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Werden wir im September noch reisen können?

Alles ist wieder offen, die Impfungen sind in vollem Gange. Trotzdem steigen die Corona-Zahlen: Erste Veranstaltungen werden bereits abgesagt. ExpertInnen sagen, womit wir in den nächsten Wochen rechnen müssen.

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© Laura Holzinger

Seit Mitte Mai kann man wieder in Restaurants gehen, seit Anfang Juli hat sogar die Nachtgastronomie wieder offen und auch das Reisen ist derzeit so einfach, wie schon lange nicht mehr. Bei eben genannten Aktivitäten muss die 3G-Regel eingehalten werden – also entweder man ist getestet, genesen oder geimpft.

Die aktuelle Lage

Trotzdem steigen die Corona-Fallzahlen wieder an. Ende Juni, Anfang Juli hielten sich die Zahlen der Neuinfektionen pro Tag etwa zwischen 30 und 80, am 7. Juli waren es erstmals wieder über 100, mittlerweile (Stand 19. Juli) sind wir auf 313. "Die Verdopplungszeit der Fallzahlen ist derzeit sehr kurz, das bedeutet, sie steigen sehr schnell. Die Zahlen sind aber immer noch relativ gering", sagt Stefan Thurner, Komplexitätsforscher an der MedUni Wien und Leiter des Complexity Science Hub Vienna. Zum Vergleich: Im November letzten Jahres gab es zu Spitzenzeiten etwa 7000-9000 neue Fälle am Tag.

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Stefan Thurner (c) Eugenie Sophie

Kommt eine vierte Welle?

"Es steht außer Zweifel, dass die vierte Welle begonnen hat", so Thurner. "Die Frage ist, wird sie unser Gesundheitssystem wieder in Gefahr bringen?"

"Jeder Mensch hat eine Mitverantwortung für die Verbreitung der Pandemie", sagt Margarete Kriz-Zwittkovits, Vorsitzende von Frau in der Wirtschaft Wien und Vizepräsidentin der WKW. "Wir haben in den vergangenen 16 Monaten sehr gut gelernt, wie man sich und andere schützen kann."

Wird die Impfung reichen?

"Mit den Impfungen geht es in Österreich zügig voran. Sie sind ein echter Game Changer", meint Kriz-Zwittkovits. "Selbst, wenn es im Herbst wieder mehr Fälle gibt, werden die Folgen für Geimpfte weniger schwer sein. Und: Selbst wenn man geimpft ist, sollte man sich regelmäßig testen lassen." Wenn man zum Beispiel erst eine Impfdosis bekommen hat, ist man vor der aggressiveren Deltavariante nicht ausreichend geschützt.

Die beiden ExpertInnen sind sich einig: Das Virus geht vorerst nicht weg. "Man kann nur Strategien finden, mit ihm zu leben, ohne dass es uns allzu sehr nervt. Mit der Impfung allein kommen wir im Herbst vermutlich nicht ganz dort hin. Dafür machen zu wenig Leute mit", gibt Thurner zu bedenken.

Er ist der Meinung, dass schon jetzt eine Strategie für den Herbst überlegt und diese der Bevölkerung auch kommuniziert werden muss. Sollten die Fallzahlen nach härteren Maßnahmen verlangen, können diese sofort umgesetzt werden. "Es ist wichtig, bei den Leuten ein Bewusstsein für die momentane Situation zu schaffen, ohne Panik zu machen. Und darauf aufbauend auch kommunizieren, was man maßnahmentechnisch machen wird. Wenn man erst im September mit dieser Debatte anfängt, riskiert man wieder, wertvolle Wochen zu verlieren."

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Margarete Kriz-Zwittkovits (c) Florian Wieser

Party und Clubbing: No-Go oder weiterhin okay?

„Entscheidend sind immer die Sicherheitskonzepte: Wenn sie gut durchdacht sind und eingehalten werden, ist alles möglich“, sagt Kriz-Zwittkovits.

"Aus Studien zur ersten und zweiten Welle ist bekannt, dass die (Nacht)gastronomie starke Infektionstreiber sind. Wenn schon geöffnet, sollte streng darauf geachtet werden, dass die 3G-Regel eingehalten wird. Ist das nicht der Fall, darf man sich nicht wundern, wenn sich das Virus wieder stärker ausbreitet", so Thurner.

Besondere Vorsicht ist geboten, wenn nicht ordentlich kontrolliert wird oder zum Beispiel im Urlaub andere Maßnahmen gelten. Woanders gibt es oftmals die 3G-Regel nicht. Und eins darf man nie vergessen: Man kann sich trotz Impfung anstecken, wenn auch nicht so leicht.

Werden wir im September noch reisen können?

Kriz-Zwittkovits ist zuversichtlich: "Ich gehe davon aus. Bis dahin wird die Immunisierung der Bevölkerung hier und auch andernorts noch weiter fortgeschritten sein."

Thurner sieht die Lage etwas kritischer. Natürlich kommt es auf die Zahlen an: "Wenn wir wieder bei mehreren Tausend Ansteckungen am Tag sein sollten, kann ich mir vorstellen, dass man beim Reisen restriktiver werden wird. Leider existieren immer noch keine einheitlichen Regeln in der EU, wie Reisen möglich gemacht werden kann, ohne ein Infektionstreiber zu sein. Wir erleben gerade wieder – genau wie im letzten Jahr – dass viele neue Fälle mit Urlauben zusammenhängen."

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(c) Laura Holzinger

Wird unser Leben je wieder „normal“?

Ja – da sind sich die beiden ExpertInnen einig. "Es wird wieder normal – und gut!", sagt Thurner.

"Auch diese Pandemie wird vorübergehen", meint Kriz-Zwittkovits. "Und wir werden aus ihr auch viele positive Erfahrungen mitnehmen. Zum Beispiel den Ausbau der Digitalisierung."

"Im Herbst werden wir Dinge erstmals besser verstehen, die wir jetzt noch nicht wissen", erklärt Thurner. Zum Beispiel, was es bedeutet, wenn wir die Herdenimmunität nicht erreichen: Wird es das Gesundheitssystem bedrohen oder reicht der Immunisierungsgrad und das Testen? "Das kann man nicht vorherberechnen, die Datenlage ist noch zu gering."

Im besten Fall werden wir mit den Kapazitäten an Intensivbetten kein Problem mehr haben. Wir sollten aber auch auf den Worst Case vorbereitet sein, bei dem wir wieder an die Kapazitätsgrenzen kommen und harte Maßnahmen brauchen. "Der Schlüssel, um das zu vermeiden, ist meiner Meinung nach eine starke Strategie: Wir müssen vorbereitet sein, um schnell und entschlossen handeln zu können", so Thurner. "Dann schafft man ein Leben ohne große Einschränkungen."