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OberstufenschülerInnen im Fokus: So geht es ihnen wirklich

Die Schulen bleiben voraussichtlich bis Semesterende geschlossen. Wie eine Umfrage zeigt, sind die SchülerInnen zunehmend verzweifelt. Wir sprachen mit der Co-Autorin der Studie und haben Jugendliche zur aktuellen Lage befragt.

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teenager schule

Seit 3. November befinden sich die OberstufenschülerInnen im Distance Learning

© iStock

Laut Medienberichten sollen die Schulen bis zum Semesterende geschlossen bleiben. Eine offizielle Bestätigung seitens des Bildungsministeriums steht allerdings noch aus. Das Semesterende markiert den Zeitraum zwischen 1. und 15. Februar. Grundlage für diese Entscheidung sei die Virusmutation, die auch Großbritanniens Schülerinnen und Schüler wieder ins Distance Learning zurückkatapultierte, so die Spekulationen. Bis Mitte Februar befinden sich die Britinnen und Briten nun im Lockdown. In der Tiroler Gemeinde Jochberg (Bezirk Kitzbühel) liegt in 17 Fällen der konkrete Verdacht auf die Coronavirus-Mutation vor.

In Österreich hätte der Präsenzunterricht am 18. Jänner starten sollen. Laut einer aktuellen Studie sollen Österreichs SchülerInnen die Öffnung herbeisehnen – geringe Lernfreude und Notendruck machen das Distance Learning zunehmend schwieriger.

Wie geht es den Schülerinnen und Schülern wirklich?

"Wer redet wirklich über die OberstufenschülerInnen?", fragt Professor Christiane Spiel, eine der drei Co-AutorInnen der Studie "Lernen unter COVID-19-Bedingungen". Auf den ersten Blick sieht es zumindest so aus, als würde gerade recht viel über SchülerInnen berichtet werden. Schließlich liest man fast täglich über die fünf Millionen Selbsttests, die man den SchülerInnen mitgeben wird, über das Distance Learning und natürlich über die Belastung der Eltern. Aber geht es dabei wirklich um die Bedürfnisse der betroffenen jungen Menschen?

Genau auf diese Frage wollte die oben genannte Studie näher eingehen: Mehr als 13.000 Personen im Alter zwischen zehn und 21 Jahren machten im Netz mit. Der Fokus lag dabei auf dem Vergleich zwischen dem aktuellen und dem ersten Lockdown. Hatten sich die Fähigkeiten der SchülerInnen in Bezug auf Selbstorganisation verbessert oder verschlechtert? Und wie sieht es mit ihrem allgemeinen Wohlbefinden aus?

Keine Lernfreude trotz wachsender Kompetenzen

Das erschütternde Ergebnis: Fast doppelt so viele OberstufenschülerInnen wie PflichtschülerInnen vermerkten eine Verschlechterung ihrer Lernfreude. Und das, obwohl sie gleichzeitig besser mit dem Distance Learning zurechtkommen als im letzten Frühjahr. Auch stecken die älteren SchülerInnen viel mehr Zeit in die Schule: 80 Prozent der Befragten gaben an, etwa acht Stunden am Tag mit Lernen zu verbringen – und das vor allem vor dem PC. Alle, die selbst tagtäglich so viel Zeit mit Computer-Arbeit verbringen, wissen, wie anstrengend das sein kann. Hinzu kommt der gestiegene Leistungsdruck. Statt mehreren Schularbeiten und Tests hängen Noten nun häufig von einem einzigen Leistungsnachweis ab. Keine Chance, sich beim nächsten Mal doch noch zu verbessern.

Christiane Spiel, Bildungspsychologin und Co-Autorin der Studie "Lernen unter COVID-19-Bedingungen".


Doch dies sind nicht die einzigen Gründe, warum die älteren SchülerInnen verzweifeln: "Es hat auch mit dem Alter zu tun. Sie stecken gerade in der Zeit der Identitätsfindung." , so die Bildungspsychologin Christiane Spiel im Gespräch mit WOMAN. "Die Jugendlichen beginnen, sich von ihrer Familie abzulösen, selbstständiger zu werden. Deshalb sind die FreundInnen auch so wichtig in dieser Phase. Und die können sie ja nicht sehen! Sie fragen sich außerdem, wie es mit ihnen in Zukunft weitergehen wird und wo ihr Platz im Leben ist. Auch wäre es nun eigentlich die Zeit, in der sie viele verschiedene Dinge erproben – eine Zeit, die lustig sein sollte."

Doch davon kann zurzeit nicht die Rede sein, denn: "Sie wissen, dass die Zukunft trist aussieht!", erklärt die Bildungspsychologin. "Sie sehen, dass sehr viel Geld ausgegeben wird. Doch irgendwann muss man diese Schulden auch zurückzahlen. Und das wird auf die nächste Generation zurückfallen. Außerdem darf man den Klimawandel nicht vergessen. Und wir haben ja bei den 'Fridays For Future'-Demonstrationen gesehen, dass ihnen das nicht egal ist. Die Jugendlichen haben das Gefühl, dass niemand für sie da ist."

Österreichs OberstufenschülerInnen seit 3. November im Distance Learning

Das Licht am Ende des Tunnels hätte die baldige Öffnung der Schulen sein sollen. Nun dürfte sich diese bis zum Ende der Semesterferien hinauszögern. Die Gespräche würden derzeit noch laufen. Laut Christiane Spiel sei es immens wichtig, einen regelmäßigen Schulbetrieb aufrechtzuerhalten: "Obwohl diese schwierige Zeit sicher ihre Selbstorganisation gefördert hat, brauchen sie ihr gewohntes Umfeld, ihre FreundInnen, um sich wieder für das Lernen motivieren zu können."

"Testen ist die einzige Antwort", so der Bildungsminister auf die Frage, wie die Schulöffnung wieder gelingen könnte. Deshalb hätten die Schulen mit "Anterio-Nasal-Tests" ausgestattet werden sollen. Diese Tests seien freiwillig und so leicht durchzuführen wie "Nasenbohren". Da dieser Plan erst nach Veröffentlichung der Studie von Professor Spiel verkündet wurde, konnten die WissenschaftlerInnen die SchülerInnen nicht dazu befragen. Jedoch lässt sich aus den Antworten der Jugendlichen herauslesen, dass sie durchaus ein Verständnis für die aktuellen Hygienemaßnahmen haben: Fast 80 Prozent der Befragten gab an, sich eher bis sehr an die Maßnahmen zu halten.

Eine repräsentative Studie?

Die Bildungspsychologin warnt davor, jene zu vergessen, die nicht an der Studie teilnehmen konnten, sodass man von einer positiven Selektion sprechen kann: "Darunter versteht man, dass natürlich nur jene SchülerInnen mitgemacht haben, die einen Internetanschluss haben. Jene, die ganz aus dem Distance Learning rausgefallen oder kaum noch zu motivieren sind, konnten wir nicht erreichen. Deshalb muss man die Ergebnisse der Studie auch als positive Überschätzung betrachten."

jugendliche corona
Gemeinsam Zeit verbringen und einfach nur Spaß haben – das vermissen Jugendliche schmerzlich.


Jetzt kommen die Jugendlichen zu Wort:

Wir haben mit jungen Menschen gesprochen und sie gefragt, was sie beschäftigt, welche Sorgen sie gerade haben und wie sie in die Zukunft blicken.

Livia, 15: "Der Notendruck steigt enorm"

"Es fällt einem schwer positiv zu bleiben und das Gute zu sehen, das Distance Learning dauert mit Unterbrechungen mittlerweile fast ein Jahr und die Arbeit und der Druck – besonders jetzt um die Noten – steigt enorm. Manchmal wissen wir nicht mehr, ob wir alles schaffen können und trotzdem haben wir es bis hierher recht gut gemacht. Ein bisschen gewöhnt man sich daran, aber trotzdem hoffen wir alle, dass die Zukunft besser aussieht. Man muss sich auch mal Zeit für sich nehmen und sich entspannen, so werden wir es sicher schaffen."

Teresa, 18: "Es wird alles irgendwann vorbeigehen."

"Ich habe mich zum Glück vor allem im ersten Lockdown gut zurechtgefunden mit den ganzen plötzlichen Umstellungen im Leben. Ich habe sehr viel Sport gemacht und sogar das E-Learning hat am Anfang auch Spaß gemacht. Jetzt ist es doch etwas anderes. Ich kann mein letztes Schuljahr nicht mit den Freunden im Klassenzimmer verbringen, die ich in Zukunft vielleicht nicht mehr so oft sehen werde. An der Psyche zerrt alles auch schon, aber es wird schon irgendwann wieder vorbeigehen."

Claudia, 18: "Ich hätte echt gerne wieder meinen Alltag zurück."

"Unglaublich, dass uns das jetzt schon bald ein ganzes Jahr begleitet. Eigentlich ist es mir im ersten Lockdown nicht so schwer gefallen mich an die Situation zu gewöhnen (das ist natürlich ein ziemliches Privileg) – ich hab mich mit Sport abgelenkt und bin im schönen Wetter spazieren gegangen. Jetzt im zweiten und dritten Lockdown ist es auf jeden Fall schwieriger, positiv zu bleiben. Ich bin jetzt in der 8. Klasse und kann mein letztes Jahr Schule überhaupt nicht genießen. Ich hätte echt gern wieder meinen Alltag zurück, ob mit oder ohne Maske – das ist mir echt egal. Ich mag meine Freunde wiedersehen und meine Jugend ein bisschen mehr genießen können."

Tobias, 15: "Ich versuche, das Beste aus dem Online-Unterricht herauszuholen"

"Ich glaube es geht nicht nur mir so, dass es einem mittlerweile schon echt bis zum Hals steht und man einfach nur noch ins „normale“ Alltagsleben zurückkehren möchte. Dazu kommt jetzt noch der Schuldruck für Schüler und Schülerinnen und auch für Lehrer und Lehrerinnen. Schularbeit/Tests ja nein? Das ist eine Frage, die in viel Schulen unterschiedlich entschieden wird. In meiner Schule werden nur Schularbeiten und keine Tests geschrieben, was ich sehr gut finde, denn so kann man sich sehr gut auf das Wesentliche, nämlich die Hauptfächer, konzentrieren und hat nicht so viel Stress. Ich weiß damit sehr gut umzugehen und bemühe mich sehr das Beste aus dem Online-Unterricht herauszuholen, um nun die 6. Klasse gut abzuschließen."

Jonas, 15: "Man kann ein Nicht-Genügend schwer ausbessern"

"Ich finde es gut, dass wir im erneuten Homeschooling endlich mehr Online-Unterricht haben und keine Unmengen an Stoff selbst erarbeiten müssen wie es im Frühjahr der Fall war. Jedoch habe ich Bedenken bezüglich der Benotung in diesem Semester. An meiner Schule gibt es das System der neuen Oberstufe, das heißt wir bekommen keine Schulnachricht sondern jedes Semester zählt einzeln und muss dementsprechend auch positiv abgeschlossen werden. Jedoch würde es für sehr viele Schüler knapp werden sich auszubessern, sollten sie auf einem Nicht Genügend stehen."

Lea, 16: "Man kann nicht spontan fragen, wenn man etwas nicht versteht"

"Mittlerweile wird es auch für mich sehr schwierig, mich zum Lernen von zu Hause aus zu motivieren. Obwohl LehrerInnen und SchülerInnen mittlerweile gut eingespielt sind, reicht es glaube ich jedem langsam. Schule bedeutet nicht nur Lernen, der soziale Faktor spielt eine große Rolle- das habe ich in den letzten Monaten auf jeden Fall gelernt. Der Druck bezüglich Noten steigt jetzt gegen Ende des Semesters natürlich sehr. Es ist einfach sehr schwer, Inhalte selbst zu erarbeiten und nicht spontan fragen zu können, wenn man etwas nicht versteht."

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