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"Ich bereue es Mutter zu sein!"

Sarah Fischer ist eine der wenigen Frauen, die öffentlich zugeben, ihre Mutterschaft zu bereuen. Dafür erntet die 43-Jährige viel Kritik. Im Interview mit WOMAN erklärt sie, warum sie lieber Vater geworden wäre.

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Sarah Fischer Interview - Mutterlüge

Wenn Mütter lieber Väter wären...

© istockphoto.com

Mutter zu sein. Das wird in Medien und Büchern oft als größtes Glück der Erde verklärt. Diese unvoreingenommene Liebe, dieser Rücktritt vom eigenen Egoismus zugunsten strahlender Kinderaugen...

Darf man auf seine Kinder auch richtig sauer sein? Es bereuen, dass die eigenen Wünsche und Ziele neben Windeln und Fußballtraining plötzlich in den Hintergrund getreten sind – und dass das einen manchmal einfach auch ankotzt?

"Ich bereue es, Mutter zu sein," meint die Autorin Sarah Fischer in ihrem Buch "Die Mutterglück-Lüge" provokant. Sie knüpft mit ihren Aussagen über Mutterschaft an die israelische Studie "Regretting Motherhood" an.

Die in München lebende Autorin liebt ihre 3-jährige Tochter sehr. "Ich bereue nicht SIE - ich bereue es, mich dem Mutterterror ausgesetzt zu haben." Im Interview mit WOMAN erzählt die Reisejournalistin, wie die Öffentlichkeit sich in ihr Leben einmischte und ihr das Mutterglück somit zerstörte.

»Mütter sollen ein anderer Mensch werden, wenn das Kind auf der Welt ist. Und wehe, wenn nicht!«
Sarah Fischer Mutterglücklüge
Sarah Fischer (43) hat ein Tabu ausgesprochen: Nicht alle Mütter sind per se glücklich.


WOMAN: Sie sagen, dass die Gesellschaft vorschreibt, wie eine gute Mutter zu handeln hat. Bereuen Sie die Mutterschaft vor allem auch deshalb, weil das Umfeld einem permanentes Versagen vorhält? Oder sind es doch die Einschränkungen, die mit der Betreuung eines Kindes einhergehen?
Sarah Fischer: Was mein Umfeld angeht, wäre es mir egal. Da habe ich eine ziemlich dicke Haut. Sonst hätte ich es wohl auch nicht gewagt, mein Buch zu schreiben. Es sind die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die mir die Mutterrolle in Deutschland erschweren. Der Mythos, dass alle Mütter per se glücklich sind, was erwartet wird, weil das Kind gesund ist und man dankbar sein soll. Aber nicht alle Mütter sind automatisch glücklich. Es ist wissenschaftlich belegt, dass es den Mutterinstinkt nicht gibt. Aber man darf nicht laut darüber sprechen, sonst ist man eine schlechte Mutter. Von Müttern wird erwartet, dass sie 24 Stunden am Tag ihre Bedürfnisse hinten anstellen; es ist selbstverständlich, dass sie sich ausschließlich die Vereinbarkeitsfrage stellen und ihr Leben hinten anstellen. Mütter sollen ein anderer Mensch werden, wenn das Kind auf der Welt ist. Und wehe, wenn nicht!

WOMAN: Unter welchen Umständen hätten Sie Ihre Muttersein womöglich nicht bereut?
Fischer: Wenn ich nicht ständig angegangen worden wäre, warum ich dies und jenes tue oder nicht tue und ob das gut ist für mein Kind und ob ich denke, dass mein Kind das verträgt oder ob sich das nicht mal rächt, wenn ich mein Kind mit 10 Monaten schon zur Tagesmutter gebe. Und ob Gummibärchen jetzt gut sind wegen dem Zucker, ob das nicht zu gefährlich ist, sie auf meine Reisen mitzunehmen u.v.m. Also, wenn mir nicht ständig meine Kompetenz genommen wird, selbst zu entscheiden, wie ich was zu tun habe. Das hat mich nicht verunsichert, wie sie eingangs gefragt haben, sondern genervt. Wieso mischen sich nun, wo ich Mutter bin, plötzlich ständig wildfremde Menschen in mein Leben ein?

WOMAN: „Schade, dass ich nicht einfach mal wie früher spontan für zwei Tage wegfahren kann", schreiben Sie in Ihrem Buch. Hagelt es für derlei nicht massive Kritik?
Fischer: Natürlich, aber dieser Satz steht ja nicht alleine da - das ist einer von vielen Aspekten. Außerdem ist es mein Job, wie ich ihn im Moment verstehe, Tabus zu knacken. Aber ich möchte nicht anklagen, verunglimpfen oder dergleichen, und damit die Fronten noch mehr verhärten. Ich behandle das Thema mit Humor. Und das hat mir auch oft geholfen – man muss gar nichts erfinden, manchmal ist die Realität als Mutter reine Satire!

WOMAN: Bekommt man für etwas Verzicht nicht auch was zurück? Als Mutter?
Fischer: Selbstverständlich ist es wunderschön mit meiner Kleinen zusammen zu sein, all diese einzigartigen Momente von Liebe und Nähe, Vertrautheit. Aber das bedeutet doch nicht, dass ich ein anderer Mensch geworden bin. Es war auch vorher schön, manches war schöner, besser, auf jeden Fall leichter. Ich will ja nur sagen dürfen, dass es so ist. Aber man darf es nicht sagen. Und viele Frauen glauben, sie dürfen es nicht mal denken. Das quält sie. Sie bekommen ein Mutterbild präsentiert, dem sie vielleicht nicht entsprechen, sie fallen aus dem Raster, sie zerfleischen sich mit Selbstvorwürfen. Oder greifen andere Mütter wie mich an, die das Böse sagen. Aus der Psychologie ist bekannt, dass wir eigene als negativ erlebte Teile abspalten und auf andere projizieren. Natürlich schenken uns unsere Kinder unendlich viel. Natürlich bekommt man etwas zurück. Aber deswegen muss man doch sagen dürfen, dass das nicht alle Bedürfnisse stillt! Und mehr noch: Dass man total glücklich sein muss, weil man doch jetzt ein Kind hat.

WOMAN: Würden Sie Ihre Tochter nochmals bekommen? Oder ein weiteres Kind?
Fischer: Ich würde meine Tochter jederzeit wieder bekommen, ich bereue ja nicht sie, sondern die Umstände. Ein weiteres Kind möchte ich nicht haben, denn dann wäre der Spagat nicht mehr zu schaffen.

WOMAN: Sie sind nach der Geburt Ihrer Tochter sofort zurück in Ihren Job als Reisejournalistin. Wie war das möglich?
Fischer: Ich hatte keine andere Wahl. Die Termine meiner Vorträge und Lesungen waren ja schon vereinbart, bevor ich überhaupt schwanger wurde.

WOMAN: Wie haben Sie das Stillen mit Ihrem Arbeitsalltag vereinbart?
Fischer: Ich habe jede Gelegenheit genutzt. Hinter der Bühne, in der Pause des Vortrags am Büchertisch während ich Bücher signierte, einfach überall. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Auf meinen vielen Reisen, ich habe mittlerweile 180 Länder bereist, habe ich genug stillende Mütter gesehen. Ich weiß, dass es in Deutschland Stimmen gibt, die das unverschämt finden, wenn eine Mutter ihr Kind in der Öffentlichkeit stillt. Dabei geschieht das ja meistens sehr diskret. Man sieht gar nichts. Aber die Leute, die was sehen wollen, sehen natürlich was. Ich weiß auch nicht, warum so etwas Natürliches so viel Aufsehen erregt. Und es wäre mir lieber gewesen, ich hätte manchmal nicht vorher rumgeschaut, ob ich hoffentlich nicht anecke. Schön wäre es in einer Gesellschaft zu leben, in der es normal ist, einem Säugling, der hungrig ist, Nahrung zu geben, ohne sich dazu verstecken zu müssen.

»Wieso verliere ich meine berufliche Qualifikation, wenn ich Mutter werde?«

WOMAN: Wurden Sie dafür verurteilt, dass Sie sofort wieder gearbeitet haben? Und von wem?
Fischer: Es gab einige Stimmen, allerdings nicht in meinem Bekannten- oder Freundeskreis, die meinten, ich hätte doch jetzt einen Mann, der genug verdient und warum ich noch arbeiten möchte. Dabei verdient mein Mann gar nicht genug, als dass ich zu Hause bleiben könnte... München ist eine teure Stadt. Aber noch viel gravierender fand ich das Verhalten mancher meiner früheren Auftraggeber, die mich einfach von ihrer Liste strichen. Ich war doch jetzt Mutter. Also keine zuverlässige Mitarbeiterin mehr. Das hat mich schwer geschockt. Wieso verliere ich meine berufliche Qualifikation, wenn ich Mutter werde? Da müssen wir ansetzen! Denn dies trägt maßgeblich dazu bei, dass sich viele Frauen so schlecht fühlen. Sie werden auf etwas reduziert, ein großer Teil ihrer Persönlichkeit soll plötzlich nicht mehr gültig sein, wird nicht mehr beantwortet. Also zumindest bei all jenen, die gern arbeiten, so wie ich. Es gibt natürlich auch Mütter, die gern zu Hause bleiben. Wunderbar – wo ist das Problem? Was geht die persönliche Entscheidung einer Frau eine fremde Öffentlichkeit an? Wieso glaubt jeder, einen für Unterlassungen oder Aktivitäten zur Rechenschaft ziehen zu können, sobald eine Frau Mutter ist? Das muss sich ändern! Die Mütter müssen schon im Alltags-Wahnsinn genug Druck aushalten. Da muss nicht auch noch von außen dieses Gemäkel kommen.

WOMAN: Sie sprechen auch von Mutterterror. Was ist damit gemeint?
Fischer: Dass eben auch Mütter andere Mütter maßregeln. Und das finde ich am traurigsten. Wir sollten doch zusammenhalten, gerade wir! Aber die Realität sieht leider oft so aus, dass Mütter andere Mütter verurteilen, weil sie eine andere Lebensweise haben als sie. Meist geschieht das aus Unsicherheit. Wenn man selbst eventuell unsicher ist oder sich nicht 100% wohl fühlt in einer Rolle, wertet man andere ab, um sich sicherer zu fühlen. Oder man hat Angst vor den eigenen Gefühlen, die hervorkommen könnten. Es gibt Menschen, die kommen damit nicht zurecht, wenn andere nicht der Norm entsprechen. Wenn ich mitmache, akzeptieren mich die anderen. Wenn nicht, schwimme ich ja gegen den Strom und werde gemobbt.

WOMAN: Der Untertitel Ihres Buches lautet „Warum ich lieber Vater geworden wäre“. Warum denn?
Fischer: Väter treffen sich mit ihren Kumpels und müssen keine Rechenschaft ablegen. Väter fahren auf Dienstreise und werden nicht gefragt, wo das Kind so lange untergebracht ist... Im Gegensatz zur Mutter. "Wie? Du fährst weg? Ohne dein Kind?", heißt es da. Ich habe einen Freund, der drei Monate auf seine Tochter aufpasste, weil die Mutter seines Kindes als Regisseurin einen Dreh hatte. Dafür wurde sie schräg angeschaut. Väter werden abgefeiert, wenn sie mit ihrem Kind baden, wie Mark Zuckerberg, der neulich ein Foto postete. Männer verdienen meist in den gleichen Berufen mehr als die Frauen. Ein Modell, das vom Staat nach wie vor leider gefördert wird.

WOMAN: Wie empfindet es Ihr Mann? Hat der Sie entlastet? Und: wird von Vätern nicht auch mittlerweile ein Ideal-Rollenbild skizziert, dass die wenigsten erfüllen können (auch wenn es ihrem Selbstverständnis als "moderne" Männer entspricht)?
Fischer: Mein Mann ist, wie es heute viele andere auch Männer, sehr unterstützend. Er wäscht Wäsche, kocht, kauft ein, putzt, kümmert sich sehr viel um unsere Kleine. Er entlastet mich viel mehr, als vielleicht viele andere Männer. Trotzdem bin ich diejenige, die die Kleine zum Kindergarten bringt, sie holt, zur Kinderärztin oder zu Elternabende im Kindergarten geht, Geschenke für Kindergeburtstage, Verwandte, Freunde kauft, organisiert, wer wo wann die Kleine holt, hinbringt, aufpasst etc. Aber wir teilen alle Kosten. Von Miete über Stromkosten, Telefon, Versicherungen, Urlaub bis Lebensmitteleinkäufen. Das ist mir wichtig, denn sonst würde ich vielleicht eines Tages, wie viele andere Mütter aufgeben und nicht mehr arbeiten. Oder nur noch ein bisschen. Ich will meinen Beruf aber wichtig nehmen. Er ist mir wichtig. Ich will damit Geld verdienen. Ich will das gute Gefühl haben, finanziell unabhängig zu sein. Das ist meiner Meinung nach auch ein Baustein für eine gute Beziehung, weil: auf Augenhöhe. Und ja, von Vätern wird mittlerweile auch ein Ideal-Rollenbild skizziert, wie etwa, dass sie gut aussehen müssen, gut verdienen, um die Familie ernähren zu können, sportlich sein, zuhören können, mithelfen im Haushalt u.v.m.

Überforderte Mutter

WOMAN: Viele Beziehungen, so ehrlich kann man sein, scheitern nicht nur trotz der Kinder, sondern WEGEN der Kinder. Sie sagen selbst, dass Sie oft wütend auf Ihren Mann waren. Haben Sie keine gerechte Rollenteilung vereinbart?
Fischer: Doch natürlich, wir haben von Anfang an vereinbart, dass wir beide Vollzeit weiterarbeiten werden. Letztendlich sind wir aber, wie in den meisten Ehen, in der traditionellen Rollenverteilung gelandet... das bedeutet, dass ich den Löwenanteil der Kinderbetreuung übernehme.

WOMAN: Wenn Mutterglück ein einziger Schwindel ist – was ist dann die Konsequenz daraus?
Fischer: Nicht für alle Frauen ist Mutterglück ein Schwindel. Ich habe keine Ahnung, wie viele es sind – denn das Thema kommt ja jetzt erst ganz langsam aus der Tabuzone ans Licht. Und das ist schon ein guter Schritt in die richtige Richtung. Wir müssen offen darüber sprechen dürfen. Das erleichtert das Muttersein schon mal. Es muss in der Öffentlichkeit noch deutlicher werden, unter welchem hohen Druck Mütter heute stehen. Und dann kann sich jeder einzelne überlegen, wie er Müttern begegnet. Ober er ihnen noch eins drüberbrät, anstatt sie zu unterstützen.

»Ich bin davon überzeugt, dass glückliche Mütter glückliche Kinder haben. «

WOMAN: Sind Sie also der Meinung, dass man als Mutter und Karrierefrau nicht glücklich sein kann?
Fischer: Ach, glücklich. Muss es denn immer gleich alles total glücklich sein? Es wäre doch schon schön, wenn man beides irgendwie vereinbaren könnte und schöne Momente mit seinem Kind und in seinem Job erleben dürfte, ohne überall das Gefühl zu haben, es sei zu wenig, man genüge nicht, die Zeit fehle. Oder man müsse sich dafür rechtfertigen. Ich bin davon überzeugt, dass glückliche Mütter glückliche Kinder haben. Insofern soll jede Frau für sich herausfinden dürfen, wie eine gelungene Vereinbarkeit für sie aussieht. Die eine will zu Hause bleiben, die andere ein bisschen arbeiten, die nächste ganz viel – und das Kind spürt es doch, wenn seine Mami gut drauf ist. Davon abgesehen ist die Mutter auch ein Rollenmodell.

WOMAN: Was müsste sich ändern, damit dies möglich wird?
Fischer: Teilzeit für beide Elternteile, Frauen verdienen das gleiche Gehalt in den selben Berufen wie Männer, mehr Home Office Möglichkeiten, Job-Sharing auch unter Führungskräften.

WOMAN: Was wird ihre Tochter denken, wenn sie später Ihr Buch liest?
Fischer: Ich bin keine Hellseherin, aber ich wünsche mir, dass sie stolz auf mich sein wird, dass ich ehrlich zu mir selbst, zu ihr und zu anderen war, dass ich anderen betroffenen Müttern helfen konnte ihre Situation zu verbessern, denen es sehr viel schlechter geht als mir. Und wenn sie dann sagt: "Also Mama, ihr habt vielleicht in schrägen Zeiten damals gelebt. Bin ich froh, dass ich es heute leichter habe".

Das neue Buch von Sarah Fischer "Die Mutterglück-Lüge. Regretting Motherhood - Warum ich lieber Vater geworden wäre" ist für Euro 17,50 im Buchhandel erhältlich.

Veranstaltungstipp:

Die Buchpräsentation in Wien findet heute, um 19 Uhr im ega (Windmühlgasse 26, 1060 Wien) statt. Anschließend findet eine Diskussion mit Autorin Sarah Fischer und der Frauensekretärin der Wiener SPÖ, LAbg. Nicole Berger-Krotsch statt. Der Eintritt ist frei. Um eine Anmeldung wird aber gebeten: elisabeth.glutenbrunner@ega.or.at

Die Mutterglück-Lüge von Sarah Fischer

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