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Schulen schließen? Kinder sind nicht infektiös? Ein Thema, das Wissenschaft und Gesellschaft entzweit?

Jeder Tag beginnt mit neuen Meldungen rund um Corona. Im Brennpunkt: die Schulen. Einige fürchten, einige hoffen, dass diese geschlossen werden.

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Schulen schließen? Kinder sind nicht infektiös? Ein Thema, das Wissenschaft und Gesellschaft entzweit?
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Aktuell gibt es in Österreich 64.704 aktive Covid-19-Fälle (Stand 10. 11. 20) und es werden täglich um tausende mehr. Erschreckende Zahlen, die durch den aktuellen Teil-Lockdown gebremst werden sollen. Aber viele befürchten, dass dieser zu spät kam und es nun drastischere Maßnahmen brauchen würde, um die grassierenden Infektionen einzudämmen.

Ein Punkt, der dabei immer zur Sprache kommt: Sollen die Schulen offen bleiben oder geschlossen werden? Aktuell sind Kindergärten, Volksschulen sowie die Unterstufe weiterhin offen und nur die Oberstufe auf Distance Learning von Zuhause aus umgestellt.

Zwei Drittel aller Eltern wünschen sich, dass die 6- bis 14-Jährigen in der Schule bleiben, da sie Bildungsnachteile fürchten sowie den Heimunterricht als große Belastung für Kinder und Eltern ansehen. Das besagt eine Umfrage im Auftrag des Bildungsministeriums. Und genau dort verweist man zum Thema Schulschließungen auf die „vielfältige Forschungslage“ und gibt an, eine Balance zwischen Gesundheitsschutz und dem Recht auf Bildung zu suchen.

Welche Rolle spielen Schulen in der Corona-Pandemie?

Denn welches Risiko ein laufender Schulbetrieb beziehungsweise Kinder in der Pandemie darstellen, ist in der Forschung noch nicht eindeutig geklärt. Die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) betont, dass unter 14-Jährige keine Treiber des Infektionsgeschehens wären. Vielfach wird angenommen, dass Kinder sich seltener mit dem Virus anstecken. Nachgewiesen ist auf jeden Fall, dass sie in den meisten Fällen weniger beziehungsweise weniger starke Symptome aufweisen.

Aber auch wenn Kinder weniger bis keine Symptome zeigen, können sie dennoch andere Menschen anstecken. Das bestätigt auch Primar Bernd Lamprecht vom Kepler-Klinikum Linz, der selbst Covid-19-PatientInnen behandelt im Interview mit Der Standard: "Bisherige Beobachtungen legen nahe, dass Kinder nicht eine so bedeutende Rolle in der Infektionskette spielen. Außer Streit steht, dass Kinder sehr selten schwer erkranken und in den meisten Fällen gar keine oder sehr leichte Symptome zeigen. Allerdings wissen wir, dass auch asymptomatische Personen eine hohe Viruslast in ihrem Rachenraum aufweisen und andere Menschen anstecken können. Zudem ist unser Wissen über das Infektionsgeschehen bei Kindern wesentlich limitierter als unsere Erkenntnisse bei Erwachsenen, schlicht aus dem Grund, dass Kinder seltener getestet werden."

Zahlreiche WissenschafterInnen fordern nun, dass sämtliche Schulen geschlossen werden sollen. Laut Mikrobiologe Michael Wagner von der Universität Wien im Interview mit der ZiB 2 ist die Annahme, dass Kinder unter 14 keine Rolle bei Infektionen spielen, "mehr ein politisches Narrativ": Wenn man wenig Kinder testet, fände man auch wenig infizierte Kinder.

Dass Kinder sich sehr wohl infizieren und dass Kinder sogar eine Schlüsselrolle in der Infektionskette einnehmen können besagt auch eine Studie der Universität Princeton. "Kinder sind sehr effiziente Überträger, was sich in früheren Studien nicht so gezeigt hat", so Studienautor Ramanan Laxminarayan. Eine weitere Studie der University of Edinburgh hat dazu die Daten von 131 Ländern untersucht und herausgefunden, dass Schulöffnungen nach dem ersten Lockdown im Frühjahr durchschnittlich eine Steigerung der Ansteckungen um 24% verursachten.

Update: In Oberösterreich sind bereits 19 Prozent (225 von 1.183) aller gestern registrierten Neuinfektionen SchülerInnen und LehrerInnen.

Sind Kinder wirklich unwichtig beim Infektionsgeschehen?

Welche Folgen die Annahme haben kann, Kinder wären nicht infektiös, wurde auf Twitter in einem umfassenden Thread herausgearbeitet, welchen wir hier zusammenfassen: Kinder unter 10 Jahren werden in Österreich derzeit kaum getestet. Bei einem Anruf bei der telefonischen Hotline 1450 wird bei Corona-Symptomen stattdessen an die Hausärztin oder den Hausarzt verwiesen. Da die Symptome wie Husten, Fieber, Kopfschmerzen, Übelkeit und mehr jedoch auch auf viele andere Krankheiten hinweisen, wird auch hier meist keine Testung veranlasst. Und da der Verlauf von Covid-19 bei Kindern meist sehr mild ist, wird oft nicht weiter hinterfragt.

So kann eine höhere Dunkelziffer an Infektionen entstehen, die aus der Statistik fallen. Und dennoch können diese Kinder andere Menschen anstecken.

Gibt es im Kindergarten oder der Volksschule ein positiv getestetes Kind, werden die Kinder der Klasse aktuell ebenso nicht getestet. Genauso wenig wie deren LehrerInnen oder PädagogInnen, da man ja davon ausgeht, dass Kinder unter 10 Jahren nicht ansteckend seien. Erst wenn ein zweiter Fall in der Klasse auftritt, werden die anderen Kinder im Regelfall getestet.

Wenn innerhalb einer Familie ein Corona-Fall auftritt, werden auch die Kinder getestet. Oft erfolgen PCR-Tests und Antigen-Tests jedoch zu früh, sodass das Ergebnis noch negativ ist. Als Infizierte werden sie somit nicht erfasst und es wird interpretiert, dass Kinder sich nicht so leicht infizieren.
Stecken Kinder jedoch ohne Symptome andere in der Familie an, passiert die Testung der gesamten Familie vielleicht zu spät, sie weisen keine Viren mehr auf und werden wiederum als negativ eingestuft.

Werden die Schulen noch geschlossen?

Die bisherigen Maßnahmen der Regierung zielen darauf ab, Schulen und Kindergärten so lange wie möglich offen zu belassen, um Familien sowie vor allem Alleinerziehende nicht erneut dem Stress auszusetzen wie im letzten Frühjahr und diesen die Möglichkeit zu geben, weiterhin regulär arbeiten zu können. Schließlich können Schulschließungen auch großen Schaden für Kinder, Eltern als auch Wirtschaft bedeuten. Die derzeitige Vorgehensweise ist also eine Gratwanderung und man fragt sich, wie lange diese noch gutgeht. Die aktuellen Zahlen jedoch versprechen leider nichts Gutes...

Thema: Coronavirus