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Portrait Selma Blair: "Ich sollte Pläne für meinen Tod machen"

2018 bekam die Schauspielerin die Diagnose Multiple Sklerose. Eine bewegende Doku zeigt jetzt den Kampf gegen die Krankheit. Die Geschichte einer Frau, die sich mit Mut und Würde ihrem Schicksal stellt.

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Selma Blair, roter Teppich, red carpet, Multiple Sklerose, MS
© Getty Images

Es war ihre Rolle als Cecile Caldwell im Kino-Hit "Eiskalte Engel", die Schauspielerin Selma Blair, 49, 1999 ihren Durchbruch verschaffte. Wer erinnert sich nicht an die legendäre Kuss-Szene mit Kollegin Sarah Michelle Gellar? Für diese erhielten beide ein Jahr darauf sogar die Auszeichnung für die beste Film-Schmuserei. Es folgten viele weitere Engagements, unter anderem in "Natürlich Blond", "Super süß und super sexy", "Hellboy" und ein Gastauftritt in der neunten Staffel der Kult-Serie "Friends". Meist spielte sie dabei das junge, naive, unschuldige Mädchen. Eine Hollywood-Karriere, die sich unter "okay" verbuchen lässt – nicht unaufregend, aber auch nicht super spektakulär. Eine Freundin von Blair formuliert es so: "Sie ist berühmt genug, um die falsche Art von Aufmerksamkeit zur falschen Zeit zu bekommen." Etwa, als die Schauspielerin 2016 mit einem Ausraster in einem Flugzeug für Schlagzeilen sorgte.

»Ich habe Multiple Sklerose. Ich bin behindert. Manchmal stürze ich, lasse Dinge fallen und habe Gedächtnislücken.«

Es ist ein Sager aus einem Interview für die Doku "Introducing Selma Blair", die ab 15. Oktober 2022 in ausgewählten Kinos und ab 21. Oktober beim Streaminganbieter Discovery+zu sehen ist. Ein Film, der unter die Haut geht. Eine Kamera begleitet die Amerikanerin bei ihrem Kampf gegen die Autoimmunkrankheit Multipler Sklerose (MS). Am 16. August 2018 erhielt sie die Diagnose. Am 20. Oktober 2018 hatte die Schauspielerin diese in einem bewegenden Post auf Instagram öffentlich gemacht. Damals schrieb sie: "(...) Ich habe Multiple Sklerose (...) Ich bin behindert. Manchmal stürze ich, lasse Dinge fallen und habe Gedächtnislücken. (...) Aber wir schaffen das. Ich lache und weiß nicht genau, was ich machen werde, aber ich werde mein Bestes geben (...)".

Von persönlichen Tiefpunkten und warum Selma Blair immer weiter kämpft.

Seitdem zeigt Blair Eindrücke aus ihrem Alltag: Von ihren Krankenhausaufenthalten, mit Gehstock, bei öffentlichen Auftritten ("Diese Abende lassen mich noch immer lebendig fühlen.")und privat mit ihrem Sohn Arthur Saint, 10 ("Es gibt nichts, was ich nicht für ihn tun würde. Ich bin vielleicht nicht die beste Mutter, aber ich bin da, solange ich kann!"). Mal wirkt sie dabei selbstbewusst und unverwundbar, dann wieder zerbrechlich und kraftlos. Und jedem dieser Momente - lachend, weinend, nachdenklich - beweist sie unglaubliche Stärke, Würde und Stolz, mit der Art, wie sie sich ihrem Schicksal stellt.

Sie erzählt ehrlich von persönlichen Tiefpunkten nach Behandlungen und wie schwer es für sie ist, nicht mal ihr altes Leben führen zu können. Vom Reiten und vom Räderschlagen mit ihrem Sohn - Dinge, die sie seit Ausbruch der Krankheit nicht mehr machen kann. Auf Social Media schreibt sie: "Wenn mein Sohn nicht bei mir war, habe ich oft getrunken, wenn ich Schmerzen hatte, weil ich es anders nicht mehr ausgehalten habe." Vor allem er ist es, der ihr in hoffnungslosen Augenblicken die Kraft gibt, weiterzumachen.

Mit der Dokumentation will Blair anderen "Hoffnung oder ein Lachen oder mehr Bewusstsein" geben - und noch mehr Awareness für die Krankheit schaffen. "Wir drehen die letzten Tage meines Lebens", sagt sie in die Kamera. Und: "Man hat mir gesagt, ich solle Pläne für meinen Tod machen." Mittlerweile geht es der 49-Jährigen wieder besser. Ihre Krankheit hat sie so weit im Griff, dass sie sogar wieder reiten kann: "Es ist eine große Sache für mich. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich es schaffe, wieder auf einem Pferd zu sitzen und meinen Körper und mein Selbstbewusstsein zu trainieren." Sie fühlt sich wieder wohl: "Ich mag meinen Körper und mein Leben, weil ich zu beidem eine immer tiefere, positive Verbindung aufbaue."

Sexuelle Belästigung: Ihr Beitrag zur #metoo-Debatte.

Selma Blair ist eine Frau, die in den wichtigen Momenten des Lebens immer Mut beweist. So auch 2017 als sie im Rahmen der #metoo-Debatte öffentlich gegen Filmemacher James Toback, 76, aufstand. In den Anfängen ihrer Karriere, in den späten Neunzigern, soll er sie sexuell belästigt haben. In einem Interview mit "The Guardian" erzählt sie, was damals passiert ist: "Er hat mich im Hotelzimmer für ein 'Casting' empfangen. Als er Sex mit mir wollte, weigerte ich mich und er meinte: 'Du kannst nicht gehen, bis du mir Erleichterung verschafft hast.' Dann drückte er mich aufs Bett und sagte sagte: 'Ich reibe mich bloß an deinen Beinen und komme in meiner Hose. Du musst nur meine Nippel berühren und mich dabei ansehen.' Ich fühlte mich dreckig und schämte mich. Seine ganze Aura war so unheimlich." Danach drohte er ihr: "Wenn ich je auf die Idee kommen sollte, von dem hier zu erzählen, würde er mich kidnappen lassen und man würde mich in den Hudson River werfen mit Zementblöcken an meinen Beinen."

Über 300 Frauen berichteten über ähnliche Erfahrunge mit dem Drehbuchautor und Regisseur. Er bestritt die Vorwürfe vehement. Gegen Toback wurde die Klage 2018 schließlich fallengelassen, da die angeblichen Taten entweder verjährt oder für eine Anklage nicht genügend nachweisbar seien.

Sie ist für viele ein Vorbild.

Als Person des öffentlichen Interesses weiß Blair um ihre Wirkung Bescheid. Sie ist längst mehr als eine Schauspielerin. Sie ist Aktivistin und nimmt sich gesellschaftlicher Themen an – laut, uneitel und unüberhörbar. "Ich bin demütig und freue mich, eine Inspiration für Menschen zu sein", sagt sie dazu in einem Interview mit Journalistin Keah Brown, die an Kinderlähmung erkrankt war. Sie beschreibt Blair als "besonders menschlich": "Durch ihr Engagement und ihren Mut haben viele Menschen mit Handicap so wie ich das Gefühl bekommen, endlich gesehen und verstanden zu werden."

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Selma Blair wurde 1972 in Michigan geboren und stammt aus einer jüdischen Familie. Sie ist die jüngste von vier Schwestern und begann schon in der Highschool mit der Schauspielerei – obwohl ihr eigentlicher Berufswunsch Fotografin war. Sie zog nach New York, um dort eine Ausbildung zu machen, stellte aber bald fest, dass dieser Job doch nichts für sie war. Deshalb schrieb sie sich in einer Schauspielschule ein. Dort wurde sie sehr schnell von einem Agenten entdeckt.