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Sängerin Annett Louisan im WOMAN-
Interview: "Ich habe kein Beuteschema!"

Am neuen Album "In meiner Mitte" springt die deutsche sängerin mit Männern ganz schön herum. In WOMAN spricht Annet Louisan über ihr Leben als Single.


Sängerin Annett Louisan im WOMAN-
Interview: "Ich habe kein Beuteschema!"
© APA/EPA/Frederik von Erichsen

WOMAN: Warum kommen Männer in Ihren Liedtexten eher schlecht weg?

Louisan: Irrtum, ich liebe Männer. Ich singe über Dinge, die passieren. Ich will da nichts beschönigen. Je mehr man liebt, desto größer ist die Gefahr verletzt zu werden.

WOMAN: Sie haben sich kürzlich vom Musiker Martin Gallop getrennt, genießen Sie nun die Freiheiten eines Singles?

Louisan: Es ist nicht einfach wieder Single zu sein, das muss man lernen. Ich bin auch nicht gebrochen, das würde ich für mich gar nicht zu lassen. Aber es war ein richtiger Schritt, um wieder frei zu sein und offen für Neues. Da muss man erst durch ein Tal durch. Aber jetzt genieße ich das sehr und bin gar nicht unglücklich.

WOMAN: Welches Rezept haben Sie für offene Wunden?

Louisan: Ein bisschen bluten lassen und Luft trocknen, weil es mehr weh tut. Pflaster halten den Heilungsprozess auf.

WOMAN: Welcher Mann passt zu Ihnen?

Louisan: Ich kann es nicht sagen. Ich habe auch kein Beuteschema. Die Männer, die ich liebte, waren so verschieden, aber ich wäre nicht die, die ich heute bin, ohne diese Lieben.

WOMAN: In einem Lied der neuen CD „In meiner Mitte“ heißt es „ich bin ein Zirkuskind ohne Wurzeln“. Empfinden Sie sich so?

Louisan: Auch ich habe gegensätzliche Gefühle, die gleich stark sind: einerseits das Bedürfnis nach einem zu Hause und dann das Bedürfnis nach Freiheit und Veränderung.

WOMAN: Wie viel würden Sie von Ihrer Freiheit in einer Beziehung aufgeben?

Louisan: Ich denke eine Beziehung läuft dann gut, wenn man nicht das Gefühl hat, seine Freiheit aufzugeben. Es ist doch ein tolles und erotisches Gefühl, bei diesem anderen Menschen sein zu wollen. Wie zwei Magneten, die immer einen Weg zueinander finden.

WOMAN: Dieser Idealzustand ist aber selten.

Louisan: Weil Menschen meist in verschiedenen Phasen sind, mal ist der eine bisschen stärker und der andere schwächer. Das sind so eigenartige Mechanismen, wenn sich der Schwächere durch die Stärke des anderen geschwächt sieht. Um die Schwierigkeiten zu meistern, braucht es Augenhöhe. Die Liebe ist das wichtigste im Leben, die größte Kraft, die uns alle treibt zu guten und zu schlechten Taten.

WOMAN: Was sind die schlechten Taten?

Louisan: Aus Eitelkeit oder Angst etwas zu verlieren. Dass man so sehr geliebt werden will, dass man Fehler macht.

WOMAN: Fällt es Ihnen schwer immer wieder neu anzufangen?

Louisan: Für mich ist es wichtig, mich nicht verletzen zu lassen. Gerade im Beruf bekomme ich viel Lob aber auch die fiesesten Dinge an den Kopf geworfen. Man muss sich immer wieder beweisen und kämpfen. In jedem Anfang steckt eine große Chance und das genieße ich sehr.

WOMAN: Aber die Lust am Untergang spüren Sie auch?

Louisan: Absolut, der Abgrund ist wichtig. Den muss man hinnehmen. Die großen Gefühle kann man auch nur empfinden, wenn man auch das Leid erfahren hat. Das ist das Geschenk, das man dafür bekommt.

WOMAN: Ist die Mitte jetzt so ein Lebensgefühl von Ihnen?

Louisan: Eine eindeutige Antwort habe ich nicht. Ich bin ein extremer Mensch, das hilft mir auf der Bühne mutig zu sein und auch über die Stränge zu schlagen, was mitunter Probleme macht. Weil man nie zufrieden ist und weiter hastet. Aber um diese Reise, die nie aufhören soll, geht es. Und das möglichst ohne Bitterkeit. Das ist so meine Mitte.

WOMAN: Sie haben sehr lange den Nimbus der Kindfrau ausgestrahlt. In letzter Zeit ging der Eindruck stark zurück, haben Sie einiges an Naivität verloren?

Louisan: Ich halte Naivität nicht für etwas Schlechtes, manchmal ist sie ein Schutz. Ich gebe zu, mein Blick war stark gefiltert, als ich jünger war. Je älter man wird, umso mehr Filter fallen weg. Sei es aus Erfahrung oder Enttäuschung. Aber auch das ist eine Chance, die Welt anders zu sehen.

WOMAN: Sollte man sich nicht eine gewisse Leichtgläubigkeit bewahren?

Louisan: Unbedingt, das versuche ich. Wenn ich falle, bin ich wie ein Ball, der doppelt hochspringt. Ich bin ein lebensfroher Mensch. Aber ich habe melancholische Tage und gerade die helfen mir, wieder euphorisch zu werden. Das nehme ich in Kauf.

WOMAN: In ihren Texten kommen die Worte clean, Zigaretten, weiße Päckchen vor. Sind das legale oder illegale Drogen mit denen sie experimentiert haben, die kurzfristig helfen?

Louisan: Drogen oder Rausch hat viel mit meinem Leben zu tun. Das Leben auf der Bühne ist wie eine Droge. Weil ich nie ganz mit mir zufrieden bin und ich mich zwingen muss, vom Adrenalin runter zu trainieren. Erfolg ist eine Droge. Wir machen uns zu oft von Dingen, Menschen und Gefühlen abhängig, ohne es uns bewusst zu machen. Abhängigkeiten sind furchtbar und gefährlich für die Liebe. Sie machen alles kaputt. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht zu sehr von Anett Louisan abhängig mache.

WOMAN: Interessant!

Louisan: Sie ist eine Kunstfigur, ist eine Schwester, ein Teil von mir, aber nicht alles.

WOMAN: Sind Sie mit ihr ausgesöhnt?

Louisan: Ja, ich hatte tiefe Blicke in den Spiegel. Für mich ist es wichtig, die Angst fern zu halten. Ich bin tendenziell mutig, aber auch sehr ängstlich. Die Angst alleine zu sein, Verlustängste, das Lampenfieber und die Schatten über die ich springen musste, jedes Mal, wenn ich das geschafft habe, erlebe ich das als große Momente.

WOMAN: Zweifel zu zeigen bedeutet auch Mut?

Louisan: Sobald jemand ins Straucheln kommt, halten die meisten Menschen Abstand. Ich brauchte einfach Abstand von Anett Louisan um zu wissen, wie ich auf Menschen wirke.

WOMAN: Was ist Ihr künstlerischer Anspruch an sich selber?

Louisan: Dass ich stolz auf mich bin. Dass ich liebe, was ich tue und mich nicht verbiegen lasse. Und dass ich dazulerne. Ich maße mir ja nicht an, alles zu können. Ich will immer besser und reicher an Erfahrung werden.

WOMAN: Wenn Sie singen wirken Sie wie Dornröschen, das auf den Prinz wartet, wenn Sie sprechen klingt das aber gar nicht so.

Louisan: Doch, ich bin auch ein bisschen Dornröschen, eine „Prinzessin im Drecke“, die auch strauchelt.

WOMAN: Sie sind nicht richtig groß (ein Meter zweiundfünfzig), haben Sie sich Modelmaße gewünscht?

Louisan: So richtig groß wollte ich nie sein. Ich bin überdurchschnittlich klein und falle dadurch auf und ich falle gerne auf.

WOMAN: Beim Auffallen sind Sie da Sie selber oder Annett Louisan?

Louisan: Da sind wir identisch.

WOMAN: Sie besitzen 400 Paar Schuhe?

Louisan: Es werden immer mehr, obwohl ich auch ausmiste. Ich habe ja gar nicht so viel Platz und verschenke sie auch. Ich habe Schuhe, die man gar nicht tragen kann, weil sie so weh tun! Die sind nur für die Vitrine.

Interview: Andrea Braunsteiner