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Resilienz: So kannst du sie jetzt stärken!

Wir machen uns auf die Suche nach dem letzten Bisschen Widerstandsfähigkeit, das in uns steckt und fragen bei Expertinnen nach, wie man Resilienz lernen und an Kinder weitergeben kann.

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Kennt ihr noch die Stehaufmännchen? Tierische oder menschliche Figuren, die aufgrund ihres runden Unterbaus immer wieder in die aufrechte Position zurückfinden – auch wenn man versucht, sie umzustoßen. "Wir alle sind solche Stehaufmännchen. Wenn Schicksalsschläge auf uns zukommen, dann neigen wir uns mit der Krise mit. Aber wir stehen auch wieder auf. Und das ist Resilienz", erklärt Ida-Maria Kisler im Gespräch mit WOMAN. Die Psychotherapeutin beschäftigt sich schon seit Jahren mit der Widerstandsfähigkeit ihrer KlientInnen und weiß, dass diese innere Kraft seit der Pandemie besonders strapaziert wird. Doch auch, wenn die Frustration über die anhaltende Krise manchmal überhandnimmt, gibt es eine gute Nachricht: Resilienz kann erlernt werden – und zwar auch mitten in der Pandemie.

dr. kisler
Dr. Ida-Maria Kisler

Durchhaltevermögen: Ein Spiel von Innen und Außen

Wir alle kennen jemanden, der sich nie aus der Ruhe bringen lässt, immer einen kühlen Kopf bewahrt und sich selbst an die schwierigsten Umstände anpassen kann. Wo kommt diese Stärke her? "Ich bin nur so resilient, wie es mein Umfeld ermöglicht", sagt Silvia Exenberger. Laut der Gesundheitspsychologin – sie leitet gemeinsam mit Verena Wolf das Institut für Positive Psychologie und Resilienzforschung – gibt es drei Quellen von Resilienz:

  • Unterstützung von Außen
  • Die eigene Persönlichkeit
  • Die Sozialkompetenz
Dr. Silvia Exenberger

Jeder Mensch besitzt also eine gewisse Widerstandsfähigkeit. Aber viel wichtiger ist es, die Balance zwischen innerem und äußerem Erleben zu halten: “Wenn das Töpfchen mit meiner Kraft ganz voll und das Töpfchen mit der Hilfe, die ich von außen bekommen sollte, leer ist, dann werde ich trotzdem durchkommen", erklärt Exenberger. Und umgekehrt, sei es genauso: Wenn man selber schwach ist, aber Unterstützung da ist, kommt man ähnlich gut zurecht.

Wo liegt der Ursprung der Resilienz?

Da das Durchhaltevermögen schon im Kindesalter gebildet wird, sollten Eltern folgendes wissen: “An oberster Stelle steht die Qualität der Bindung zwischen Bezugsperson und Kind. Nur so entwickelt sich eine Art Urvertrauen, also das Gefühl, dass jemand uneingeschränkt für mich da ist.”, betont Exenberger. Diese Bindung formt und beeinflusst die Emotionsregulation – die Fähigkeit, mit Situationen umgehen zu können, ohne das emotionale Gleichgewicht zu verlieren. Eine stabile Gefühlslage zu haben ist zurzeit besonders wichtig, denn das trägt maßgeblich dazu bei, gut durch die Krise zu kommen. Und das ist für Kinder genauso wichtig wie für Erwachsene!

Die Psychologie hinter dem Phänomen Resilienz mag kompliziert klingen: Laut den Expertinnen ist es jedoch gar nicht schwer, das Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und so auch die Resilienz des eigenen Kindes zu fördern.

Spielerisch lernen – das ist die Devise:

Lieben und Loben. “Damit darf man wirklich nicht sparen. 'Ich hab dich lieb' sollte der erste Satz sein, den Kinder in der Früh und der letzte, den sie vor dem Schlafen gehen hören sollten, egal wie alt sie sind, egal wie der Tag verlaufen ist. Auch ein 'Gut hast du das gemacht' fördert die Selbstsicherheit und den Selbstwert schon von Kindesbeinen an“ meint Kisler und bringt ein Beispiel, wie man im Lockdown liebevoll Zeit mit seinen Kleinsten nutzen kann: "Ich bin mit meinen Kindern immer gerne in den Wald spazieren gegangen. Dort sollten sie Blätter sammeln und sie dann zuhause den unterschiedlichen Bäumen zuordnen. Die Aufmerksamkeit, das Wissen und das gestalterische Geschick meiner Kinder habe ich mit lobenden Worten und liebevollen Gesten bedacht. Aus den Fundstücken wurden schließlich Gaben für die Großeltern und die Verwandten." Eine solche gemeinsame Aktivität sei nicht nur eine gute Möglichkeit, Interesse und Kreativität der Kinder zu fördern. Vielmehr können sie mit ihrem Geschenk auch noch geliebten Menschen Freude bereiten.

Dr. Verena Wolf

Rücksicht nehmen. “Um Sozialkompetenz aufzubauen, eignet sich ein einfaches Spiel. Gemeinsam mit dem Kind zeichnet man beispielsweise Fische auf ein Blatt und schneidet diese dann aus. In die Mitte legt man einen leeren Zettel – das ist das Aquarium. Je nach Kindesalter wird nun festgelegt, auf welche Weise man nonverbal kommuniziert, um 'sein' Aquarium einzurichten. Zuerst darf das Kind die Anweisungen mit Blicken oder Gesten geben, dann die Bezugsperson. Diese Übung festigt das Einfühlungsvermögen”, ergänzt Verena Wolf, Kollegin und Mitarbeiterin im Institut für Positive Psychologie und Resilienzforschung.

Positive Emotionen stärken. “Wichtig ist, zu verstehen, was einem gut und nicht so gut tut. Positive Emotionen können dem Kind helfen, Stress abzubauen und Gefühle zu regulieren. Auch hier gibt es eine gute Übung: Gemeinsam überlegt man, was in den letzten Tagen Schönes passiert ist, was man gern getan hat und wieder gern tun möchte. Dann lässt man das Kind einen sogenannten ‘Freundegarten’ mit allen Dingen zeichnen, die es mag und die ihm Freude bereiten”, so Wolf.

Problemlösung einfach lernen. “Puzzle sind sehr gut dafür geeignet, Durchhaltevermögen zu vermitteln. Wenn mein Kind nach einiger Zeit etwa meint ‘Ich will nimmer’, dann kann das daran liegen, dass ihm das Puzzle wie ein großes, unlösbares Problem erscheint. Doch ich kann ihm aufzeigen, dass man ein Hindernis in vielen kleinen Zwischenschritten überwinden kann. Zum Beispiel, indem wir zuerst die Randstücke sortieren und dann ähnliche Farben ordnen. Das Kind lernt, in schwierigen Situationen den Überblick zu bewahren und nicht aufzugeben”, rät Exenberger.

Auch Erwachsene können Resilienz üben

Es heißt, das Widerstandsfähigkeit würde man als Kind am leichtesten lernen – ähnlich wie bei Sprachen. Aber auch im Erwachsenenalter ist dies möglich. Für Doktor Kisler sind es die drei folgenden Punkte, die die Ausgeglichenheit besonders fördern:

Lächeln – ja, auch hinter den Masken! “Das ist das, was Menschen am Allerliebsten machen: Wir alle lachen gerne. Diesen inneren Sinn für Humor und Glück kann man trainieren, indem man anderen mit einem Lächeln begegnet. Und jene, die wirklich aus vollem Herzen lächeln, tun dies auch mit den Augen, weshalb auch eine Maske kein Hindernis ist. Gerade die Mimik der Augen und das, was man in einen Blick hineinlegt – darauf kommt es in der aktuellen Zeit am meisten an.”

Freude schenken. “Im seit Monaten herrschenden Lockdown hat sich die Gestaltung unserer (Frei)Zeit sehr verändert. Mehr Stunden zu Hause zu verbringen, gibt uns die Chance, verloren geglaubte Fähigkeiten wieder auszugraben oder neue erst zu entdecken. Werden sie kreativ! Egal ob sie sich im Nähen von Zierpolstern oder im Kochen feiner Menüs versuchen. Der springende Punkt ist, dass man durch die Freude, die man damit auch anderen Menschen machen kann, selbst Freude und Wertschätzung erfährt. Und das lässt uns innerlich stark werden.“

Einfach Gehen. “Wenn man das Gefühl hat, dass einem die Decke auf den Kopf fällt kann man noch etwas Gutes für Körper, Geist und Seele tun. Gehen sie täglich 10.000 Schritte. Laden sie Freunde und Familie dazu ein! Flottes Gehen stärkt die Muskulatur und das Immunsystem, macht den Kopf frei und aktiviert die Glückszentren im Körper. Nehmen sie ihre Sonnenbrille immer wieder ab, denn das Sonnenlicht, über die Augen aufgenommen, regt im Gehirn die Produktion des 'Glückshormons' Serotonin an.”

Thema: Psychologie