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Was kostet deine Welt? Eine Sängerin über ihren Kontostand

Arbeiten, zahlen, leben: Wie viel verdient eigentlich eine selbstständige Sängerin? Und wie viel bleibt am Ende des Monats übrig? Wir haben im Rahmen unserer Serie nachgefragt.

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Was kostet deine Welt? Eine Sängerin über ihren Kontostand
© Flickentanz/Silke Bernhardt

"Über Geld spricht man nicht" - das gilt besonders in Österreich. Das eigene Gehalt halten die meisten von uns geheim. Dabei sind wir tagtäglich mit unseren Finanzen konfrontiert. Wo ist der 100er im Geldbörsl schon wieder geblieben? Wie soll ich die Reparatur des Autos bloß bezahlen? Wie schaffen es andere Leute, etwas auf die Seite zu legen? Und wie viel verdienen eigentlich die KollegInnen, die mit mir im Büro sitzen? Nicht zuletzt diese unnötige Verschwiegenheit ins Sachen Einkommen trägt dazu bei, dass Frauen immer noch nicht gleich viel verdienen wie ihre männlichen Kollegen. Wir sagen: Schluss damit, über Geld spricht man! Deshalb fragen wir im Rahmen dieser Serie Frauen mit den unterschiedlichsten Berufen: Was kostet deine Welt? Wie viel verdienst du? Was bleibt am Monatsende übrig? Im sechsten Teil der Serie, haben wir eine Sängerin, Sprecherin und Moderatorin zum Interview gebeten.

Daniela Flickentanz ist 31 Jahre alt und hat an der FH Soziale Arbeit studiert. Der Abschluss mit Diplom erfolgte 2010. Daneben hat die Wienerin eine Gesangsausbildung, Stimmtraining, sowie diverse kreativ-künstlerische Fortbildungen absolviert. Ihre Leidenschaft für Musik war schon früh ausgeprägt: Über 100 Songs hat die Künstlerin bisher geschrieben, zudem besitzt sie 14 Jahre Bühnenerfahrung. Unter dem Namen „Flickentanz“ tritt die Sängerin und Liedermacherin regelmäßig auf, außerdem moderiert sie immer wieder Live-Events. Vor ihrer Gesangskarriere war Daniela als Sozialarbeiterin in einem Jugendzentrum tätig. Seit zwei Jahren ist sie offiziell selbstständig. Ihr Album „handgemacht“ mit persönlichen Chanson-Pop-Songs auf Deutsch wird 2019 erscheinen. Nähere Infos gibt’s unter: www.flickentanz.at

Wie viel verdienst du monatlich?
Daniela: Ich arbeite zwischen 30 und 60 Stunden pro Woche. Zu meiner Arbeit zählt das, was man sieht, also singen, sprechen und performen. Die meiste Arbeit steckt aber in all dem, was man nicht vordergründig sieht: Styling, Training (Stimme, mental, körperlich), netzwerken, PR & Marketing, Social Media, Betreuung der Webseiten, Presseaussendungen, Songwriting, Entscheidung über Arrangements, Proben, Einstudieren von Wunschliedern, Booking, Shootings, Konzeptarbeit, Visionsarbeit, Organisationszeit (Finanzen, Koordination von Bandmitgliedern), Anreise, Abreise, Soundcheckzeiten, sowie Aufbau und Abbau der Tonanlage für kleinere Veranstaltungen, die wir selbst beschallen. Pro Auftrag verrechne ich je nach konkretem Aufwand ab 300 Euro. Das ist aber wirklich meine absolute Untergrenze und damit ist nur ein Minimum meiner Arbeitszeit abgedeckt. In den vergangenen anderthalb Jahren ist die Höhe meiner Einnahmen geschwankt: Der Umsatz belief sich auf 900 bis 1.700 Euro im Monat. Die Auftragslage wird aber immer besser und der Dezember läuft überaus gut. Singen ist ein Saisongeschäft und es gibt gewisse Peaks, ich habe die Branche jedoch noch nicht restlos durchschaut. Als Sozialarbeiterin habe ich für 30 Stunden rund 2.000 Euro brutto verdient, davon blieben mir 1.446 Euro netto. Überstunden wurden extra bezahlt.

Wie hoch sind deine Fixausgaben?
Daniela: Meine Fixausgaben betragen rund 700 Euro im Monat. Mein Freund und ich wohnen gemeinsam in einer Eigentumswohnung. Das heißt, von meinen Fixkosten kommen ca. 160 Euro für die Betriebskosten, GIS, Strom und Internet weg. Das ist ein Riesenglück, sonst könnte ich das alles nicht machen. Auto habe ich keines. Ansonsten knabbere ich noch an einem Kredit (300 Euro im Monat), den ich nach einer relativ spontanen Trennung für die Kaution und Ablöse einer eigenen Wohnung aufgenommen habe (da war ich gerade mit dem Studium fertig und habe erst begonnen, "mehr" zu verdienen). Und auch für meine Ausbildungen im stimmlichen Bereich habe ich den Kredit eingesetzt. Der Rest der Fixkosten setzt sich aus SVA (Sozialversicherung für Selbstständige), Handyrechnung, Fitnesscenter und einem Minimalbetrag für Essen zusammen. Bei der SVA bin ich momentan noch im Anfangsstadium, das heißt ich bin beim Minimaleinstiegsbetrag - die erste Nachzahlung kommt erst und es wird ja bald mehr werden. Nicht, dass die Menschen denken, die Selbstständigen zahlen nicht genug ins System ein.

Hast du eine private Pensionsvorsorge?
Daniela: Nein, zur Zeit kann ich mir das nicht leisten.

Sparst du Geld und wie legst du es an?
Daniela: Nein, also nicht „längerfristig“, da ich immer, wenn ich genügend beisammen habe, das Geld in mein Herzensprojekt „Flickentanz“ investiere.

Wie viel bleibt am Monatsende übrig?
Daniela: Als Selbstständige habe ich kein klassisches „Monatsende“. Ich muss mehr in Cashflow denken und schauen, dass ich immer „flüssig“ bleibe, damit ich auch spätere Überweisungen überbrücken kann. Das war eine ziemliche Lernaufgabe für mich, denn ich arbeite, seitdem ich 18 bin und hatte jetzt über zehn Jahre lang immer am 1. das Konto voll. Als Selbstständige muss ich akzeptieren: Manche KundInnen bezahlen gleich, bei manchen kann es schon mal ein paar Wochen (manchmal auch Monate) dauern. Manchmal scheitere ich immer noch daran und bin für ein paar Tage unter Angstschweiß nicht ganz flüssig.

Bist du zufrieden mit deinem Gehalt?
Daniela: Ja, ich bin zufrieden mit meinem Honorar. Meine Preise gestalte ich selbst und je klarer mir mein eigener Aufwand ist, desto klarer wird mir auch, was ich dafür verlangen will, damit es sich stimmig anfühlt. Es ist immer noch ein Prozess, durch den ich mit meiner Gründung gehe. Ich bin immer noch am Lernen, so zu kalkulieren, dass ich tatsächlich gut davon leben kann und mir auch ohne viel Nachdenken eine neue Waschmaschine kaufen kann, sollte es mal notwendig sein. Und natürlich würde ich gerne auch mal wieder größere Weihnachtsgeschenke machen und unbeschwert auf Urlaub fahren. Aber unterm Strich weiß ich: Geld löst nicht alle Probleme.

Weißt du, was deine KollegInnen verdienen?
Daniela: Teilweise. Ich finde, das Thema Geld ist immer noch ein viel zu großes Tabu! Dazu kommt: Gerade im künstlerischen Bereich gibt es viel Dumping, weil ja sehr viele Kunstschaffende nicht davon leben müssen und daher ganz anders verrechnen können. Der Aufwand ist uns oft selbst nicht klar und ich bemerke an mir selbst, dass ich manche meiner „besonderen“ Fähigkeiten als normal betrachte und ich erst jetzt beginne, diese auch in Geldgegenwert zu verrechnen bzw. als Teil meiner Arbeit anzuerkennen.

Wofür gibst du gerne Geld aus?
Daniela: Für Dienstleistungen wie z.B. Fortbildungen, Workshops, Seminare, Stimmtraining, Körperarbeit, Fitness Center, Physiotherapie, Massagen, hochwertige Kleidung, Frisör, Instrumente, Musik, Konzerte und gut Essen gehen. Kurzum: Investitionen in meine Kompetenzen und meinen Körper.

Wofür würdest du gern mehr Geld haben?
Daniela: Für ethisch-moralisch gut vertretbaren Konsum auf ganzer Linie, also z.B. für ein Fairphone mit superguter Kamera, handgemachte und regional produzierte Schuhe und eine private Krankenversicherung. Und für meine Eltern: Dass ich ihnen endlich etwas von dem zurückgeben kann, was sie in mich investiert haben und sie so unterstützen kann, wie sie mich unterstützt haben.

"Flickentanz" ist das Herzensprojekt von Daniela.

Sprichst du im Freundeskreis über Geld?
Daniela: Ja. Meine beste Freundin kann unglaublich gut mit Geld umgehen und da hole ich mir oft Tipps. Sie schafft es sogar, sich von einem geringen Einkommen sehr viel beiseite zu legen und trotzdem einen erfüllenden Lebensstil zu haben. Außerdem tut es gut, sich darüber auszutauschen.

Gibt es sonstige Einnahmen?
Daniela: Ja. Manchmal gibt’s Finanzspritzen von der Familie.

Was ist dein größter Luxus?
Daniela: Dass ich nicht mehr „nebenberuflich“ künstlerisch arbeite und dass ich jetzt mehr Zeit für meine selbstgeschriebene Musik habe, ausreichend schlafe und dann und wann mitten am Tag im Wald einen Spaziergang machen kann, wenn ich meinen Kopf frei kriegen will. Und dass ich Menschen mit meiner Stimme bewegen und berühren darf und es tatsächlich meine Arbeit ist.

Würdest du von dir selbst behaupten, dass du gut mit Geld umgehen kannst?
Daniela: Leider nein. Wenn ich es kriege, gebe ich es auch schon wieder aus. Da habe ich noch einiges zu lernen oder vielleicht muss ich einfach noch mehr verdienen (lacht).

Kannst du dir die Dinge leisten, die du haben möchtest oder musst du auf etwas verzichten?
Daniela: Die große Frage ist: Haben oder sein? Natürlich muss ich öfter auf etwas verzichten, was ich gerne „haben“ will. Aber das, was ich „sein“ will, das kann ich verfolgen und es gibt unendlich viele Wege, sein eigenes Leben zu gestalten. Zusätzlich kann ich sehr viele Tauschgeschäfte machen, was mich sehr dankbar, frei und glücklich stimmt. Dadurch lebe ich in einer wunderschönen, bunten Welt, manchmal auch ohne einen Cent dafür zu bezahlen. Meinen ersten aufnahmefähigen Laptop habe ich gegen ein Bild von mir getauscht. Das war ein Wert von 600 Euro (gebraucht). Oder um eine Drehlocation kostenfrei zu nutzen, helfe ich der Tochter der Besitzerin dabei, ihre Lieder-Demos bei uns aufzunehmen. Einmal habe ich eine Waschmaschine gegen ein Bild von mir getauscht und meine Bühnenoutfits sind zum Teil gesponsert.

Würdest du lieber mehr verdienen oder eher weniger arbeiten und dafür halt auch weniger haben?
Daniela: Ich will eine Arbeit, die mir mehr Energie gibt, als ich hineinstecke und für wenig Arbeitsstunden viel Geld verdienen. Es gibt einige strahlende Beispiele, die zeigen, dass es möglich ist. Ich weigere mich zu glauben, dass es Zufall ist. Ich habe den Eindruck, dass dahinter einfach eine Menge Arbeit steht, die sich lohnt.

Und wie wichtig ist dir Arbeit generell? Welchen Stellenwert nimmt sie in deinem Leben ein?
Daniela: Meine Arbeit ist gerade Priorität Nummer eins. Es ist meine Berufung und ich gebe jeden Tag mein Bestes. Die Balance zum Privatleben zu finden ist natürlich immer wieder eine Herausforderung. Mein Umfeld ist sehr unterstützend, liebevoll und verständnisvoll. Dafür möchte ich Danke sagen.

Was kostet deine Welt? Alle Teile der Serie

Hier findest du alle bisher erschienen Teile der Serie.