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Mutter sein ist keine Freude

Mutter zu werden ist das größte Glück? Nicht für jede. In einer Studie und unter dem Hashtag #regrettingmotherhood erklären Frauen, warum sie bereuen, Mutter geworden zu sein.

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Mutter sein ist keine Freude

"Könnte ich nochmals entscheiden, ich hätte keine Kinder"

© Corbis

Mutter zu sein. Das wird in Medien und Büchern oft als größtes Glück der Erde verklärt. Diese unvoreingenommene Liebe, dieser Rücktritt vom eigenen Egoismus zugunsten strahlender Kinderaugen...

Darf man auf seine Kinder auch richtig sauer sein? Es bereuen, dass die eigenen Wünsche und Ziele neben Windeln und Fußballtraining plötzlich in den Hintergrund getreten sind – und dass das einen manchmal einfach auch ankotzt?

Darf frau sagen, dass ihr Leben einfach, manchmal auch glücklicher wäre, wenn sie keine Kinder hätte?

Eigentlich: Nein. Es ist gesellschaftlich verpönt und irgendwie auch ziemlich unsympathisch, seinen Nachwuchs nicht als reine Freude zu betrachten. Sondern auch als Mühsal, als Klotz am Bein, als Auslöser für manchen Grant und Beziehungsstress.

Es verwundert nicht, warum die zuerst in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte Studie "Das Muttersein bereuen: Eine gesellschaftspolitische Analyse" der israelischen Forscherin Orna Donath aktuell für heftige Debatten sorgt.

"Ich liebe mein Kind. Aber einfacher wäre es ohne."

"Ich bereue es, Mutter zu sein!"

Zwar ist Donaths Untersuchung mit nur 23 Teilnehmerinnen im Alter zwischen Mitte zwanzig bis Mitte 70 keineswegs repräsentativ – aber sie wirft einen neuen Blick auf das gerne glorifizierte Bild der glücklichen Mutterschaft. Und regt so die Diskussion an.

Denn alle Teilnehmerinnen an der Studie (egal ob Alleinerzieherinnen oder in einer Partnerschaft lebend, mit einem oder mehreren Kindern) hatten eines gemeinsam: Auf die Frage " "Wenn Sie in der Zeit zurückreisen könnten - mit all dem Wissen und der Erfahrung von heute -, würden Sie dann noch einmal Mutter werden?" antworteten alle mit einem deutlichen und entschiedenem "Nein". Niemals.

Tirtza, 57, etwa findet, ihre Mutterschaft habe ihrem Leben nichts hinzugefügt - außer Schwierigkeiten und ständige Sorge. Charlotte, 44, sagt, sie ziehe aus ihrer Mutterrolle keinerlei emotionalen Gewinn. Muttersein "sei halt die Auseinandersetzung mit dem nunmehr Unvermeidbaren".

Sind diese Frauen Rabenmütter? Mitnichten. Sie alle haben sich bewusst für ein Kind entschieden, sie alle lieben ihre Kids, sie alle kümmern sich bestens um sie. Aber sie fühlen sich in der Mutterrolle unglücklich – und bereuen rückblickend ihre Entscheidung zutiefst. Entscheidend: Nicht das Kind selbst wird abgelehnt, sondern die Mutterschaft per se.

#regrettingmotherhood: Keine leichtfertige Verurteilung

Die wird mit einem Verlust des Selbst, der Zeit und dem Gefühl der Freiheit und Kontrolle über das eigene Leben gleichgesetzt. Die von Orna Donath befragten Frauen sprechen sehr reflektiert über ihre Gefühle. Wer die Interviews liest, kann die Frauen nicht einfach nur leichtfertig aburteilen, sondern sich teilweise in ihre Empfindungen einfühlen oder diese zumindest ansatzweise nachvollziehen.

Und so wird das Thema unter dem Hashtag #regrettingmotherhood (zu deutsch: "Ich bereue die Mutterschaft") in Blogs und auf Medienseiten kontroversiell debattiert.

Während manche Autorinnen und Bloggerinnen der Ansicht sind, dass die Worte "Mutterschaft" und "Reue" niemals in einem Atemzug genannt werden können, betrachten andere das Thema differenzierter: "Ich liebe meine Kinder, aber ich liebe auch mein Leben. Mutterschaft bedeutet, einen Teil davon aufzugeben. Und das darf ich durchaus bereuen."

Die israelische Forscherin Donath sieht die Debatte als Anregung. "Meine Studie ist erst der Anfang," so schreibt sie. "Dass Mutterschaft nicht nur glücklich macht, ist ein Tabu-Thema, das wir aufgreifen sollten."