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Selfapy: Wie du dir bei Depressionen und psychischen Erkrankungen selbst helfen kannst

Leider kommt es immer wieder vor, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen sich professionelle Hilfe nicht leisten können oder lange darauf warten müssen. Hier will Selfapy ansetzen und bietet bei Depressionen und mehr sofort zugängliche Online-Therapien an.

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Depression
© iStockphoto.com

Man redet nicht darüber. Man frisst es in sich hinein. Dabei sind psychische Erkrankungen genauso ernst zu nehmen, wie physische. Aber vielleicht fällt vielen der erste Schritt, etwas gegen ihr Problem zu unternehmen, leichter, wenn dieser einfach in den eigenen vier Wänden passiert? Und zwar vor dem Computer oder dem Smartphone.

Denn wer in einer Krise steckt oder auf eine Depression zusteuert, benötigt Hilfe. Sofort und überall. Das ist die Überzeugung von Nora Blum (25), Kati Bermbach (25) und Farina Schurzfeld (30), die gemeinsam das Startup Selfapy gründeten. Heute ist die Website, die online Therapiekurse und persönliche Gespräche mit Psychologinnen und Psychologen am Telefon oder Chat miteinander verbindet, eine Erfolgsgeschichte: 2.000 Betroffene mit Depressionen, Angst, Burnout oder Essstörungen sind bereits angemeldet und zeigen nach neun Wochen eine Verminderung der Symptome von durchschnittlich 20 Prozent.

Damit kann der Kurs im Netz tatsächlich genauso wirksam sein, wie eine klassische Psychotherapie. Diese Wirksamkeit wurde auch bereits klinisch bestätigt in einer Studie vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. In Deutschland wird daher der erste Kurs bereits von Krankenkassen erstattet. Wir haben die drei Gründerinnen befragt, wie das in Österreich aussieht:

WOMAN: Wie seid ihr auf die Idee für Selfapy gekommen?
Kati: Die Idee zu Selfapy wurde kurz nach unserem Kennenlernen geboren: Wir kamen gerade von einem Vortrag an der University of Cambridge, stellten fest, dass wir die einzigen Deutschen waren und setzten uns beim Abendessen zusammen. Dabei landeten wir sehr schnell bei der Frage, wie es sein kann, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen so lange auf professionelle Hilfe warten müssen und zugleich mit zahlreichen Tabus und Stigmatisierungen konfrontiert sind, die nicht selten dazu führen, dass die Krankheiten ganz und gar unbehandelt bleiben. Diesen Zustand erlebte ich bereits hautnah während meiner Forschungstätigkeit an der Berliner Charité, wo ich Menschen mit psychischen Problemen jeden Tag mitteilen musste, dass es keinen Therapieplatz für sie gibt.

Nora: Als angehende Psychologinnen frustrierte uns diese Aussicht. Klar war, dass wir gute Arbeit als Therapeutinnen leisten könnten, aber die Versorgungssituation bliebe die Gleiche – zu wenig Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen mit einer Kassenzulassung und zu viele Betroffene. Viele warten im Schnitt bis zu sechs Monate auf einen Therapieplatz, in strukturschwächeren Regionen sogar bis zu acht. Zudem kaum eine Möglichkeit, sich trotz des Stigmas anonym Hilfe zu suchen.

Für jemanden, die oder der dringend Hilfe benötigt und sich aufgrund einer psychischen Erkrankung in seinem Alltag beeinträchtigt fühlt, sind dies einfach zu viele Hürden. Also dachten wir: In einer Zeit, in der alles digitalisiert wird, warum das Web nicht auch für die Psychotherapie nutzen? Nicht als Ersatz, sondern als Anker im Hier und Jetzt, wenn der Alltag plötzlich zu viel wird und der nächste Therapie-Termin noch in weiter Ferne liegt!

WOMAN: Habt ihr selbst Erfahrungen mit Stigmatisierungen gehabt?
Wir machen bei Selfapy tagtäglich Erfahrungen mit Stigmatisierung. Es gibt sehr viele Betroffene, die sich an uns wenden, weil sie Angst haben, sich vor ihrem Umfeld oder auch ihrer Krankenkasse als psychisch krank darzustellen. Insbesondere in ländlichen Regionen ist die Stigmatisierung weit verbreitet. Manche Betroffene gehen nicht zum Hausarzt, weil sie fürchten, dass ihr ganzes Umfeld am nächsten Tag Bescheid weiß.

WOMAN: Wie genau funktioniert Selfapy?
Farina: Bei Selfapy können sich Menschen mit verschiedenen psychischen Erkrankungen anonym für unsere Online-Therapiekurse registrieren. Neben dem Depressionskurs bieten wir Stresskurse, Programme für Menschen mit Angststörung, Panik und Phobie sowie Essstörungen an. Auch Angehörige von Menschen mit einem gestörten Essverhalten können sich bei uns anmelden.

In einem kostenlosen und unverbindlichen Erstgespräch mit einer Psychologin oder einem Psychologen können wir gemeinsam entscheiden, welcher Kurs in Frage kommt und dann kann es direkt losgehen. Alle Kurse haben eine Dauer von neun Wochen, können aber in verschiedenen Paketen gebucht werden. Vom Schnupperkurs bis hin zur psychologisch begleiteten Online-Therapie basieren alle Programme auf den Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie. Betroffene erlernen dabei mit Hilfe von informativen und lebensnahen Übungen, Videos und Texten, Verhaltensstrategien, die ihnen helfen, sich besser zu fühlen. Wenn gewünscht, findet zusätzlich ein wöchentliches Gespräch via Skype, Chat oder Telefon statt. Dies kann bequem von zu Hause aus zwischen 8 Uhr und 22 Uhr täglich, also auch am Wochenende, erfolgen.

Wenn gewünscht, bleibt der Kontakt auch über die neun Wochen hinaus bestehen. So kann beispielsweise sechs Wochen nach Beendigung des Kurses, ein Follow-up Gespräch mit der oder dem persönlichen Betreuenden stattfinden. Auch der Selfapy-Blog hilft nicht nur Betroffenen, sondern ebenso Angehörigen, sich über verschiedene Krankheitsbilder und Symptome zu informieren.

WOMAN: Würdet ihr Selfapy auch Personen, die nicht so online-erfahren sind, empfehlen?
Nora: Grundsätzlich ja. Unsere Online-Kurse sind technisch sehr einfach aufgebaut, und beinhalten auch viele Offline-Elemente wie beispielsweise Arbeitsblätter, die man sich ausdrucken kann, oder eben die psychologischen Gespräche per Telefon. Eine große Online-Erfahrung ist daher nicht nötig.

Wir verstehen dennoch, dass eine gewisse Skepsis gegenüber der Online-Therapie besteht, insbesondere für Menschen, die nicht tagtäglich im Internet surfen. Was den Datenschutz anbelangt, so folgen wir sehr strengen Datenschutzrichtlinien, die regelmäßig geprüft werden. Sinn und Zweck von Selfapy besteht vor allem darin, Menschen mit psychischen Leiden nicht alleine zu lassen und ihnen ein professionelles und auf sie abgestimmtes Umfeld zu bieten. Letzten Endes kann die psychologisch begleitete Selbsthilfe gleich wirksam sein, wie die klassische Therapie in der Praxis.

WOMAN: Habt ihr vielleicht auch Infos zu Krankenkassen in Österreich?
In Österreich besteht ein ähnliches Problem wie in Deutschland, nämliche eine sehr lange Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz und kaum ein Angebot, das Menschen ermöglicht mit einer geringeren Hemmschwelle und anonym Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wir sind daher bereits mit den ersten Krankenkassen in Österreich in Gesprächen und hoffen auch hier darauf, dass in Zukunft die Kosten der Online-Therapiekurse übernommen werden.

Mehr dazu erfährst du auf selfapy.de.

Selfapy

Was aktive User von Selfapy über die Online-Therapie sagen:

Wie Sebastian neuen Lebensmut fand:

"Die Online-Therapie stellt eine Option für mich dar, um eigenständig an einer Verbesserung meiner Gefühlslage und Stimmung zu arbeiten. Diese neue Art der Unterstützung und Herangehensweise an meine Depression machte mich gespannt.

Bisherige Ansätze, die ich mir angehört hatte, fingen immer mit einer langen Analyse an. An deren Ende standen meist Probleme und Herausforderungen, die ich nur sehr schwer mit meiner aktuellen Verfassung in Verbindung bringen konnte. Zudem hatte ich in einer klassischen Therapiesitzung nie das Gefühl, aktiv etwas verändern zu können. Über Vergangenes zu sprechen und dies aufzuarbeiten war für mich nie genug.

Selfapy hat mir die Kraft gegeben, an meine eigenen Stärken zu glauben, beziehungsweise diese klar herauszuarbeiten. Schwächen zuzulassen und auch nicht perfekte Wesenszüge zu akzeptieren war sehr hilfreich. Ein großer Zugewinn für mich war es, positive Aktivitäten und negative Spiralen zu erkennen, diese frühzeitig anzugehen und zu nutzen.

Die Depressionsspirale aus dem Einführungsmodul lasse ich mir regelmäßig durch den Kopf gehen und schaue mir die Karteikarte dazu an. Zu wissen, an welchem Punkt man sich befindet und negative Entwicklungen zu erkennen, hat bei mir bisher einen Rückfall verhindert."

Selfapy

Wie Christina mit Selfapy gegen ihre Depression kämpfte:

"Meine Tochter machte mich auf Selfapy aufmerksam. Sie hatte im Internet davon gelesen. Ich selbst bin nicht so computeraffin und hatte zunächst Bedenken, eine Online-Therapie zu machen. Doch es musste sich dringend etwas an meiner Situation ändern. Ich bin 48 Jahre alt, habe einen Vollzeitjob und zwei Kinder, von deren Vater ich geschieden lebe. Depressionen gehörten schon immer zu meinem Leben mit dazu. Mein Vater war schwer depressiv und alkoholabhängig. Vor zwei Jahren starb er an den Folgen seiner Krankheit.

Zu diesem Zeitpunkt kriselte es bereits ordentlich in meiner Ehe und kurze Zeit später trennte sich mein Mann von mir. Ich stürzte ab, fiel in eine schwere Depression, war ständig krankgeschrieben und konnte mich kaum noch um meine Kinder kümmern.
Ihnen zuliebe wollte ich aus diesem Loch raus. Also rief ich einen Psychotherapeuten an. Und noch einen. Und noch einen. Überall bekam ich dieselbe Hiobsbotschaft: “Tut uns leid, aber wir nehmen derzeit niemanden mehr auf. Versuchen Sie es in ein paar Monaten nochmal.”

Ich war mit meinen Kräften am Ende. Warum konnte mir niemand helfen? Wer weiß, was passiert wäre, wenn meine Tochter nicht für mich recherchiert hätte. Ich führte bei Selfapy ein kostenloses Erstgespräch und klickte mich durch das Testmodul. Die Bedienung war einfach, die Texte leicht zu verstehen.

Als besonders hilfreich empfand ich das Planen einer Tagesstruktur und das bewusste Erleben positiver Aktivitäten. Durch Selfapy wurde mir klar, dass meine Gedanken immer wieder um dieselben negativen Aspekte kreisten.
Dabei spielten Verlustängste eine große Rolle, schließlich hatten mich doch mein Vater und mein Mann verlassen. Ich suchte die Schuld dafür bei mir selbst. Während der Online-Therapie erkannte ich, dass ich keine Schuld daran trug. Die Übungen halfen mir dabei, mein Selbstbewusstsein wieder zu stärken."

Selfapy
Thema: Apps