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Marshmallow-Test: Warum reiche Kinder erfolgreicher sind

Wohlstand - nicht wie lange angenommen Willenskraft - scheint die Ursache für die Fähigkeit einiger Kinder zu sein, Belohnungen zu verzögern.

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Marshmallow-Test: Warum reiche Kinder erfolgreicher sind
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Der Marshmallow-Test ist wohl eines der bekanntesten sozialwissenschaftlichen Experimente: Lege einen Marshmallow vor ein Kind, sag' ihm, dass es einen Zweiten haben kann, wenn das Kind es schafft, 15 Minuten zu warten, ohne den Ersten zu essen . Dann geh aus dem Zimmer. Ob es geduldig genug ist, seine Belohnung zu verdoppeln, führte man bis dato auf die Willenskraft des Kindes zurück, die sich in weiterer Folge auf der ganzen Linie - also in der Schule und schließlich auch bei der Arbeit bemerkbar machen würde. Ein bestandener Test ist für Viele also ein vielversprechendes Signal für zukünftigen Erfolg.

Eine neue Studie, die letzte Woche veröffentlicht wurde, hat das ganze Konzept jetzt ins Wanken gebracht. Tyler Watts von der New Yorker Forschergruppe und Greg Duncan und Hoanan Quan von UC Irvine stellten den klassischen Marshmallow-Test neu auf, der in den 1960er Jahren vom Stanford-Psychologen Walter Mischel entwickelt wurde. Mischel und seine Kollegen haben den Test damals durchgeführt und dann beobachtet, wie die Kinder später im Leben weiterkamen. Sie beschrieben die Ergebnisse in einer Studie aus dem Jahr 1990, die nahelegte, dass verzögerte Befriedigung beziehungsweise Belohnung enorme Vorteile hatte: Wer schon als Kind warten kann, hat es später leichter im Leben. So die bisherige Annahme.

Wohlstand, nicht Willenskraft macht Kinder zu erfolgreichen Erwachsenen

Watts und seine Kollegen standen dem skeptisch gegenüber. Die ursprünglichen Ergebnisse basierten auf Studien mit weniger als 90 Kindern, die alle in einer Vorschule auf dem Stanford-Campus eingeschrieben waren. Bei der Neugestaltung des Experiments haben Watts und seine Kollegen daher das experimentelle Design auf wichtige Weise angepasst: Die Forscher weiteten den Radius aus, - mehr als 900 Kinder nahmen am Experiment teil - und auch repräsentativer für die allgemeine Bevölkerung in Bezug auf Rasse, ethnische Zugehörigkeit und die Bildung der Eltern. Als die Forscher ihre Testergebnisse analysierten, kontrollierten sie auch bestimmte Faktoren - wie beispielsweise das Einkommen des Haushalts -, die die Fähigkeit von Kindern erklären könnten, die Belohnung und ihren langfristigen Erfolg zu verzögern.

Letztendlich fand die neue Studie nur begrenzte Hinweise darauf, dass ein bestandener Marshmallow-Test auf einen erfolgreichen Erwachsenen schließt. Vielmehr deutet es darauf hin, dass die Fähigkeit, sich ein zweites Marshmallow zu erwarten, zu einem großen Teil vom sozialen und wirtschaftlichen Hintergrund eines Kindes bestimmt wird - und dass eben dieser Hintergrund, nicht die Fähigkeit, zu warten, für ihren langfristigen Erfolg verantwortlich ist.

Was sagt das über unser System aus?

Kurz gesagt: Kinder gebildeter und erfolgreicher Eltern waren im Durschnitt als junge Erwachsene weitaus erfolgreicher, als Kinder ärmerer Familien - ganz egal, ob sie sich damals den Marshmallow nach einer Sekunde in den Rachen schmissen oder lieber auf die doppelte Ration warteten. Selbstkontrolle allein konnte wirtschaftliche und soziale Nachteile also nicht bezwingen. Die neuen Forschungsergebnisse machen aber nicht nur die Arbeit von Mischel und seinen Kollegen zunichte, sie deuten auch auf andere mögliche Erklärungen hin, warum ärmere Kinder weniger motiviert wären, auf diesen zweiten Marshmallow zu warten. Für sie gibt es im täglichen Leben weniger Garantien: Es könnte heute sein, dass heute Essen im Kühlschrank ist, morgen aber nicht mehr. Für sie bedeutet "warten" ein Risiko. Und selbst wenn ihre Eltern versprechen, mehr von einem bestimmten Essen zu kaufen, wird dieses Versprechen manchmal aus finanziellen Gründen gebrochen.

Für Kinder aus bessere Schichten, ist es oft einfacher, zu warten. Der Kühlschrank wird ohnehin voll sein. Die Marshmallows sind immer verfügbar. Sie können darauf vertrauen, dass am Ende immer alles gut wird. Und wenn schon keine Marshmallows, dann zumindest ein Eis. Auch andere Studien bestätigen, dass Armut Menschen eher zur Kurzzeit-Belohung tendieren lässt. Anders gesagt: Ein zweiter Marshmallow wirkt irrelevant, wenn man die Angst hat, dass der erste einfach weg sein könnte. Wieder andere Studien fanden heraus, dass ärmere Eltern ihre Kinder eher mit Süßigkeiten verwöhnten oder sie belohnten, wann immer es irgendwie möglich ist, während finanziell flüssigere Familien dazu tendieren, ihre Kinder mit größeren Geschenken zu belohnen...auf die sie dann aber eben warten müssen.

Themen: Kinder, Report