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"In Gedanken darf man alles!"

Man fühlt sich verletzt, gedemütigt, ignoriert, und im Inneren schreit alles nur ein Wort: Rache! Bevor man aber wirklich zur Tat schreitet, sollte man zum eigenen Schutz so manches bedenken. Was genau, das fragten wir Psychiaterin Heidi Kastner.

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"In Gedanken darf man alles!"
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"Na warte nur! Mit mir nicht!" Man würde ihn am liebsten auf der Stelle würgen, treten, seine affige Lederjacke zerschneiden und seine Mutter anrufen: "Hey, was hast du für einen miesen Sohn?" Und als Draufgabe sollten die Reifen von seinem Angeber-Auto auch noch dran glauben müssen. Dann wird er sich's vielleicht überlegen, ob er einen nochmal betrügt mit dieser Tussi aus seinem Büro. Deren Chef man am besten auch gleich informieren sollte, was für eine moralisch fragwürdige Angestellte er da hat! Ja, dann würde man ihren dummen Gesichtsausdruck gerne sehen. Male dir deine Rache ruhig so gemein aus, wie du nur willst, hat Heidi Kastner, 54, weltbekannte Linzer Psychiaterin und Gerichtsgutachterin, nichts dagegen. Aber überlege zwei Mal, bevor du auch nur daran denkst, sie in die Tat umzusetzen. "Denn die Gefahr, dass man sich mit den Vergeltungsschlägen selber schädigt, ist groß. Und mit jeder Racheaktion offenbart man sich natürlich auch selbst!", so die Expertin. Tatsache ist, dass perfide Gegenschläge meist keine Gerechtigkeit schaffen, sondern nur neues Unrecht. Wie aber geht man am besten um mit dem aufwühlenden Gefühl, das so alt ist wie die Menschheit? Die Ärztin, und erfolgreiche Buchautorin erklärt es in unserem Interview.

WOMAN: Ist es normal, Rachegefühle zu haben?

Kastner: Ja. Sie sind eine normale Reaktion auf Kränkung. Man sucht den Ausgleich für das erlittene Unrecht, indem man sich sagt: "Wenn es mir schlecht geht, soll es dir auch schlecht gehen." Und je weniger gut man mit Kränkungen umgehen kann, desto mehr steht einem der Sinn nach Rache.

WOMAN: Und wie weit darf man die Gefühle dann ausleben?

Kastner: Bevor Emotionen in Handlung umgesetzt werden, greifen normalerweise die inneren Regulationsmeachanismen eines Menschen. Das kann rational kognitiv sein im Sinne von: "Das mach ich lieber doch nicht, denn das ist verboten, da könnte man mich erwischen oder bestrafen." Oder die emotionalen Hemmschwellen melden sich: "Das, was ich mir da ausgemalt habe, kann man einem anderen doch nicht antun, egal was er gemacht hat." Oder: "Der hat sich zwar ins Unrecht gesetzt, jetzt setz ich mich aber nicht auch noch ins Unrecht."

WOMAN: Aber so kleine Rachegeschichten, wie den Lieblingspullover vom Ex zerschneiden oder der gemeinen Kollegin das Schreibtischschloss zukleben, das muss doch erlaubt sein.

Kastner: Es ist halt die Frage, wie sehr man sich da nicht selbst offenbart. Jede Racheaktion gibt auch über mich Auskunft. Wie sehr mich etwas getroffen hat. Dass ich doch nicht so cool bin, wie ich vorgebe. Und wenn ich Gewand vom Ex zerschneide, dann werde ich vielleicht als hysterisch wahrgenommen. Wenn mir das nicht egal ist, muss ich mir das vorher überlegen.

WOMAN: Kann denn so eine kleine Rache nicht doch auch sehr befreiend sein?

Kastner: Im Akutfall, ja. Das hängt aber immer von der Verfügbarkeit anderer Alternativen ab. Es gibt Leute, die haben wenig Möglichkeiten, sich aus dieser Emotion zu befreien. Bei anderen meldet sich bald eine innere Stimme, die zum Beispiel im Fall des untreuen Lovers sagt: "Du hast doch eigentlich eh gewusst, dass er kein Feiner ist. Dass so was kommen wird, wennst' dich mit dem einlässt." Und der untergriffige Kollege, der mich anschwärzen will, ist einfach ein primitiver, ungehobelter Mensch, der so etwas eben macht. Ich willst mich nicht mit ihm auf eine Stufe stellen. Wie hat es Michelle Obama so richtig gesagt: "When they go low, we go high." Drüberstehen ist immer besser.

WOMAN: Klar ist das besser. Aber wenn man doch gerade so einen Zorn auf jemanden hat, wie entlädt man den?

Kastner: Dann würde ich ihm die Meinung sagen. Und das, wenn's sein muss, schonungslos. Darüber reden und versuchen, Dinge zu klären, macht den meisten Sinn. Und man kann sich natürlich ruhig innere Szenarien ausmalen, was man dem Idioten so alles antut. Da ist nichts verboten. In Gedanken darf man alles. Die sind bekanntlich frei. Aber man sollte nicht die Bodenhaftung verlieren und immer bedenken, in welchem Regelsystem man lebt. Sonst schädigt man sich leicht selbst.

WOMAN: Aus Rache machen einige Menschen ja die schrecklichsten Dinge. Das geht bis zur Selbstjustiz.

Kastner: Ja, leider. Bei ihnen greifen keine Regulationsmechanismen mehr. Sie maßen sich an, gegen jegliche Regeln und Gesetze zu verstoßen, und haben dann auch ihr eigenes Leben ruiniert.

WOMAN: Man hört ja auch immer wieder, dass manche die Rachegedanken jahrelang mit sich herumtragen.

Kastner: Wie dumm ist das! Das ist so, als wollte man weitergehen, und fliegt ständig über was drüber – und dann geht es eben nicht weiter. Man lebt rückwärts statt nach vor.

WOMAN: Über diese Nachbarschaftsstreits, die man oft im Fernsehen sieht, wo sich über Jahre einer am anderen rächt, kann man ja auch nur den Kopf schütteln.

Kastner: So ist es. Was diese Menschen alle nicht begreifen, ist, dass sie ja ihr eigenes Leben damit beschädigen. Die verlieren ihre eigene kostbare Lebenszeit, in der sie ganz andere, schöne Dinge machen könnten. Stattdessen sinnen sie über Rache nach. Das ist doch furchtbar dumm. Und kann natürlich über kurz oder lang auch zu psychosomatischen Beschwerden führen.

WOMAN: Aber wenn man schon mal in dem Teufelskreis der Rache drin ist, kommt man wahrscheinlich schwer wieder raus!

Kastner: Es ist jederzeit möglich, sich hinzusetzen und über sich nachzudenken: Was ist mir wichtig? Wie will ich weitermachen? Was bringt mich wirklich weiter?

WOMAN: Und dann auch mal zurückstecken. Ganz nach dem alten Sprichwort: Der Klügere gibt nach ...

Kastner: Genau. Wenn man älter und erfahrener wird, weiß man, dass die meisten Dinge, die einmal so wichtig waren, irgendwann an Bedeutung verlieren. Vieles, was mich vor zwei, drei Jahren furchtbar geärgert hat, ist mir mittlerweile völlig egal. Ich habe eine indifferente Distanz dazu. Ja, sicher, das und das hat mich gekränkt. Das Leben ist trotzdem weitergegangen. Heute denk ich mir: Das war halt so oder der oder die waren halt so fies. Das Leben ist nicht immer so, wie man es sich wünscht. Dass alles glatt geht und man nie Verletzungen erleiden muss, ist in keinem Passus eingebaut. Später ist sicher so mancher froh, dass er seinen Rachegefühlen nicht nachgegeben hat.

WOMAN: Trotzdem gibt es viele, die offenbar nicht anders können. Um nochmal auf so "kleine", perfide Bosheiten zurückzukommen: Den Feind beim Finanzamt oder einer sonstigen Behörde anzuzeigen, gehört zu den beliebteren Racheaktionen.

Kastner: Ja, aber nochmal: In welches Licht rückt man sich da selber? Auch wenn's nur vor dem eigenen Spiegel ist. Früher hat man doch wahrscheinlich auch nie so eine Finanzamtstreue entwickelt, hat den Freund oder Geschäftspartner vielleicht noch ermutigt, nicht so deppert zu sein. Und dann macht man die Drehung um 180 Grad?

WOMAN: Aber wenn man dem anderen so richtig eins ausgewischt hat, befriedigt einen das dann nicht auch? Bei Rachefantasien soll ja laut Forschern das Belohnungszentrum im Gehirn anspringen.

Kastner: Momentan ist man vielleicht befriedigt und fühlt sich gut, man hat ja vermeintliches Unrecht ausgeglichen und ein vermeintliches Gleichgewicht wiederhergestellt. Aber der Katzenjammer kommt – meist erst mit einiger Verzögerung.

WOMAN: Dass jeder Racheakt etwas über einen selber aussagt, hat viel für sich. Die meisten Racheakte passieren ja im Beziehungsbereich, und da gibt es die kreativsten Dinge. Von den oder die Ex auf Facebook bloßstellen bis zu Telefonterror und die Klamotten aus dem Fenster werden.

Kastner: Was tu ich mir selbst damit Gutes, wenn ich nach einer Trennung herumgehe und jedem erzähle, was mein Ex für ein fürchterlicher A war? Alle seine fiesen Gewohnheiten und schlechten Eigenschaften breittrete. Aha, und mit dem habe ich so lange gelebt? Und ich habe das akzeptiert? Oder war ich zu blöd, das zu sehen? Außerdem interessiert es nicht jeden, was ich über den zu schimpfen habe, und wenn ich nur das eine Thema kenne, werde ich irgendwann zur Landplage werden. Wenn ich dann auch noch Lügen verbreite, ist das üble Nachrede. Außerdem besteht die Gefahr, dass sich der Betroffene seinerseits wieder rächt, und dann geht's los.

WOMAN: Wenn man, wie Sie sagten, mit Kränkungen besser umgehen kann, wird man auch unangreifbarer. Wie kann man da stärker werden?

Kastner: Ein ganz guter Weg wäre es schon einmal, sich selbst nicht so überragend wichtig zu nehmen und ein Unrecht, auch wenn es mir selbst widerfährt, nicht als weltbewegend anzusehen. Fairness ist, wie gesagt, kein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens. Allen wird einmal etwas angetan. Je früher man lernt, diese Binsenweisheit zu akzeptieren, desto eher wird man an Kränkungen nicht scheitern.