesagt niemanden, der da gesellschaftlich wirklich bewegen und verändern will. Und seien wir doch ehrlich: Auch das Männerbild ist hier immer noch konservativ. Du giltst als Verlierer, als gescheitert, wenn du als Mann bei deiner Familie, bei deinen Kindern bleiben willst.

Oberhauser: Ist das heute wirklich noch so?

Mohr: Es muss so sein, sonst würden mehr Männer in Karenz gehen.

WOMAN: Im Vergleich mit anderen Staaten schneidet Österreich auf vielen Ebenen sehr gut ab. Es gibt das einkommensabhängige Kindergeld, fünf Wochen Urlaub, ein intaktes Gesundheitssystem. Warum wird trotzdem so viel über die Politik genörgelt?

Mohr: All das, was Sie hier aufzählen, ist für die Menschen selbstverständlich, eine Art Gewohnheitsrecht, das sie gar nicht mehr zu schätzen wissen.

Oberhauser: Wir haben ein Luxusproblem. Ein Bekannter meinte vor kurzem: „Es ist alles so schrecklich und die Politiker gehören sowieso … weil ich kann mir den Zweitwagen nicht mehr leisten.“ Das ist doch absurd.

Mohr: Was mich besonders nervt, ist, dass aber gleichzeitig einer
Bevölkerungsgruppe Stabilität und Sicherheit vorenthalten wird. Jener nämlich, die sich um Asyl bewirbt und hier manchmal schon über einen langen Zeitraum versucht hat, eine Zukunft aufzubauen. Jahre später ist diese Planung dann kaputt, weil sie abgeschoben werden. Das geht so nicht.

Milborn: Und das in einem so reichen Land. Letztes Jahr haben gerade einmal 13.000 Menschen in Österreich Asyl beantragt. Wenn die ALLE auf ein Konzert ins Happelstadion gehen, haben immer noch 37.000 weitere Platz.

WOMAN: Abschließende Frage: Welche Schlagzeile würden Sie heuer gerne noch anmoderieren?

Mohr: Karl-Heinz Grasser vor Gericht! (alle lachen) Natürlich gilt aber so lange die Unschuldsvermutung.

Milborn: Ich habe sogar darauf gewettet, dass das ein Fall für die Justiz wird. Eine Kiste Bier!

Oberhauser: Die ist inzwischen schon abgelaufen, stimmt’s?!

Melanie Zingl, Katrin Kuba