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3, 2, 1, zurücktreten!

Unsere Challenge-Reporterinnen Katharina und Melanie waren dieses Mal Teil einer Rotkreuz-Übung in Fischamend - hier ihr Erfahrungsbericht.

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3, 2, 1, zurücktreten!
© Peter Sekvard/Rotes Kreuz Schwechat

"Hilfe, holt uns hier raus!" "Ist da jemand???" Unsere Stimmen überschlagen sich, als wir am Boden eines umgestürzten Busses zwischen Glasscherben liegen und versuchen, die Rettungskräfte auf uns aufmerksam zu machen. Neben uns röchelt ein Mann Mitte 30. Er scheint kurz davor zu sein, das Bewusstsein zu verlieren. Ein anderer ist bereits nicht mehr ansprechbar. Es sind Szenen, die an einen Hollywood-Blockbuster erinnern. Und die zum Glück ebenso wenig echt sind.

Wir sind am Set einer Rotkreuz-Übung in Fischamend. Akribisch wurde der Ablauf des Großeinsatzes schon ein halbes Jahr im Vorfeld geplant. Inklusive Drehbuch. Das Szenario: Ein Verkehrsunfall, der sich Freitagabend ereignet. Zwei PKWs sind kollidiert. Die Unfallstelle liegt an einer unbeleuchteten, unübersichtlichen Stelle. Ein herannahender vollbesetzter Linienbus kann nicht mehr rechtzeitig bremsen, kommt von der Straße ab und stürzt in den Straßengraben. Die Folge: Sechs Tote und 38 Verletzte. Eine Herausforderung für alle Rettungskräfte - vier Rotkreuz-Einheiten und fünf Feuerwehren werden alarmiert. Und eilen mit ihren Einsatzfahrzeugen zur Unfallstelle.

Insgesamt sind bei der Übung mehr als 90 Menschen im Einsatz. Sogar ein Visagisten-Team ist vor Ort, um den Figuranten lebensechte Verletzungen aufs Leib zu schminken. Zwei Stunden vor Übungbeginn wurden die Rollen verteilt. Melanie wird einen Herzinfarkt simulieren, Kathi ein Wirbelsäulentrauma – mit Verdacht auf eine Querschnittslähmung. Ein eigenartiges Gefühl, jemand Schwerverletzten zu mimen. Die Übung aber ist wichtig für Feuerwehr und Rettung. "Umso besser wir auf unterschiedliche Szenarien vorbereitet sind, umso professioneller können wir im Ernstfall reagieren. Besonders trainiert wird hier auch die Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr und Rettung", erklärt uns Rotkreuz-Mitarbeiterin Daniela Angetter. Daher auch die Bitte der Organisatoren, sich um eine realistische Darstellung zu bemühen. Nur wie reagieren Infarkt-Patienten? Und was geht in einem vor, wenn man seine Beine nicht mehr spürt? Nach einem kurzen Symptom-Briefing geht's ab zum Schauplatz.

Es ist mittlerweile 21 Uhr. Es ist dunkel, die Luft ist kühl. Mittels einer Leiter klettern wir in den verunglückten Bus. Im Inneren sind Leintücher aufgebreitet, damit wir uns nicht an den Scherben der ausgeschlagenen Fensterscheiben schneiden. Sollte man sich tatsächlich verletzten, muss man "san real" rufen, weisen uns die Organisatoren ein, damit alle Bescheid wissen, dass es sich um eine reale Situation handelt. Die Darsteller platzieren sich. Wir legen uns nebeneinander hin. Noch wird gewitzelt, gelacht und gescherzt. Es bietet sich ein merkwürdiges Bild. Ein junger Mann hat einen Schraubenzieher im Brustkorb stecken. "Heast, wie bled kann man sein, dass ma sein Werkzeug in einen Bus mitnimmt?", ruft einer aus der letzten Reihe. Wenig später wird er nicht mehr reagieren. Der Notarzt wird ihn für tot erklären. Die Visagisten bahnen sich mit Plastikspritzen noch einmal den Weg durch die Laien-Schauspieler und lassen Kunstblut aus den offenen Wunden fließen.

Aus der Ferne sehen wir Blaulicht. Die Sirene heult auf. Von einer Sekunde auf die andere schalten wir um und kippen in unsere Rollen. “Ich spüre meine Beine nicht mehr!”, schreit Kathi hysterisch, während Melanie in eine Schnappatmung verfällt. Tränen laufen über unser Gesicht. Ein Feuerwehrmann steckt seinen Kopf durch ein zerbrochenes Fenster: “"Wir kümmern uns um euch. Keine Angst!" Hinter uns wird das Heck des Busses aufgeschnitten, ein Feuerwehrmann klettert in das Innere, während seine Kollegen von Außen versuchen uns zu beruhigen, die aufgestellten Flutlichter blenden ins Gesicht. Es passiert alles innerhalb weniger Minuten und trotzdem kommt es uns vor wie eine Ewigkeit. Kathi wird auf eine Vakuummatratze gebettet und zur Rettungsstation gebracht. Melanie wird währenddessen reanimiert, der Defibrilator angeschlossen. Eingeschaltet wird er nicht, dafür heißt es: "Jetzt kannst du wieder normal atmen! Du hast überlebt!"