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Geschlagen, vertrieben: Diese Frauen sind Geächtete

Sie stammen aus einem Volk, das niemand haben will. Geschlagen und verängstigt fliehen die Frauen der muslimischen Minderheit Rohingya aus Myanmar nach Bangladesch

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Geschlagen, vertrieben: Diese Frauen sind Geächtete

Amina und ihre 16 Tage alte Tochter, die im Flüchtlingslager zur Welt kam

© Reuters/Mohammad Ponir Hossain

Amina war hochschwanger, ihr Schlaf in dieser Nacht unruhig. Das hat ihr vermutlich das Leben gerettet. Sie hörte die Soldaten, die in ihr Dorf kamen, noch ehe diese das Feuer eröffneten. "Ich rannte zu meinen Nachbarn, gemeinsam konnten wir fliehen." Ihr Onkel und ihr jüngerer Bruder wurden gefangengenommen. Ob sie noch leben? Amina weiß es nicht.

Amina ist eine Rohingya: Sie gehört zu einer muslimischen Minderheit im mehrheitlich buddhistischen Myanmar, die dort schikaniert und verfolgt wird. Von Soldaten, aber auch von ihren buddhistischen Landsleuten. Die Rohingya sind ein Volk, das keiner will. Myanmar behauptet, sie seien erst unter der britischen Kolonialherrschaft, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs dauerte, eingewandert und stammten in Wahrheit aus Bangladesch. Bangladesch hingegen besteht darauf, dass sie nach Myanmar gehören. Die Rohingya selbst sagen, dass sie seit Jahrhunderten in Myanmar siedeln.

Seit 2015 werden sie systematisch aus Myanmar vertrieben. Soldaten stürmen die Dörfer, schlagen und vertreiben die Bewohner - und nehmen die jungen Männer gefangen. Die Frauen der Rohingya fliehen mit ihren Kindern nach Bangladesch, zu Fuß, in der Nacht, verängstigt und ohne Geld. Die meisten landen im Flüchtlingslager Kutupalong, das mittlerweile die Größe einer kleinen Stadt angenommen hat. Hier finden die Frauen mit ihren Kindern Sicherheit.

Rajuma Begum, 28 : Rajuma war hochschwanger und hatte Fieber, als sie mit ihrem 11-Monate alten ersten Sohn den 6stündigen Fußmarsch über die Grenze nach Bangladesch überquerte. "Es gab Momente, in denen ich einfach nur aufgeben wollte. Ich hatte Schmerzen, war geschwächt - und musste meinen Sohn tragen, obwohl mein Bauch bereits riesig war. Aber die Angst, dass uns die Soldaten einholen und schlagen, war zu groß. An der Grenze musste ich mein letztes Geld einem Schlepper überlassen, sonst hätte ich es nie hierher geschafft." Ihr Sohn Raihan wurde vor einem Monat in einem Zelt des Flüchtlingslagers Kutupalong geboren.

Asmot Ara, 18 : Die junge Frau floh vor einem Monat aus dem Dorf Nagpura, nachdem ihr Schwiegervater vor ihren Augen erschossen wurde. Im Flüchtlingscamp Balukhali brachte sie vor sieben Tagen ihre Tochter auf die Welt. Das Mädchen hat noch keinen Namen. "Was aus uns wird? Ich weiß es einfach nicht."

Die genaue Zahl der Rohingya in Bangladesch ist unbekannt, 32.000 haben anerkannten Flüchtlingsstatus und werden von den Vereinten Nationen versorgt, die allermeisten sind jedoch illegal im Land. Insgesamt werden sie auf mehrere Hunderttausende geschätzt.

Noor Kayes, 18: Ihr Ehemann wurde von den Soldaten durchs Dorf geschleift und getötet. Noor gelang mit ihren Eltern die Flucht. nach Cox Bazar. "Sie haben die Frauen in meinem Dorf Poachong vergewaltigt und geschlagen - es war egal, ob sie alt, jung oder schwanger waren. Ich konnte mich verstecken. Meine Tochter ist jetzt 26 Tage alt. Für sie muss ich an die Zukunft denken."

Ramida Begum, 35: Ihre 10 Tage alte Tochter wird nicht in ihrer Heimat Myanmar aufwachsen. "Es gibt kein Zurück," sagt Ramida. "Mein Mann wurde gefangengenommen, ich weiß nicht, ob er tot oder lebendig ist. Unser Haus wurde niedergebrannt. Ich habe nicht nur Angst vor den Soldaten, sondern auch vor den Buddhisten, die früher unsere Nachbarn waren und jetzt voller Hass alle Muslime vertreiben wollen."

Exakte Aufzeichnungen über die Greueltaten gibt es nicht. Doch Aktivisten berichten, dass sich die Art der Übergriffe im letzten Jahr verstärkt hätte. 2012 waren es noch buddhistische Siedler, die im Mob Jagd auf die Rohingya machten. Seit Ende 2016 ist es der Staat selbst, der die Minderheit mit Gewalt vertreiben will. Die Regierung von Myanmar will den Vergewaltigungsvorwürfen zumindest "nachgehen." Beobachter fürchten eine weitere Folge der Vertreibung der Rohingya: Die Verfolgung aufgrund ihres Glaubens könne die Stammesmitglieder direkt in die Arme terroristischer Gruppierungen treiben.

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