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Stiller Protest aus der Mitte

Was Frauen heute auf den Magen schlägt, wo die wahren Ursachen für den Reizdarm liegen. Und: Wie du das Übel Bauchschmerzen ab sofort im Keim erstickst.


Stiller Protest aus der Mitte
© Thinkstock

Der Bauch ist ein Workaholic. Es bleibt ihm auch nichts anderes übrig: Schließlich fallen im Laufe eines Lebens im Schnitt 60 Tonnen Lebensmittel und 50.000 Liter Flüssigkeit zur Verarbeitung an. Da wundert es nicht, dass der Magen-Darm-Trakt ab und zu revoltiert. Umso mehr, als seine Arbeitsbedingungen durch Mangel an Bewegung, Stress und Übergewicht immer widriger werden.

Zivilisationskrankheit Gastritis

Verdauungsstörungen sind denn auch die Zivilisationskrankheit Nummer 1. Jede zehnte Frau leidet an wiederkehrendem Sodbrennen, ebenso häufig wird ein Reizdarm diagnostiziert. Auch Gastritis ist ein Massenphänomen. Eine von drei Frauen leidet unter einem laschen Stoffwechsel, bei 12 Prozent ist die Verstopfung gar chronischer Natur.

Meist handelt es sich um harmlose Leiden. Was aber nichts daran ändert, dass die Beschwerden die Lebensqualität nun einmal beeinträchtigen. Die Betroffenen können deshalb über einen Arztbefund wie "Sie sind kerngesund" auch nicht recht froh werden.

Der Gang zum Doktor lohnt trotzdem. Das Teuflische an Bauchschmerzen aller Art ist nämlich, dass die Symptome einander oft fatal ähneln. So kann, was für eine chronische Gastritis gehalten wird, oft ein wesentlich harmloserer Reizmagen sein. Und: Das Leiden am Reizdarm (Blähungen, kombiniert mit Durchfall oder Verstopfung) wird unter Umständen schon erträglicher, sobald man erfährt, dass keine schwere Krankheit dahintersteckt.

Sorgen schlagen auf den Magen

Die Seele spielt dem Magen-Darm-Trakt nämlich oft übel mit. Redewendungen wie "etwas schlägt auf den Magen", "bereitet Bauchweh" oder die "Wut im Bauch haben" verbildlichen diese Tatsache. Bereits in den 40ern des letzten Jahrhunderts fand der amerikanische Magen-Darm-Spezialist T. P. Elmy heraus: Schmerzhafte Stresssituationen verstärken die Darmmotorik, das Gefühl von Hilflosigkeit hemmt sie dagegen.

Menschen mit Reizdarm sind oft angstbetonte, depressive Menschen mit großer Neigung, in sich hineinzuhorchen, meinen Experten. Nervosität kann hingegen Sodbrennen fördern - neigen doch unruhige Naturen verstärkt zum Luftschlucken.

Bakterien als Auslöser für Magen-Darm-Beschwerden

Indes kann die Psyche längst nicht für jedes Bauchdrücken verantwortlich gemacht werden. Die Gefahr, sich durch Überarbeitung und Sorgen ein Magengeschwür zuzuziehen, ist nach neueren Erkenntnissen äußerst gering. Vielmehr gilt heute eine spiralförmige Bakterie namens "Helicobacter pylori" als Hauptursache für das Magen- und Zwölffingerdarmgeschwür (95 Prozent) ebenso wie für chronische Gastritis (90 Prozent).

Die Ansteckung erfolgt durch kontaminiertes Wasser, verunreinigte Nahrungsmittel und von Mensch zu Mensch. Die Bakterie nistet sich in der Magenschleimhaut ein, vermehrt sich dort und sondert giftige Stoffe ab, die eine Entzündung hervorrufen. Man geht davon aus, dass jeder Dritte den Keim in sich trägt. Nur bei einer Minderheit verursacht der Mikroorganismus allerdings die klassischen, bisweilen stechenden und krampfartigen Symptome im Oberbauch.

Der Übeltäter ist heute leichter nachweisbar denn je: Ein neuer, rezeptfreier Test aus der Apotheke verschafft Gewissheit. Und dann? Eine einwöchige Antibiotikakur hat einen Heilerfolg von 87 Prozent. Das Risiko einer neuerlichen Infektion ist extrem unwahrscheinlich.

Falsche Ernährung bei Reizdarm

Viele wissen auch nicht, dass ein Zuviel an Rohkost und Ballaststoffen Beschwerden machen kann. Vor allem junge, sportliche Frauen, die sehr ernährungsbewusst leben tun oft zu viel des Guten. Die Folgen sind Krämpfe, Blähungen und Verstopfung. Der Grund: Zu viel Rohkost führt zu Gärungsprozessen und einer bakteriellen Überwucherung des Dickdarms. Ab drei Uhr nachmittags sollte Gemüse deshalb nur gedünstet verzehrt werden.

Unterschätzt wird auch die Rolle zahlloser Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Anders als bei den seltenen Lebensmittelallergien reagiert der Körper bei Unverträglichkeiten weder unverzüglich noch extrem stark. Mit der Folge, dass diese oft jahrelang verborgen bleiben.

Besonders häufig ist die Milchzuckerunverträglichkeit (Laktose-Intoleranz), an der 10 bis 15 Prozent der Westeuropäer leiden. Ein Mangel des Enzyms Laktase ist schuld daran, dass Milchzucker im Dünndarm nicht richtig verarbeitet werden kann, was zu Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall führt. Die Betroffenen müssen aber nicht alle Milchprodukte meiden. Joghurt, Sauermilch und Käse etwa enthalten wenig bis keinen Milchzucker. Und sogar laktosefreie Milch gibt es mittlerweile im Handel.

Regelmäßig wiederkehrende Bauchschmerzen können aber auch auf das Konto von Histamin-Intoleranz gehen. In diesem Fall wird das Gewebshormon Histamin, bedingt durch eine Fehlfunktion des Enzyms Diaminoxidase, schlecht abgebaut. Ein Handicap, das erst dann zum Problem wird, wenn man zusätzliche Histamine in Form von Käse, Rotwein, Konservenfisch oder bestimmte Wurstsorten zu sich nimmt. Die Folge sind Verdauungsbeschwerden, gepaart mit anderen Symptomen wie Kopfschmerzen, Gesichtsrötung und Hitzegefühlen.

Falsche Essgewohnheiten

Oft ist weniger die falsche Kost als eine schlechte Esstechnik das Grundübel einer gestörten Verdauung. Die alternativmedizinische Richtung F. X. Mayr, die sich wie keine andere dem Bauch, seinen Symptomen und Bedürfnissen verschrieben hat, pre-digt seit jeher das "ausgiebige Kauen". Die berühmte Mayr-Kur, harte Semmeln und Milch, dient dem Wiedererlernen eben dieses Zermalmungsprozesses. Zu oft wird nämlich vergessen, dass die chemische Aufspaltung der Nahrung bereits mit dem Speichel beginnt. Jeder Bissen sollte deshalb bis zu 30-mal gekaut werden.