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Roland Düringer & Toni Faber im Sommer-Talk

Toni Faber: Aussteiger trifft auf Society-Priester. Beim Grillen in Düringers Garten sinnieren zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten über Leben und Tod – und sind erstaunlich oft einer Meinung.


Roland Düringer & Toni Faber im Sommer-Talk
© Susanne Spiel

Der eine fährt eine schneidige VW-Limousine, trägt Versace-Jeans, ist Fix-Gast am heimischen Society-Parkett und residiert in einem mondänen Innenstadt-Penthouse. Der andere haust in einem 28 m2 kleinen Wohnwagen, den er im Garten parkt, spricht mit Blumen, rettete als Tierschützer kürzlich den Stierbullen Calipo vor der Schlachtbank – und entsagt allem "Schlechten", das die Leistungs- und Konsumgesellschaft hervorbringt: Besitzdenken, Oberflächlichkeit, Gier.
Kultkabarettist Roland Düringer, 48, und Wiens Dompfarrer Toni Faber, 50, leben höchst unterschiedlich. Standesgemäß wäre das einfache Leben wohl Don Camillo Faber zuzuschreiben. Doch der Schein trügt! Es ist Roland Düringer, der mit weltlichen Dingen abgeschlossen hat. Vor wenigen Monaten übersiedelte er mit Ehefrau Regine (sie ist Friseurin) von einer schmucken 500-m2-Villa im Wienerwald in das Wohnmobil. "Das Haus habe ich mir vor Jahren eingebildet. Inzwischen steht es aber leer. Nur meine Tochter Ilvy, 11, (sie stammt aus einer früheren Beziehung) tobt manchmal noch durch die drei Stockwerke, wenn sie zu Besuch ist. Für mich hat das Häusl keine Bedeutung mehr", so der Kabarettist. Er führt Faber und uns gleich zur Feuerstelle im Garten, wo bereits ein paar Folienkartoffeln brutzeln. "Die Natur ist Luxus für mich! Deshalb freue ich mich, dass wir heute im Grünen sitzen. Hier kann man den Wahnsinn unserer Gesellschaft ein wenig vergessen …"

Faber: Ein schöner, naturbelassener Garten! Aufgewachsen sind Sie in Wien-Favoriten, oder?

Düringer: Ja, in einer netten Altbauwohnung. Meine Eltern und ich hatten 42 m2, ohne Bad, nur ein Waschbecken und das Häusl am Gang. Einmal in der Woche gingen wir ins Tröpferlbad, um zu duschen.

Faber: So habe ich als Student auch gelebt!

Düringer: (legt Tomaten und Tofuwürstel auf den Grill) Ich hatte nie das Gefühl, dass mir irgendetwas fehlt. Meine Eltern hingegen träumten immer von einer größeren Gemeindewohnung. Darauf sparten sie lange! Und tatsächlich zogen wir um. Heute sitzt meine Mutter allein in dieser Wohnung. Sie ist ein sehr unglücklicher Mensch. Mein Vater hat sich 2005 mit 74 umgebracht. Er wollte nicht mehr. Das alles ging in eine falsche
Richtung …

Faber: Was sagt Ihre Mutter zu Ihrem jetzigen Leben?

Düringer: Sie glaubt, dass ich verrückt bin.

Faber: Die anderen geben die Richtung vor. Wenn man sich außerhalb der geordneten Bahnen bewegt, ist man für die Umgebung schnell verrückt.

Düringer: Ich habe maturiert, die HTL fertig gemacht. Ziemlich bald habe ich aber gemerkt, dass das nicht mein Lebenskonzept sein kann. Und beim Schauspielern habe ich mir immer sehr leicht getan! Also habe ich diesen Weg eingeschlagen. Meine Eltern waren aber alles andere als glücklich darüber ...

Faber: Mit Konsequenzen?

Düringer: Nein, meine Eltern waren immer lieb zu mir. Sie haben mich deshalb nicht rausgeworfen. Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich’s mit der Schauspielerei nicht geschafft hätte. Ist aber auch wurscht. Jetzt konzentrieren wir uns auf´s Grillen (packt die vegetarischen Grillwürstl aus) . Na, ob das was kann ...? Die sind ja wie ein elektronisches Bauteil verpackt!

Faber: Es gibt sehr viele Menschen, die sich als Systemtrottel empfinden, aussteigen möchten, aber nicht können, weil sie an Familie, Job oder Kredite gebunden sind.

Düringer: Dann wird der Leidensdruck immer größer. Vieles läuft zurzeit in eine falsche Richtung. Gleichzeitig merkt man, dass wir uns gesellschaftlich an einem Scheideweg befinden. Der Neurobiologe Gerald Hüther spricht davon, dass wir vor einem Entwicklungssprung stehen. Und Systeme lösen sich auf, weil sie nichts weiter als Illusion sind.

WOMAN: Wünschen Sie sich den Zerfall der EU?

Düringer: Ich wünsche mir, dass die Menschen anders funktionieren. Würden innerhalb der EU alle am gleichen Strang ziehen und wäre für ein menschengerechtes Leben möglich, kann es von mir aus auch eine EU geben.

Faber: Einer muss beginnen. Dann ziehen andere nach. Egal, welches Kapitel man in der Menschheitsgeschichte aufschlägt: Dort, wo etwas Gutes entstanden ist, hat einer damit angefangen, was zu verändern.

WOMAN: Brauchen Menschen oft den Leidensdruck, um etwas zu verändern?

Düringer: Ist Leiden gut? Ich weiß es nicht ...

Faber: Man reift am Leid! Wenn es dir immer gut geht und du alles hast, ist die Chance geringer, dass du als Persönlichkeit wächst. Als ich 18 war, drohte mir ein Nierenversagen. Ich wäre nie Priester geworden, hätte ich von den Ärzten nicht gehört, ich habe nur mehr zwei, drei Jahre zu leben. Das war der Auslöser, um über alles nachzudenken. Damals wollte ich Rechtsanwalt werden, die Welt aus den Angeln heben ... Nach der Diagnose sah ich jeden Tag, jede Sekunde plötzlich als Geschenk und ich wollte mehr, als aus allem Profit zu schlagen. In Momenten wie diesen musst du dich neu erklären (blickt zu Düringer, während dieser das Essen auf den Tisch stellt). Jetzt ist der Hausvater mit einem Tischgebet dran.

Düringer: Ich kenne keines! Was man aber immer sagen sollte, wenn man etwas zu essen hat, ist danke!

Faber: Vor drei Wochen habe ich ein neues gelernt, von einem Täufling von mir, der jetzt zwei Jahre ist (faltet die Hände) : Bitte, Danke, Bussi, Amen.

Düringer: Super! (lacht) Nach dem Motto: I hob di lieb, und jetzt ess ma! (Hält kurz inne) Viele Dinge sind heute selbstverständlich. Man geht in den Supermarkt und glaubt, die Regale werden wie im Schlaraffenland ewig voll sein. Mir ist wichtig, dass ich weiß, woher mein Essen kommt. Deshalb: Wenn ich Fleisch esse, dann nur von einem Bauern oder Jäger, den ich kenne.

WOMAN: Herr Düringer, sind Sie Mitglied der Kirche?

Düringer: Ich bin mit circa 20 ausgetreten. Erstkommunion und Firmung habe ich noch mitgemacht. Da waren wir danach im Prater und ich habe eine tolle Seiko-Uhr geschenkt bekommen, da wäre ich ja deppat gewesen, wenn ich das ausgelassen hätte. Aber im Grunde bin ich nie eingetreten. Diese Regelung finde ich auch nicht gut! Generell muss sich in der Kirche einiges ändern. Aber da geht es weniger um den theologischen Zugang als um Macht.

Faber: Die religiöse Ursehnsucht ist nach wie vor gegenwärtig. Die Sozialgestalt der Kirche muss sich aber laufend verändern, sonst hat sie keinen Bestand. Was sich die letzten 30 Jahre gesellschaftlich alles getan hat – allein in der Frauenpolitik. Da können wir nicht ruhig danebenstehen und sagen: Die heiligen Väter haben halt so entschieden. Die Frage des Zölibats wird in der öffentlichen Diskussion völlig überbewertet.

Düringer: Das Traurige ist, dass die Kirche sich oft nicht an das hält, was ein gewisser Jesus gesagt hat. Ich glaube nicht, dass es in seinem Sinne war, sich an den Armen zu bereichern.

Faber: Wenn Sie ein Grundstück geschenkt bekommen, mit der Aufforderung, Sie sollen damit etwas G’scheits machen, können Sie im Sinne des Stifters handeln. Oder Sie denken darüber nach, sich daran zu bereichern. Dieser Verlockung unterliegt jeder. Keiner kann mit Sicherheit sagen: „Ich widerstehe jeder Versuchung.“

Düringer: Reich sein, heißt nicht Geld haben, sondern Werte, an denen man sich orientiert. Äußerer Luxus macht einen nicht zwangsläufig glücklich, sondern bringt oft Leid mit sich. Aber auch das Reflektieren über das eigene Leben erzeugt Leid. Da hat uns die Evolution ein Ei gelegt. Eine Katze sitzt zwei Stunden vor einem Mausloch und fragt sich keine Sekunde: „Wann kummt de deppate Maus do aussa?“ Der Mensch kann nichts annehmen, ohne es zu hinterfragen.

Faber: Die größte Herausforderung ist die eigene Endlichkeit und das Sterben geliebter Menschen. Die Frage: War das alles?

Düringer: Der Tod beendet etwas. Was danach kommt, ist doch egal. Man sollte sich die Zeit davor zum Mittelpunkt machen. Das Leben kann man nicht erklären. Jeder Trottel kann einen Käfer zertreten, aber kein Wissenschaftler der Welt kann einen bauen. Wir haben in so vielen Bereichen die Grenzen überschritten, das richtige Maß verloren. Wenn man früher Kriege geführt hat, sind die Soldaten mit Schwertern aufeinander zugelaufen. Heute drückt einer auf den Knopf. Wo bleibt da das schlechte Gewissen? Schuld ist das Gruppendenken. Wenn alle sagen „Kumm, dem hau ma eine rein!“ und du als einziger Nein sagst, kriegst auch gleich eine mit.

Faber: Man darf sich nie auf andere ausreden! Auch auf keine gesetzgebende Instanz oder die Kirche. Es geht um Eigenverantwortung! Jeder hat eine innere Stimme, der er folgen soll. Egal, wie stark der Druck von außen ist. Grundsätzlich steckt in jedem von uns die Potenz zum Guten und Schlechten. Wir haben die Freiheit, uns zu entscheiden!

Düringer: Meist sind es die Arschlöcher, die es in der Gesellschaft an die Spitze der Macht schaffen. Die allein sind aber gar nicht das Problem, sondern vielmehr die vielen Deppen, die ihnen nachlaufen und glauben, die haben Recht. Das macht mir ein bisschen Angst! Die meisten verlassen sich nicht mehr auf das, was sie selbst erfahren und spüren. Viele plappern oft nur das nach, was sie irgendwo gehört haben. Das betrifft auch viele Gläubige und die Idee, dass Gott etwas von uns braucht. Wir haben Verhaltensregeln, damit Gott mit uns zufrieden ist. Für mich kann das nicht stimmen. Wenn Gott allmächtig ist, braucht er von uns nichts.

Faber: Gott schenkt uns Liebe und wie ein Liebhaber ist er darauf aus, dass wir seine Liebe erwidern. Aber erbraucht nichts von uns!

Düringer: Es gibt dennoch Regeln, damit uns Gott nicht verdammt ...

Faber: Da geht es nicht darum, nicht verdammt zu werden, sondern darum, unser Glück zu finden.

Düringer: Ich muss Ihnen jetzt einen Brief vorlesen, den ich von einem Christen bekommen haben: „Lieber Herr Düringer! Zu Ihrem Film „Dreifaltig“ möchte ich Ihnen etwas mitteilen.“ (wirft ein) Da fängt’s ja schon an. Das ist nicht mein Film, ich habe lediglich darin mitgespielt ... Jedenfalls schreibt diese Person weiter: „In diesem Film machen Sie sich über alles lustig, was uns Christen heilig ist. Der Heilige Geist wird durch den Schmutz gezogen und lächerlich gemacht. Der Film verletzt nicht nur die Gefühle von gläubigen Christen, sondern richtet sich auch gegen Gott selbst. Er ist zutiefst blasphemisch. Gott lässt sich nicht verspotten. Er lässt so etwas nicht ungestraft. Ich habe gelesen, dass Sie Borreliose haben. Das ist keinZufall, sondern ein Zeichen Gottes. Sie riskieren, dass Sie verdammt werden! Ja, es gibt eine Hölle! Wollen Sie auch in die Hölle kommen? Falls Sie sich durch den Brief in einer Weise bedroht fühlen, haben Sie mich falsch verstanden. Es liegt mir fern, Sie zu bedrohen, ich tu Ihnen ganz sicher nichts zuleide. Es geht um Gott, und ich sage Ihnen nur, dass auch Sie wie jeder andere Mensch einmal vor Gott stehen werden und für Ihre Taten Rechenschaft ablegen werden. Davor können Sie sich nicht drücken und sich wegbeamen, wie am Ende des Films ‚Hinterholz 8’“.

Faber: (seufzt) Oje!

Düringer: Man muss dazu sagen, dass dieser Mensch bestimmt wahlberechtigt ist und sicher auch ein Auto fährt ... Da ist ein Wurm drin im Gehirn!

Faber: Wenn es Sie beruhigt, ich bekomme monatlich auch einige Schreiben. Über alles, was ich in den Augen anderer falsch mache. Zehn andere schreiben an den Kardinal, dass er mich einen Kopf kürzer machen soll. Das ist natürlich eine Perversion von Religion!

Düringer: Viele haben tatsächlich so eine Vorstellung im Kopf. Und das ist die große Gefahr!

Faber: Das sind Menschen, die eine so stark richtende Gewalt brauchen, um sich selbst als Sittenwächter aufspielen zu können. Der liebe Gott mag uns behüten, dass wir selbst nicht in so etwas reinkippen. Manchmal werden solche Denkansätze schon in der Kindheit durch eine falsche religiöse Erziehung gefördert. Kindern lernen heutzutage ja auch, dass man Tiere tot streicheln soll. Da heißt’s in der Schule: Du darfst kein Rehlein schießen! Und keiner fragt sich, wo die Wurst herkommt.

Düringer: Wenn jeder das Fleisch, das er isst, selbst schießen würde, bekämen alle ein anderes Bewusstsein. Warum darf man in Schlachthöfen nicht filmen? Weil man nicht sehen will, was dort passiert. Menschen sitzen vor dem Computer, unterschreiben eine Petition für die armen Hunde in der Ukraine und beißen dabei von ihrem Wurstsemmerl. Sie sind sich dabei nicht bewusst, wie viele Tiere sie schützen könnten, wenn sie das nicht essen würden. Was nicht nachgefragt wird, wird nicht produziert. Jeder Unternehmer möchte Profit machen. Wir entscheiden durch tägliche Entscheidungen, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt.

Faber: Das relativ kleine Segment der Pfarrgemeinden zeigt, was man bewirken kann. Vor rund 20 Jahrenwurde das Pfarrcafé nach einer Messe eingeführt. Als man dort dann auf Fairtrade-Kaffee umgestiegen ist, hat das Blüten gebracht. Die Kaffeekonzerne wurden nervös, weil plötzlich ein Gegenwind da war. In meiner Studienzeit in Deutschland war ich bei einem Pfarrer untergebracht. Seine Haushälterin war sehr umweltbewusst und hat ihm deshalb den Kaffee aus Nicaragua serviert. Er hat aber gemeint, ihm schmecke der andere besser, und sie solle doch die Außenpackung von dem Nicaragua-Kaffee nehmen und den von Jacbos in die Dose füllen. Solche Scheinheiligkeiten gibt es oft. So ähnlich ist, wenn man sagt, wir leben in einer friedlichen Zeit, nur weil man persönlich keinen Krieg erlebt. Dabei gibt es dennoch laufend Kriege ...

Düringer: Was noch kommen wird, weiß keiner, weil man menschliches Verhalten nicht vorhersehen kann. Gott sei Dank sind die Taten, die manche setzen oft klüger, als die Meinungen, die sie von sich geben. Wenn man an das Judentum, das Christentum und den Islam denkt: Diese drei großen Religionen haben den Gedanken gemeinsam, dass irgendwann das Reich Gottes kommt. Es gab schon viele Prophezeiungen, dass es jetzt passiert. Nix is g’schehn! Nur jetzt haben leider ein paar Wahnsinnige die Möglichkeit, durch die technischen Möglichkeiten Dramatisches herauf zu beschwören. Ein Selbstmordattentäter mit einem Schwert kann auf einem Marktplatz nicht viel anrichten. Er sticht ein paar nieder, dann bringen sie ihn um. Wenn aber ein gestörtes Ich mit einem kranken Gehirn die Möglichkeit bekommt, ein Knopferl zu drücken ... Das ist heute ja schon wie in einem Videospiel, wenn einer den Auslöser drückt und tausende Menschen damit umbringt.

Faber: Da muss jeder für sich Eigenverantwortung übernehmen und seine innere Stimme in die richtige Richtung lenken und bilden. Wenn du dir täglich drei Gewaltfilme reinziehst, wirst du natürlich eine andere Einstellung haben, als wenn du in einem Mädchenpensionat lebst!

WOMAN: Sie beide sind Menschen, die nicht mit den gesellschaftlichen Normen konform gehen. Jeder auf seine Weise ...

Düringer: Man muss aufpassen, nichts zu bewerten! Ich habe sehr viel verdient, aber es hat mich nicht glücklich gemacht. Dass ich mit meiner Frau Regine jetzt im Wohnwagen auf 28 m2 lebe, ist im Moment für mich richtig. Das muss jetzt aber noch lange nicht für andere gelten. Mit so einem Denkansatz von falsch und richtig kann ich michauch im Glauben nicht anfreunden. Viele sagen: „Wenn du nicht das denkst, was ich denke, bist du mein Feind.“ Dieses Dilemma hat in meinen Augen dort angefangen, als der Mensch sich von der Natur getrennt hat und sich nicht mehr als ein Teil eines Ganzen begriffen hat. Wenn man in einer Stadt lebt, ist es wie im Zoo. Beobachten Sie Menschen in der Stadt! Sie verhalten sich wie Tiere im Zoo. Das ist nicht Leben in der freien Wildbahn. Du stehst nicht mehr unmittelbar in Verbindung mit dem, wo alles herkommt. Wenn wir zum Beispiel Wasser haben wollen, drehen wir einfach die Leitung auf und es plätschert heraus. Bei einem Brunnen aber passiert es, dass das Wasser versiegt. Dann musst du einen neuen graben. Dadurch hast du dann auch ein anderes Bewusstsein im Umgang mit Wasser. Durch die Loslösung von der Natur aber ist ein anderes Denken entstanden. Die Aborigines lebten 50.000 Jahre gleich, bis die Menschen im roten Rock gekommen sind. Aborigines wissen zum Beispiel nicht, wie alt sie sind. Das zählt für sie nicht. Sie leben in Zyklen, da gibt es kein Ende, sondern ich komme immer wieder dorthin zurück, wo es angefangen hat. Daher haben sie nicht das Bedürfnis, einen Fortschritt zu machen. Wir denken linear, und da bekommt man automatisch Angst vor dem, was ist, wenn es aufhört. Wir wollen daher Fortschritte machen. Früher wäre es egal gewesen, wenn du einen Menschen 3.000 Jahre eingefroren hättest und danach wieder aufgetaut – der hätte problemlos überleben können. Wenn du heute eine Generation überspringst, bist du hilflos. Wenn du nicht weißt, was ein Handy oder eine Bankomatkarte ist. Wenn es crasht und die Systeme zusammenbrechen, finden wir uns da wieder, was Leben wirklich ist: Nahrungsbeschaffung, Wasser, Wärme. Das brauchst du zum Überleben! Was darüber hinaus geht, ist Luxus.

Faber: Das würde ich nicht so eklatant sehen. Ich denke, alles im Leben ist Begegnung, und da hat sich es von früher auf heute nicht so stark verändert, und da hat sich im Vergleich zu früher und heute nicht so viel verändert. Man hat einfach nur andere Hilfsmittel. Die Kirche war da auch immer sehr abwehrend und skeptisch, weil man befürchtet hat, durch die technischen Neuerungen ginge die persönliche Begegnung verloren. Ich kann aber auch heute ein sehr gutes Gespräch führen, und es muss nicht von Angesicht zu Angesicht sein. Sie stehen in Alaska und ich in Afrika, und dank dem Handy können wir uns trotzdem unterhalten. Ich kann 45 Wochen im Supermarkt einkaufen gehen, wenn ich mir im Jahr ein paar Tage des Rückzugs erlaube, staunend an einer Quelle stehe und sehe, woher das Wasser kommt ... In Ballungszentren ist es einfach nicht möglich, so zu leben, wie Sie hier mit einem eigenen Stück Grund, nur das Fleisch zu essen, von dem Sie 100 Prozent wissen, woher es kommt. Sie haben auch den Luxus, einen Brunnen zu kennen.

Düringer: Früher hätte man gesagt: Einen Brunnen zu haben, ist kein Luxus, das ist Armut! Stadtluft macht frei, war da das gängige Denken. Jetzt langsam beginnt das Umdenken, dass es eigentlich kein Luxus ist, wenn es auf der Straße lärmt und aus jedem Loch Musik kommt. Die jungen Menschen sind früher vom Land in die Stadt geflüchtet. Am Land waren sie Leibeigene, in der Stadt anonym und konnten machen, was sie wollten.

Faber: Den Luxus leiste ich mir einmal im Jahr – dass ich dann auf einer Scholle lebe, Radio, Fernsehen und Telefon abstelle, meditiere und mich eine Woche lang in Stille mit den wesentlichen Fragen des Lebens auseinandersetze. So kann ich Kraft schöpfen. Das mache ich seit 25 Jahren, und es tut mir gut. Eine zweite Woche im Jahrverbringe ich mit Fasten-Wandern. Man frisst so viel in sich hinein ohne darüber nachzudenken. Ich bin kein Ernährungsapostel, aber weiß, es tut mir nicht gut, wenn ich jeden Tag mittags und abends die Mengen esse, die mir serviert werden. Es braucht eine Unterbrechung des täglichen Betriebes. Wie man das macht, sei dahingestellt. Ob im Yoga-Sitz oder ob du zum stillen Gebet ein Kerzerl anzündest – es geht einfach darum, auf seine wahre menschliche Berufung zurückzukommen.

Redaktion: Petra Klikovits, Katharina Domiter