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Schamlippen-OP: Wenn der Genitalbereich zur Belastung wird

Schamlippenverkleinerungen werden oft mit einem „kranken Schönheitsideal“ in Verbindung gebracht. Die eigentlichen Beweggründe für den Eingriff sind aber ganz andere.

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Schamlippen-OP: Wenn der Genitalbereich zur Belastung wird
© iStock/grinvalds

Dem Wunsch nach Körperoptimierung scheinen keinerlei Grenzen gesetzt zu sein. Das Geschäft mit der Schönheit boomt und es gilt, den natürlichen Alterungsprozess möglichst lange hinauszuzögern. In regelmäßigen Abständen werden neue Entwicklungen angepriesen und revolutionäre Treatments angeboten. Auch für den Genitalbereich, vor allem den weiblichen. „Vaginal rejuvenation“, so der Fachbegriff, umfasst sowohl chirurgische, als auch nicht-chirurgische Techniken wie G-Punkt-Aufspritzungen mittels Hyaluronsäure oder Eigenfett, Venushügelabsaugungen, Vaginalstraffungen und eben auch die Schamlippenverkleinerung. Letztgenannte ist allerdings keine Operation, die Frauen aus ästhetischen Gründen durchführen lassen.

Schmerzen bei Sport und Sex

Idealerweise oder im „Normalfall“ werden die kleinen Schamlippen (Labia minora), die lediglich mit Schleimhaut überzogen sind, von den großen (Labia majora) vollständig verdeckt. Schauen sie heraus, müssen sich Betroffene mit unangenehmen Begleiterscheinungen auseinandersetzen, wie die Plastische Chirurgin Shirin Milani-Helletzgruber erläutert: „Ständiges Wundreiben ist nur eine von vielen unangenehmen Folgen zur großer innerer Schamlippen. Sie können sich beim Sex einklemmen und Schmerzen auslösen, beim Sport stören und sich unter enger Kleidung abzeichnen.“ Die Gründerin des Interdisziplinären Ärztezentrums Moser Milani Medical Spa gilt als Expertin für Intimchirurgie und führt regelmäßig Schamlippenverkleinerungen in ihrem hauseigenen Eingriffsraum durch.

„Ich operiere nur jene Patientinnen, deren Wunsch ich nachvollziehen kann. Nicht selten setzen sie sich mit dem Thema Operation seit Jahren auseinander, erfahren aber vor allem von ihren behandelnden Ärzten kaum Verständnis.“ Die von Shirin Milani-Helletzgruber geschilderten Beweggründe werden im Gespräch mit einer Betroffenen bestätigt. Die Dame, die sich im Alter von 42 Jahren für den Eingriff entschied, erläutert: „Ich war in meinen Alltag stark eingeschränkt. Da ich sehr viel Sport treibe, hatte ich ständig Probleme. Ob Reiten oder längere Fahrradtouren – meine Schamlippen waren danach immer wund oder bluteten sogar.“ Auch der Münchner Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie Stefan Gress weiß: „Bei all den Patientinnen, die ich in den letzten Jahren operiert habe, waren vor allem funktionale Problematiken wie die schmerzhafte Einstülpung der Schamlippen beim Geschlechtsverkehr oder Wundreiben von Belang.“

Psychische Erkrankungen ausschließen

Die Intimchirurgie gilt als Teilbereich der Plastischen Chirurgie und steht vermutlich deshalb regelmäßig in der Kritik. Warum sie von Fachärzten dieser Disziplin ausgeführt werden sollte, weiß Johann Umschaden, Plastischer Chirurg und Primar an der Schwarzklinik in Laßnitzhöhe: „Plastische Chirurgen beschäftigen sich schon im Rahmen ihrer Ausbildung mit Schamlippenverkleinerungen. Des Weiteren fällt auch die Rekonstruktion des Intimbereichs nach Verletzungen oder Entfernung eines Tumors in diesen Fachbereich.“ Sein Kollege Helmut Hoflehner weiß: „Dieser Eingriff muss schonend und exakt durchgeführt werden, um Asymmetrien oder Narbenproblematiken zu vermeiden. Es ist eine Domäne der Plastischen Chirurgie, Gewebe maximal zu schonen.“ Laut Shirin Milani-Helletzgruber ist die Schnittführung, die von Größe und Form der Schamlippen abhängig ist, für den Heilungsverlauf entscheidend. Die Narbenzüge müssten optimal gesetzt werden, um Problemen vorzubeugen. Das Nahtmaterial sei selbstauflösend und nach etwa drei Wochen verschwunden.

Vor dem Eingriff führt sie ein ausführliches Beratungsgespräch, in dem sie unter anderem evaluiert, ob die Patientin psychische Probleme hat. Des Weiteren erläutert sie sämtliche Risiken und mögliche Komplikationen. „Keine meiner Patientinnen hat je von einer Reduktion ihres sexuellen Empfindens erzählt. Vielmehr hat sich ihr Sexualleben verbessert.“ Das bestätigt auch eine Patientin, die sich erst in fortgeschrittenem Alter operieren ließ: „Als ich jung war, sprachen mich meine Sexualpartner auf meine Anomalie an. Ich konnte mich beim Sex nie gänzlich fallen lassen, zumal die inneren Schamlippen ständig im Weg waren. Das hat bei mir ein enormes Schamgefühl ausgelöst, das ich erst nach dem Eingriff ablegen konnte. Mein Sexualleben ist endlich nicht mehr angstbesetzt, ich fühle mich befreit.“

Schamlippen-OP gelten als Tabu

Operationen, die von Fachärzten für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie durchgeführt werden, unterliegen prinzipiell einer kritischen Betrachtungsweise. Vermutlich empfinden Frauen, die den Wunsch hegen, sich einer Schamlippenverkleinerung zu unterziehen, dies deshalb oftmals als Tabu. Gespräche mit Patientinnen offenbaren allerdings die wahren Beweggründe, die vielleicht nicht jeder nachvollziehen kann, aber wünschenswerterweise respektieren sollte. Ob Broschüren wie jene der BritSPAG (British Society for Paediatric and Adolescent Gynaecology) mit dem Titel „So what is a vulva anyway?“ zu einem größeren Verständnis bzw. mehr Wohlbefinden bei Betroffenen beiträgt, ist fraglich. Die Broschüre will Heranwachsenden vermitteln, dass sie mit der Vulva leben sollten, die sie von Natur aus ihr Eigen nennen. Eine junge Patientin erklärt dazu, sie habe sich die Entscheidung, mit jemandem über ihren Wunsch, sich operieren bzw. den Eingriff durchführen zu lassen, nicht leicht gemacht. „Der Eindruck, dass es sich um ein Tabuthema handelt, bestätigt sich leider in Gesprächen und in Bezug auf die Berichterstattung immer wieder.“

Zur Autorin: Sonja Streit ist freie Medizinjournalistin in Wien und u.a. auf plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie sowie Nervenchirurgie spezialisiert.