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Schwangerschafts-Diskriminierung in japanischen Firmen

Schwangerschafts-Turnus nennt sich eine Praxis, die sich in der japanischen Arbeitswelt durchgesetzt hat: Frauen sollen demnach warten, bis sie "an der Reihe sind" mit dem Kinderkriegen.

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Schwangerschafts-Diskriminierung in japanischen Firmen
© istockphoto.com

Als die schwangere Sayako ins Büro ihres Chefs gerufen wurde, wusste sie noch nicht, worum es im Gespräch gehen würde. Doch dann sagte der Vorgesetzte jene Worte, die sie ihren Job aufgeben ließen: "Warum willst schon wieder eine Pause? Du hast doch schon ein Kind." Die Japanerin, die seit zwei Jahren versucht hatte ein Kind zu bekommen, solle einer älteren Kollegin, die vor kurzem geheiratet habe "den Vortritt lassen". Sayako kündigte und wandte sich mit ihrer Geschichte an die Nachrichtenagentur AFP.

"Schwangerschafts-Turnus" oder "pregnancy rotas" wird diese Praxis in der japanischen Arbeitswelt genannt. Arbeitenden Frauen wird dauerhaft ein schlechtes Gewissen gemacht, wenn sie sich entschließen, ein Kind zu bekommen. Sie sollen warten, bis sie an der Reihe sind. Und wenn schon ein Kind da sei, dann hätten sie ihre Chance auf ein zweites fast schon verspielt. Oder noch schlimmer: ihre Karriere. Auch Mayu hatte sich an AFP gewendet, nachdem sie von ihrer Chefin bitter enttäuscht worden war.

"Wir hätten uns nur entschuldigt, anstatt uns zu freuen."

"Ich kehrte nach der Geburt in meinen Job als Krankenschwester zurück. Und als ich meine Chefin fragte, ob ich an einer Fortbildung teilnehmen dürfte, die mir zu einer Beförderung verhelfen könnte, meinte sie nur: 'Du warst doch schon in Karenz und hast dann kürzer gearbeitet. Was willst du noch?'" , so Mayu, die genauso wie Sayako anonym bleiben will.

Die bittere Ironie ist, dass Japan vor einem massiven Problem steht: Die Geburtenrate ist katastrophal. 2017 kamen nur 941.000 Babys auf die Welt. Damit stehen sie auf einer Liste von 226 Ländern auf Platz 223, gleich neben Andorra und Monaco. Als entscheidenden Faktor für den Zurückgang der Geburten, sehen die ExpertInnen die extrem fordernde Arbeitswelt. Doch in Japan geht es dabei nicht wirklich um die Selbstverwirklichung durchs Arbeiten, sondern um ein starkes Gefühl für Ehre. Außerdem sehen Frauen im asiatischen Land nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie treiben ihre Karriere voran, oder sie kündigen ihren Job und gründen eine Familie. Um beides unter einen Hut zu bringen, muss sich viel in der Einstellung ändern.

Sayakos Mann fasste sich in einem Brief an die Zeitung Mainichi Shimbun selbst an die Nase, berichtet AFP. Es war notwendig, dass seine Frau ihren Job kündigte, sagt der Vater: "Wenn sie geblieben wäre, hätten wir uns beim Arbeitgeber entschuldigt, anstatt, dass wir uns über die Geburt freuen."