Ressort
Du befindest dich hier:

Willkommen in der Schule (des Lebens): Erstklässler in Zeiten von Corona

"Das ganze Jahr über habe ich meinem Kind erzählt, wie aufregend es wird, wenn es endlich in die Schule kommt." – Und dann kam alles anders. Wir bewundern unsere Autorin Susanne, die als Mama von zwei Buben (4 & 6 Jahre) der aktuellen Situation dennoch so viel Humor abgewinnen kann ...

von

Willkommen in der Schule (des Lebens): Erstklässler in Zeiten von Corona
© iStock

Juhu, Semesterferien! Zeugnis, Freunde treffen, Ausflüge machen, ausschlafen! Oder auch nicht. Die ersten Semesterferien meines Großen haben wir uns alle anders vorgestellt. Genauso wie sein gesamtes erstes Schuljahr. Gut, das mit dem Ausschlafen ginge theoretisch immer noch – aber sagen wir so: Mein Sohn hat gern so viel wie möglich vom Tag.

Vom restlichen Ferienprogramm ist in Zeiten der Pandemie leider nicht viel geblieben. Stimmt ja, eigentlich wäre momentan gar kein harter Lockdown! Aber irgendwie fühlt sich Nicht-Lockdown momentan verdächtig gleich wie Lockdown an. Und Ferien wie (Heim-)Schule. Und Sonntag wie Dienstag.

So sitzen wir nach gefühlten 100 Jahren Home Schooling also auch in den Salzburger Semesterferien großteils zu Hause und spielen zur Abwechslung mal ein Brettspiel. Weil das haben wir im letzten Jahr nämlich überhaupt noch nie gemacht!

Ich will jetzt gar nicht über den Sinn oder Unsinn der Schulschließungen diskutieren. Ob man das alles hätte anders regeln können. Und auch nicht darüber, wie lange die Schulen nach Ende der Ferien wohl offenbleiben werden.

Eigentlich will ich nur jemanden anbrüllen und abwatschen. Neeein, es braucht keiner das Jugendamt zu rufen, natürlich nicht mein Kind! Auch nicht den Basti oder den Rudi oder irgendeinen schlauen Virologen. Am liebsten wäre mir derjenige, der uns den ganzen Corona-Mist eingebrockt hat. Da es aber nicht danach aussieht, als würden sie die schuldige Fledermaus demnächst in Handschellen abführen und weil ich diese dann aus Tierschutzgründen sowieso nicht verhauen wollen würde, muss ich mich wohl inzwischen mit einem Boxsack zufrieden geben (den ich mir jetzt gar nicht mehr online beim Kaufhaus Österreich kaufen kann, oje).

»Fest steht: Ich bin sauer. Und zwar so richtig. Eine-Woche-Hausarrest-und-auch-kein-Fernsehen-sauer.«

Fest steht jedenfalls: Ich bin sauer. Und zwar so richtig. Eine-Woche-Hausarrest-und-auch-kein-Fernsehen-sauer. Denn was mein Kind da gerade als erstes Schuljahr erlebt, ist ja wohl der schlechteste Witz aller Zeiten!

Als mein Ältester im Frühjahr 2020 seine Schulreifefeststellung hatte, war die Welt noch vergleichsweise in Ordnung. Sicher, auch damals gab es schon vereinzelte Witze, ob wir ihm statt einer Schultasche für den Herbst nicht lieber einen guten Drucker kaufen sollten. Aber so richtig geglaubt hat damals noch keiner (oder zumindest ich nicht), dass im Herbst nicht alles wieder normaler sein würde.

Das ganze Jahr über habe ich meinem Kind erzählt, wie toll und aufregend es werden würde, wenn es endlich in die Schule kommt. Wie viele coole Sachen er mit seiner Klasse unternehmen würde! Wäre ich er, würde ich mir mittlerweile ganz schön verarscht vorkommen.

»Hättet ihr euch gedacht, dass ihr mal überlegen würdet, ob ihr eurem Taferlklassler statt Gummibärli lieber ein Flascherl Sagrotan in die Schultüte packt?!«

Denn was dann kam, war weder toll, noch aufregend oder cool. Bereits am ersten Schultag war offensichtlich, dass dieses Jahr alles andere als normal werden würde. Oder hättet ihr euch gedacht, dass ihr mal überlegen würdet, ob ihr eurem Taferlklassler statt Gummibärli und Filzstiften lieber eine Maske (und zwar keine Ninja-Turtles-Faschingsmaske) und ein Flascherl Sagrotan in die Schultüte packt?!

Und ja, vielleicht war es für mein Kind gar nicht so schlimm, dass es an seinem ersten Tag ohne elterliche Eskorte, dafür mit coolem Echsen-MNS ins Schulgebäude stapfen musste. Aber ich kann euch sagen, das Mamaherz blutet, wenn ihr euren Nachwuchs an seinem großen Tag nicht begleiten dürft, nicht sein Klassenzimmer, seinen Sitznachbarn oder auch nur seine Lehrerin aus der Nähe sehen könnt. Kurz habe ich überlegt, ob ich mir an der Fensterscheibe die Nase plattdrücken soll, um ihm zu winken, aber dann habe ich eingesehen, dass ich meinem Kind noch oft genug im Leben peinlich sein werde.

Die ersten Wochen in der Schule waren wahnsinnig aufregend und wahnsinnig desillusionierend zugleich. Die erste Hausübung! Die erste große Pause (aber nur getrennt von den anderen Kindern)! Die erste Musikstunde (aber nur mit MNS!)! Das erste Mal Turnen (aber nur im Freien)! Die erste Lesenacht, der erste Wandertag, der erste Zirkus-Workshop – abgesagt, abgesagt, abgesagt! Stattdessen: Hände waschen, lüften, desinfizieren, Abstand halten, Maske tragen …

Trotz allem war mein Sohn Feuer und Flamme und freute sich jeden Tag auf die Schule – bis es nach wenigen Wochen hieß: Klappe zu, Affe tot bzw. Schule zu, Motivation tot. Das Damoklesschwert Distance Learning hatte uns also doch noch erwischt.

Und wie gesagt, über die Notwendigkeit will ich gar nicht streiten. Ich will mich noch nicht mal darüber beschweren, wie Home Schooling funktionieren soll, wenn man daneben ein Kindergartenkind und einen Beruf hat. Und ich will auch keine moralische Diskussion darüber vom Zaun brechen, wer sein Kind wann in die Notbetreuung bringen hätte dürfen, sollen oder müssen.

Aber was ich sagen will ist: Home Schooling ist kein adäquater Ersatz für die echte Schule! Schon gar nicht, wenn man als Erstklässler nach ein paar Wochen noch nicht einmal genau weiß, was Schule eigentlich heißt.

Ich habe mich wirklich nach Kräften bemüht, das Distance Learning für meinen Sohn so sinnvoll und lustig zu gestalten, wie es eben geht. Aber ganz ehrlich: Habt ihr schon mal versucht, einem Sechsjährigen, der heute einfach keinen Bock hat, auf lustige Weise das Minusrechnen beizubringen oder mit ihm einen knuffigen T-Tiger zum Lernen der Buchstaben zu basteln?!

»Es gibt einen guten Grund dafür, dass ich keine Lehrerin geworden bin – weil ich dafür einfach nicht geeignet bin!«

Es gibt einen guten Grund dafür, dass ich keine Lehrerin geworden bin – weil ich dafür einfach nicht geeignet bin! Ich weiß nicht, wie man einem Kind die Uhr so erklärt, dass es auch ankommt. Ich habe keine Ahnung, wie man das Zerlegen des 10er-Zahlen-Hauses zum Partyspaß macht. Und ich verliere auch mal die Nerven, wenn das Kind in 20 Minuten genau EIN Wort geschrieben hat, weil es abwechselnd aus dem Fenster schauen, seine Stifte sortieren, Brösel vom Tisch aufpicken oder in der Nase bohren muss. Ich verstehe den kleinen Jungen sehr gut, der gemeint hat, er freut sich schon wieder auf die Schule, weil da "keine böse Frau mehr neben ihm sitzt". Und ich finde, dass jeder Volkschullehrerin, die das im Normalfall jeden Tag mal 20 hat, ein Friedensnobelpreis gebührt!

Und trotzdem habe ich mit meinem Kind nach bestem Wissen und Gewissen gelesen, geschrieben und gerechnet. Ich habe mit ihm Kastanien zusammengezählt, Schneemänner gemalt, Ansagen angesagt, Clowns gebastelt und Kinderyoga gemacht (Okay, stimmt nicht, das habe ich geschwänzt. Tschuldige, Frau Lehrerin!).

Auch mein Kind hat in dieser Zeit sein Bestes gegeben. Er hat gelernt, wie viel 8 minus 4 ist, wie man ein kleines „f“ schreibt und dass man die Mama vor dem ersten Kaffee nur bedingt zum Silbenbögenklatschen motivieren kann. Eigentlich hätte er in seinem ersten Schulhalbjahr aber meiner Meinung nach auch ganz andere Dinge lernen müssen.

Wie man neue Freunde findet. Welche Spiele in der Pause am meisten Spaß machen. Wie man am besten unentdeckt mit dem Banknachbarn ratscht. Wie man auf Schulausflügen seine Jause mit den anderen teilt. Wie man etwas von einer Erwachsenen lernt, die nicht auch gleichzeitig die eigenen Unterhosen wäscht.

Diese vielen kleinen und großen Dinge, der erste Schultag, der erste Zeugnistag, die ersten Ferien, der erste Schulfasching – das alles sind erste Male, die man nicht nachholen kann. Stattdessen gibt's das erste Mal Nasenbohrer-Test oder das erste Mal Quarantäne. Und jeden Tag genervte Mamas und Papas, die an ihrer Rolle als Neo-Lehrer verzweifeln. Das macht mich traurig und wütend, weil ich ihm und allen anderen Erstklässlern etwas anderes gewünscht hätte.

Nicht nur den Erstklässlern, auch den Maturanten, die eigentlich ihre neue Freiheit ausleben und nicht zu Hause sitzen wollten. Den 16-Jährigen, die auf ihr erstes Festival fahren wollten. Den 11-Jährigen, die in der höheren Schule ihre neuen Klassenkameraden noch kaum zu Gesicht bekommen haben. Die 8-Jährigen, die diesen ganzen Mist schon das zweite Jahr mitmachen. Sie alle tun mir leid – und alle Eltern (und Lehrer) gleich dazu.

Ich hoffe, dass es das alles rückblickend wert gewesen sein wird. Dass unsere Kinder trotzdem stark, glücklich und gescheit durchs Leben gehen werden. Und dass ich nach diesem Jahr nie wieder einen lustigen Kleinbuchstaben aus Glitzerpapier basteln muss.

Über die Autorin: Susanne Holzer ist freie Autorin aus Salzburg. Gemeinsam mit Sybille Maier-Ginther schreibt sie im ehrlichen Mama-Blog "Hand aufs Herz" darüber, wie das Leben mit Kind wirklich ist. Mehr von den beiden gibt’s auf Facebook/HandaufsHerzblog.

Themen: Eltern, Kinder

WOMAN Community

Deine Meinung ist wichtig! Registriere dich jetzt und beteilige dich an Diskussionen.

Jetzt registrieren!

Schon dabei? .