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Schauspielerin Nina Hoss im WOMAN-Interview: „Bin kein Opfer-Typ!“

Die deutsche Aktrice, bei den Bregenzer Festspielen in „Öl“ zu sehen, setzt sich für mehr als Kleider und Partys ein. Sie arbeitet mit Indianern im Regenwald, zählt auf starke Frauen und Menschen, die über sich selbst lachen können.


Schauspielerin Nina Hoss im WOMAN-Interview: „Bin kein Opfer-Typ!“

Vormittags erreichen wir sie noch in ihrer Berliner Wohnung, abends wird sie bereits in Hamburg die Kissen drücken. „Wir drehen dort den Kinofilm ,Das Fenster zum Sommer‘“, erzählt Nina Hoss, 35, und fügt gleich an, dass sie sehr gerne reist. Auch auf den baldigen Trip nach Österreich, wo sie im Rahmen der Bregenzer Festspiele in „Öl“ (19.–21. August, Theater am Kornmarkt) die Hauptrolle geben wird, freut sie sich schon. Sie spielt Eva, die mit ihrem Mann in ein fremdes Land ging, wo dieser nach Öl sucht. Je länger der Traum vom großen Geld unerfüllt bleibt, umso mehr zieht sich Eva in das Haus zurück, in dem sie auf ihren Mann wartet. Dabei verfällt sie auf seltsame Gedanken. Für Hoss, Tochter einer Schauspielerin und eines Grünen-Politikers, der Stoff, aus dem die Alpträume sind. Ausbeutung und Umweltprobleme lassen sie nicht kalt. Wir sprachen mit der hochkarätigen Mimin darüber, aber auch über Schönheit, Abhängigkeiten und die lustigen Engländer.

WOMAN: Hat man es als schöner Mensch nur leichter im Leben, oder gibt es auch Nachteile?

Hoss: Immer wenn ich darauf angesprochen werde, denke ich erst mal: Wen meinen die denn? Selbst sieht man sich immer anders, und ich bin ja auch keine Modelschönheit. Es war jedenfalls noch nie so, dass ich eine Rolle nicht bekommen hätte, weil jemand meinte: Du siehst zu hübsch aus. Oder dass man mir Sachen nicht zutraut, weil ich blond bin (lacht) . Aber ich bin in den Beruf ja auch nicht als süßes kleines Mädchen eingestiegen, sondern hatte das Glück, von Anfang an Charakterrollen spielen zu dürfen. So wie „Das Mädchen Rosemarie“ mit 19.

WOMAN: In Bregenz verkörpern Sie eine Frau mit sehr zwiespältigem Charakter. Sie sitzt in einem Keller und wartet darauf, dass ihr Mann Öl findet, damit endlich das große Geld ins Haus kommt.

Hoss: Ja, eine sehr spannende Rolle. Der Stoff lässt sich auf viele Lebensmodelle übertragen. Wenn Menschen nur darauf warten, dass endlich das große Glück kommt, und das wirkliche Leben gar nicht wahrgenommen wird. Indem man denkt, es wird irgendwann besser, verpasst man sein Leben. Und dann gibt’s natürlich den politischen Aspekt: dass unsere Gesellschaft auf Öl basiert, dass wir andere Länder ausgebeutet haben, um unseren Wohlstand zu wahren. Die Fragen gibt’s nicht nur in dem Stück: Wie weit können wir das ausblenden, und wie weit haben wir ein schlechtes Gewissen?

WOMAN: Haben Sie eines?

Hoss: Ich hab ein ungutes Gefühl, dass wir allesamt offenen Auges in die Katastrophe rennen. Und uns später von unseren Kindern sagen lassen müssen: Aber ihr habt das doch gewusst, warum habt ihr nichts getan? Es ist bedrückend, dass es nicht möglich zu sein scheint, schwerfällige Menschenmassen zu bewegen und zu sagen: Wir müssen bitte was tun. Sonst leben wir bald in einem völlig veränderten Klima, und die Erde geht ein. Das geht mir schon sehr im Kopf herum.

WOMAN: Wie weit gehen Ihnen bestimmte Rollen an die Nieren? Zum Beispiel, als Sie in „Anonyma“ ein Vergewaltigungsopfer spielten?

Hoss: Man beschäftigt sich als Vorbereitung Monate mit so
einer Rolle, und deshalb geht einem das sehr wohl nahe. Aber es ist in keinster Weise so, als hätte man es erlebt. Ich kann da ja dann auch schnell wieder raus. Ich hab ja praktisch so viele Leben gespielt, die könnt ich in Wirklichkeit niemals leben. Aber das ist gerade das Faszinierende an dem Beruf – weil man auch so viel mitbekommt, was alles hätte sein können und was Schicksalsschläge bedeuten.

LESEN Sie das gesamte Interview in WOMAN 16/2010!

Interview: Miriam Berger