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Das Schicksal der Frauen auf der Flucht

Im Flüchtlingsstrom nach Europa befinden sich Frauen, die markerschütternde Geschichten vom Überleben und von unbeschreiblichem Mut zu erzählen haben.

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weibliche Flüchtlinge
© Getty Images

Welche Geschichte steckt hinter den Gesichtern derer, die alles hinter sich lassen mussten und ins Ungewisse flüchteten? Arwa Damon, Korrespondentin bei CNN, hat bei drei Frauen nachgefragt:

Hiba

Es war im Sommer 2015 am Hauptbahnhof von Budapest, wo Tausende in der Hitze warteten, auf dem Boden lebten, sich an den neuen Wasserhähnen wuschen. Irgendetwas war da in Hibas Körperhaltung, in ihrem starren Blick.

Zuhause in Syrien, sagte Hiba, die Absolventin eines Jurastudiums, habe sie ein wunderschönes Zuhause, ein Auto, ein Geschäft besessen – alles habe der Krieg dahingerafft. Sie war müde und egal, wie sehr sie auch versuchte sich zu waschen, dreckig. Ihre Hände und Füße waren mit halbverheilten Wunden übersät. Spuren, die ihre Flucht aus den ungarischen Auffanglagern auf ihrem Körper zurückgelassen hatte.

„Sie gaben uns einmal am Tag Wasser und etwas zu essen“, erklärte sie. „Sie schleuderten uns das Wasser entgegen und wir mussten darum rangeln wie Tiere.“

Hiba legte den Weg mit Verwandten zurück. Gemeinsam mit ihrem Ehemann hatte sie entschieden, dass es besser sei, wenn er bei den Kindern bleibe und versuche, ihr Leben zu retten. Sie würde sich dann später für einen Familienzusammenführung bewerben und ihnen auf diese Weise das Lotteriespiel der Flucht über das Meer von der Türkei nach Griechenland sowie die Demütigung des Flüchtlingstrecks durch Europa ersparen.

„Ich habe solch schreckliche Angst, dass meine Kinder sterben bevor ich sie aus Syrien herausholen kann“, sagte sie und wischte sich dabei sanft ihre Tränen aus dem Gesicht. „Jedes Mal wenn ich mit ihnen spreche, sage ich ihnen, alles sei in bester Ordnung, dass ihre Mutter sie bald wiedersehen und in den Arm nehmen werde. Ich fürchte mich panisch vor dem Gedanken, dass ich sie damit anlüge.“

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Frau mit Kind in einem Flüchtlingslager im griechischen Idomeni.

Hanan

Im irakischen Kurdistan, in einem Lager in der Nähe der Frontlinien des IS, trafen wir die neunzehnjährige Hanan. Sie war eine von tausenden jesidischen Frauen und Mädchen, die der IS gefangen nahm, als er im August 2014 die Stadt Sindschar überrollte.

In der vierten Ausgabe von Dabiq, dem Online-Magazin des IS, umriss ein Artikel mit dem Namen „Das Wiederaufleben der Sklaverei im rechten Moment“ die perfide Rechtfertigung sowie Richtlinien für die Versklavung der Jesiden.

„Man muss stets bedenken, dass die Versklavung der Kuffar (übersetzt: Ungläubigen) sowie das Übernehmen ihrer Frauen als Konkubinen ein bestens bewährter Teil der Scharia ist“, kann man in diesem Artikel lesen. Frauen und Mädchen wurden von den Kämpfern des IS getauscht, verkauft und untereinander als Geschenke vermacht.

„Sie haben uns an unseren Haaren davongezogen“, sagt Hanan. „Sie nahmen verheiratete Frauen genauso wie junge Mädchen mit. Die Jüngste von uns war erst zehn Jahre alt. Wir weinten alle. Sie sagten, sie werden uns verheiraten – und, dass wir unsere Familie vergessen könnten.“

Die Gruppe wurde in ein Gebäude in Mosul verschleppt, das Hanan später als Sex-Sklaven-Lagerhalle beschrieb. Hunderte seien dort festgehalten worden. „Die Männer kamen herein, beschrieben den Typ Mädchen, den sie gerne haben wollten und dann suchten sie sich eben aus, was ihnen gefiel und wie es ihnen gefiel.“

Nachdem Hanan einmal ausgewählt worden war, brachte man sie in ein Haus in einem nahegelegenen Dorf.

„Sie brachten ein jesidisches Mädchen herein, das seit zwei Monaten dort gewesen war“, erklärt Hanan. „Sie sagten zu uns: ‚Wir werden mit euch das machen, was wir auch mit ihr gemacht haben.‘ Das Mädchen sprach auf Kurdisch mit uns und sagte: ‚Sie haben mich geschlagen, sie haben mich gefesselt und sie haben mich vergewaltigt.‘“

Hanan und die anderen beschlossen zu fliehen. In der folgenden Nacht kletterten sie aus dem Schlafzimmerfenster.

„Das vierte Mädchen sprang hinaus, ich war die Fünfte. Ich krabbelte zur Mauer, und gerade als ich darüber springen wollte, sah ich ihre Taschenlampe. Die letzten beiden Mädchen schafften es nicht mehr und wurden erwischt.“

Hanan und die anderen rannten und schafften es irgendwie zu entkommen. Sie stolperten durch die Dunkelheit und wussten nicht einmal genau, wohin sie überhaupt gingen. Es war pures Glück, dass sie vier Stunden später aus dem Territorium des IS entkommen waren.

„Wenn ich nur jemanden mit einem Bart sehe, beginne zu zittern“, sagte sie. Obwohl sie physisch nicht mehr eingesperrt ist, wird sie nun von dem gequält, was sie erlebt hat und was jene, die sich noch immer in der Hand des IS befinden, durchmachen müssen.

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Frau mit Baby wartet an der serbisch-kroatischen Grenze darauf, weiter ziehen zu dürfen.

Taqiye

Taqiye Osman sitzt mit ihrer Tochter und zwei Nichten in einem winzigen Zelt. Seit einer Woche warten sie darauf, von Griechenland aus nach Mazedonien reisen zu können.

Sie alle sind aus Al-Bab, einer Stadt nördlich von Aleppo, an einer der Hauptstraßen zur türkischen Grenze gelegen. Al-Bab war eine der ersten Gegenden in der Provinz, die gegen das Regime protestierte. Als Reaktion darauf wurde die Stadt schwer bombardiert.

„Jeden Tag gab es dutzende über dutzende Angriffe. Wir schafften es, die Regeln des IS zu überleben, doch nicht die Luftschläge“, sagt Tagiye. Sie benötigte fünf entsetzliche Versuche, bis sie endlich fliehen konnte. „Jedes Mal nahmen sie uns gefangen. Sie schrien uns an und drohten uns. Sie sagten: ‚Wie könnt ihr es wagen, zu fliehen und ins Land der Ungläubigen gehen‘“, erinnerte sie sich. „Letztendlich konnten wir auf Motorrädern entkommen. Es war mitten in der Nacht und es regnete.“

Wäre sie geblieben, wäre sie mittlerweile mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht mehr am Leben. „Zwanzig Tage nachdem wir geflohen waren, erzählte man mir, dass unser Haus direkt getroffen worden war“, sagte sie uns.

Es ist einen Monat her, seit sie mit ihren Töchtern gesprochen hat, damals noch in Syrien. Taqiye ist fünfzig Jahre alt und die Tortur der Flucht, das Trauma der Überfahrt mit dem Boot, das Leben auf der Straße und auch die Hilflosigkeit, weder über die eigene noch die Zukunft ihrer Kinder Kontrolle zu haben, ist mehr als sie ertragen kann.

Diese Frauen sind nur einige von zahllosen Beispielen, die wir getroffen haben. Jede hat ihre eigene Geschichte von Schmerz, Überleben und Entschlossenheit zu erzählen; vom Kampf – nicht nur gegen die verschwindend geringen Erfolgsaussichten, sondern gegen die inneren Dämonen, von denen sie jetzt gemartert werden.

Dieser Text erschien auf Englisch in der Freedom Project-Reihe, in der sich CNN für den Kampf gegen Menschenhandel einsetzt. Unter dem Hashtag #CNNFreedom erfährst du mehr zum Engagement gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel.

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