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Säure-Attacke: "Warum ich?"

Auf dem Heimweg spritzte eine völlig verschleierte Person der Britin Naomi Oni Säure ins Gesicht. Die junge Frau hat dem nach wie vor unbekannten Attentäter zwar verziehen, fragt sich aber bis heute: "Warum ich?"


Säure-Attacke: "Warum ich?"
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Es ist die Nacht vor Silvester, der 30. Dezember 2012, im Osten von London. Naomi Oni, eine 20-jährige Dessous-Verkäuferin, macht sich nach Dienstschluss auf den Heimweg. In ihrer Wohngegend verlässt sie den Bus und telefoniert gerade mit ihrem Freund Ato, als sie hinter sich eine Bewegung wahrnimmt. Die junge Britin dreht sich um und entdeckt eine schwarz verhüllte Person, erschrickt kurz, geht jedoch weiter. Dann geschieht alles sehr schnell – Naomi schildert die dramatischen Sekunden, die ihr Leben völlig verändert haben:

Attackiert. "Plötzlich, wie aus dem Nichts, bekam ich rechts einen Schwall Flüssigkeit ab – und begann instinktiv zu laufen. Ich dachte, diese Person will mich umbringen! Dann begann meine Haut zu schmerzen, und mir war klar: 'Die oder der hat Säure auf mich geschüttet.' Ich rannte um mein Leben, schrie wie am Spieß, Ato war immer noch am Telefon, und ich brüllte, er solle den Notruf alarmieren!"

Totaler Schock. Zuhause angekommen, schlug Naomi mit den Fäusten gegen die Tür und brüllte: "Säure, Säure, Säure!" Ihre sehbehinderte Mutter Marian erzählte ihr später, dass sie das Brennen des Körpers ihrer Tochter förmlich spüren, die verätzten Haare und Hautteile nahezu riechen konnte. Die Großmutter beruhigte Naomi und goss Wasser über sie. Sie zitterte am ganzen Körper, war völlig panisch und fragte immer wieder: "Warum macht jemand so was? Was habe ich vebrochen? Bin ich ein schlechter Mensch?"

Einen Monat lang Spital. Der Notarzt brachte Naomi in die nächste Ambulanz, wenig später in eine Spezialklinik. Als sich die junge Frau dort erstmals im Spiegel sah, brach sie beinahe zusammen. "Mein Kopf war zehnmal größer als sonst, mein Gesicht total verschwollen. Ich sah aus wie verbrannter Toast!" Dann wurde es dunkel um Naomi, sie verlor für zwei Tage vorübergehend ihr Sehvermögen. Einen Monat lang musste sie im Spital bleiben und sich mehreren Operationen unterziehen. Sie hatte Haare, Wimpern und Augenbrauen verloren, die Säure hatte ihr Gesicht, ihren rechten Arm, den Hals und das rechte Bein verätzt. Haut vom Oberschenkel musste ins Gesicht transplantiert werden. Ihr Freund, der 24-jährige Jusstudent Ato Owede, war wie Naomis Familie stets an ihrer Seite. "Ich war zwiegespalten. Einerseits wollte ich Ato sehen, andererseits wollte ich nicht, dass mich überhaupt jemand zu Gesicht bekommt! Ich haderte mit meinem Schicksal, war verzweifelt. Ich wollte doch Maskenbildnerin und Visagistin werden – aber wer würde mich denn buchen, mit dieser Fratze!"

Neuer Mut. Doch Ato schaffte es in diesen Situationen immer wieder, seine Freundin zu motivieren. Und noch jemand trug unwissentlich dazu bei, dass die völlig gebrochene Britin neuen Lebenswillen fand: Katie Piper, ehemaliges Model, deren Gesicht ebenfalls durch ein Säureattentat entstellt worden war. Piper arbeitet heute als Moderatorin, dank mehrerer OPs erkennt man ihre Narben kaum noch. "Als ich damals Katies Geschichte las, dachte ich: 'Ich würde sterben, wenn mir so etwas passiert!' Aber sie ist so tapfer, setzt sich für andere Säureopfer ein!"

Akzeptiert. Naomi nahm sich Katie Piper zum Vorbild: "So unverständlich dieses Attentat nach wie vor für mich ist, ich habe daraus gelernt: Das Leben ist zu kurz, um seinen Traum nicht zu verwirklichen – ich möchte also nach wie vor Visagistin werden. Ich definiere mich jedoch nicht mehr so über mein Aussehen. Und auch wenn ich mir wünsche, dass der nach wie vor unbekannte Täter gefasst wird, hasse ich denjenigen nicht. Er mag meine Haut verbrannt haben, nicht aber meine Seele."

Petra Mühr