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Wenn Mutter sein nicht glücklich macht

Bin ich egoistisch oder gar eine Rabenmutter, wenn ich als Mutter unglücklich bin? Immer mehr Frauen geben zu, dass sie es bereuen ein Kind bekommen zu haben. Wir sprechen mit einer Expertin über das Phänomen #RegrettingMotherhood.

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#RegrettinMotherhood - Wenn Mutter sein nicht glücklich macht

Es gibt Mütter, die ihre Mutterschaft bereuen.

© istockphoto.com

"Manchmal bereue ich es ein Kind bekommen zu haben" - Darf eine Mutter so etwas überhaupt sagen? Öffentlich zuzugeben, dass man die Familiengründung bereut, ist ein absolutes Tabu. Denn für eine Frau sollte es das höchste Glück sein, Mutter zu werden. Probleme? Reue? Wenn man erst einmal Mutter ist, dann gibt es so etwas doch gar nicht, oder? Falsch. Immer mehr Frauen bekennen sich zum Phänomen #RegrettingMotherhood (zu deutsch: "Ich bereue die Mutterschaft"), das auf der Studie der israelischen Soziologin Orna Donath beruht. Frauen, die zugeben, dass sie es manchmal sehr wohl bereuen ein Kind bekommen zu haben. Schließlich sind Kinder mit Einschränkungen verbunden. Zeit für sich selbst, Mädelsabende oder lange Reisen - nicht mehr so einfach.

Wir haben mit der zweifachen Mutter Christina Mundlos, die sich seit Jahren mit Gender- und Mütterthemen beschäftigt und nun ihr neues Buch zum Thema #RegrettingMotherhood publiziert hat, über den Druck eine perfekte Mutter zu sein gesprochen und gefragt, wie man eine glückliche Mutter wird.

»Kinderlose Frauen stehen unter enormen Druck.«

WOMAN: Werden junge Frauen heutzutage schief angesehen, wenn sie sich gegen das Kinderkriegen entscheiden?
Christina Mundlos: Sie werden nicht nur schief angesehen, sie werden ab einem gewissen Alter regelrecht verfolgt und belästigt mit der Frage „Wann ist es denn bei dir endlich soweit?“
Bei meinen Recherchen zu bereuenden Müttern haben mich auch immer wieder kinderlose Frauen angesprochen, die mir sagten „Endlich wird mal thematisiert, dass Kinder nicht automatisch glücklich machen.“ Denn ihnen wird immer vorgehalten, dass sie ihre Kinderlosigkeit sicher irgendwann bereuen würden. Kinderlose Frauen stehen unter enormen Druck. Der Muttermythos, der besagt, dass eine Frau Mutter werden muss und dass eine Mutter glücklich sein muss, belastet sie genauso wie die Mütter.

WOMAN: Vor dem Studium ist man zu jung, nach dem Studium muss man Karriere machen und dann soll man alles aufgeben? Welches Alter ist Ihrer Meinung nach heutzutage das geeignetste, um Mutter zu werden?
Christina Mundlos: Das ist individuell unterschiedlich. Egal in welchem Alter eine Frau mit Kinderwunsch ist, rate ich ihr jedoch, sich sehr viel Zeit zu nehmen, um darüber nachzudenken was Mutterschaft bedeutet und ob das wirklich ihr eigenes Bedürfnis, ihr ganz eigener Wunsch ist. Bevor man Kinder bekommt, sollte man reflektieren, ob man damit eventuell nur der gesellschaftlichen Norm entsprechen will oder sich Anerkennung und Wertschätzung vom Partner und der Familie erhofft.

WOMAN: Ist Kind & Karriere eine Illusion?
Christina Mundlos: Kind und Karriere ist keine Illusion, sondern eine Tatsache. Es gibt längst Frauen, die beruflich erfolgreich sind und Kinder haben. Doch sie alle zahlen ihren Preis dafür. Und das wäre nicht nötig. Wir brauchen dringend einen Wandel der Arbeitskultur und familienfreundliche Arbeitsstrukturen – nicht nur Lippenbekenntnisse. Bislang lastet ein Großteil der gesellschaftlichen Arbeit auf den Schultern der Frauen. Berufstätige Mütter werden aufgerieben und lassen sich aufreiben. Wenn wir nicht endlich von unserem völlig überladenden Mutterbild abrücken, machen wir insbesondere die berufstätigen Mütter kaputt.

WOMAN: Wie schafft man es eine gute Mutter zu sein, ohne gleich sein ganzes Leben aufgeben zu müssen.
Christina Mundlos: Diese Frage unterstellt, dass eine Mutter z.B. eine gute Mutter sein kann, indem sie ihr ganzes Leben aufgibt. Das entspricht vielleicht der traditionellen Vorstellung einer guten Mutter – diese deckt sich aber überhaupt nicht mit meiner Vorstellung einer guten Mutter. Dem traditionellen Mutterbild kann eine Frau, die sich nicht völlig aufgeben und ihre eigenen Bedürfnisse unterdrücken möchte, überhaupt nicht entsprechen. Das sollte auch nicht ihr Ziel sein. Sie sollte diesen Anspruch der Selbstaufgabe weit von sich weisen. Das ist leichter gesagt als getan, denn eine Mutter, die ihre eigenen Bedürfnisse nicht über Bord wirft, wird in unserer Gesellschaft ausgegrenzt, stigmatisiert und schnell ein Opfer des verbreiteten "Mütter-Bashings", das ich in meinem Buch „Mütterterror“ beschrieben habe.
Meine Vorstellung einer guten Mutter: sie kennt sich selbst und liebt sich selbst, sie kennt ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen und nimmt diese ernst.

WOMAN: Man ist also keine Rabenmutter, wenn man auch mal alleine in den Urlaub fährt?
Christina Mundlos: Natürlich nicht.

WOMAN: Welche Tipps haben Sie für Mütter, die Job, Kind, Haus und Ehemann versorgen müssen?
Christina Mundlos: Sie sollten nicht zu hohe Ansprüche an sich selbst haben und diese auch selbstbewusst zurückweisen. Sie sollten sich die Frage stellen: Was kann und will ich leisten? Wo sind meine Grenzen? Was brauche ich für mich selbst? An manchen Stellen können sie vielleicht auf Minimallösungen zurückgreifen und sich von perfektionistischen Vorstellungen lösen. An anderen Stellen können sie vielleicht Aufgaben delegieren und den Partner, die Familie oder das Betreuungspersonal (stärker) mit einbeziehen.

»Wenn man keine Lust hat eine Piratenschiff-Torte für den Kindergeburtstag zu backen, sondern lieber Tiefkuhl-Donuts besorgen möchte, dann erntet man schnell kritische Kommentare...«

WOMAN: Gibt es als Mutter Momente, in denen man es bereut ein Kind bekommen zu haben?
Christina Mundlos: Als besonders belastend schildern die bereuenden Mütter, dass die gesellschaftlichen Ansprüche an sie enorm hoch sind. Wenn sie keine Lust haben, eine Piratenschiff-Torte für den Kindergarten, den Schulbasar oder den Kindergeburtstag zu backen, sondern lieber Tiefkühl-Donuts besorgen möchten, dann ernten sie schnell kritische Kommentare, werden ausgegrenzt und von anderen als schlechte Mutter angesehen. Das zieht sich durch alle Bereiche und Aufgaben, die Müttern inzwischen zugemutet werden. Der Aufgabenkatalog ist ins Unermessliche gewachsen, die Mütter fühlen sich erdrückt und sollen sich permanent um die Bedürfnisse anderer kümmern und die eigenen Bedürfnisse verdrängen. Dazu müssen sie noch fröhlich lächeln und so tun als würden sie ihr Lebensglück aus dem „Dasein“ für andere ziehen. Damit haben viele Mütter nicht gerechnet und es belastet sie enorm.
Weitere Punkte, die von fast allen bereuenden Müttern angesprochen werden, sind die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie und die mangelnde Unterstützung durch den Partner.

Christina Mundlos - Regretting Motherhood
Christina Mundlos, Buchautorin und zweifache Mutter

WOMAN: Würden Sie manchen Frauen auch abraten Kinder zu bekommen?
Christina Mundlos: Keine Frau sollte sich dazu drängen lassen, Kinder zu bekommen. Denn das wäre die Garantie für dauerhaftes Unglück. Frauen, die spüren, dass sie selbst eigentlich keine Kinder bekommen wollen würden, sollten diesen Wunsch sehr ernst nehmen.

WOMAN: Wie schafft man es eine glückliche Mutter zu sein?
Christina Mundlos: Das ist aktuell sehr schwierig. Entweder decken sich die Bedürfnisse einer Mutter mit denen des überladenen Mutterbildes und sie geht völlig darin auf, sich selbst zurückzunehmen und für andere zu sorgen. Dann ist dies vermutlich möglich – wobei sich die Frage stellt, weshalb es sie glücklich macht, sich selbst derart zurückzunehmen. Oder aber sie ist selbstbewusst genug auf jegliche Anerkennung und Wertschätzung von außen zu verzichten. Vorwürfe und Druck von außen prallen an ihrem dicken Fell ab und sie lebt ihre Mutterrolle genau so wie sie das selbst für richtig hält – unabhängig davon was andere sagen oder von ihr halten. Dann wäre das auch möglich.

Wenn Mutter sein nicht glücklich macht #RegrettingMotherhood

Im „Wenn Mutter sein nicht glücklich macht. Das Phänomen Regretting Motherhood“, das ab heute im mvg Verlag erhältlich ist, beschäftigt sich Christina Mundlos mit Müttern, bereuenden Müttern und Frauen allgemein. Sie gibt Tipps für alle Lebenslagen, zeigt Lösungen und betrachtet das Phänomen aus einem soziologischen und politischen Blickwinkel. Preis: Euro 14,99

Themen: Eltern, Kinder

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