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Kann man Sexstudien trauen?

Jede Woche beantwortet WOMAN-Sexpertin Brigitte Moshammer eine große Frage zum Thema Liebe und Sex. Diesmal: Kann man den Ergebnissen der vielen Sexstudien auch wirklich trauen?

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Kann man Sexstudien trauen?

Kann man Sexstudien trauen?

© Thinkstock

Die Frage.

"Wie heiß es im Schlafzimmer zugeht, wie oft der Europäer durchschnittlich Sex hat, wie viele Prozent der Österreicher auf Dirty Talking stehen oder auch wie zufrieden die Frauen generell mit ihrem Sexleben sind – jedes Jahr gibt’s neue Studien über Sex, angeblich auch wissenschaftlich ermittelte. Und egal welche Ergebnisse ich lese, ich denke mir immer wieder: Da kann ich nicht mithalten!" Inge, 38, hat darüber auch mit Freundinnen gesprochen – deren Reaktionen waren ähnlich. "Welche Sexstudien sind also wirklich repräsentativ? Oder lügen die Menschen einfach drauf los?"

Die Sexpertin antwortet.

In regelmäßigen Abständen werden Studien darüber veröffentlicht, wie oft ein Paar Sex haben sollte, welche Praktiken besonders beliebt sind und was normal ist. In Wahrheit ist es meiner Meinung nach praktisch unmöglich, eine Regel für die Häufigkeit und Art des Sexualaktes aufzustellen. Das Bedürfnis nach Sexualität hängt stark von der eigenen Befindlichkeit und von der momentanen Paardynamik ab. So gesehen ist es also völlig normal, dass Sexfrequenz und Sexualpraktiken sich im Laufe der Zeit stark unterscheiden und großen Schwankungen unterliegen.

Demnach sollten Umfragen in Bezug auf Sex grundsätzlich mit größter Vorsicht genossen werden. Mittlerweile kennen die meisten Menschen die üblichen Ergebnisse solcher Erhebungen und ebenso die regelmäßige Aussage, dass österreichische Paare durchschnittlich 2 Mal wöchentlich Sex hätten. Aus meiner Praxis weiß ich allerdings, dass diese Angaben oft nicht stimmen. Ich denke, dass bei solchen Umfragen viel gelogen wird. Weil die Befragten die Erwartung kennen und sich mit ihren Antworten nur all zu oft dem Erwünschten anpassen.

Umfragen nach der Häufigkeit von Sex erzeugen oftmals großen Druck. So kann es durchaus sein, dass ein Paar, das beispielsweise mit einer Sexfrequenz von bisher einmal monatlich oder seltener durchaus zufrieden war, durch die Veröffentlichung von Studienergebnissen verunsichert wird und im schlimmsten Fall sogar die Beziehung in Frage stellt. In der Beratung und Therapie von Paaren habe ich immer wieder erlebt, dass sich der Partner/die Partnerin mit dem größeren Bedürfnis nach Sex mit einer nahezu unerschütterlichen Selbstverständlichkeit im Recht erlebt, selbst wenn dabei eine Häufigkeit von mehrmals täglich gefordert wird. Der/die PartnerIn mit dem geringeren Sexbedürfnis entwickelt nicht selten Schuldgefühle, da in unserer Gesellschaft häufig die Sexformel "je mehr, desto besser" vorherrscht.

Die für das Paar richtige Frequenz kann letzten Endes nur das Paar selbst entscheiden. Wenn es für beide Partner passt, kann es durchaus auch "normal" sein nur einmal monatlich, 3 Mal im Jahr, oder auch niemals Sex zu haben. Inge sollte sich also weniger darum bemühen, die einzig wahre und seriöse Umfrage zu finden, sondern sich vielmehr auf ihr eigenes Gefühl und die eigene Lust verlassen, denn wenn sie ihr Sexualleben als angenehm und befriedigend erlebt, sind ihr wahrscheinlich alle Umfrageergebnisse, egal wie repräsentativ sie sein mögen oder nicht, ziemlich egal.

Sexpertin Brigitte Moshammer.

Wenn auch ihr Fragen oder Anregungen zu den Themen Liebe, Partnerschaft und Sex habt, dann schreibt uns (auch gerne anonym, in Stichworten, einfach nur das Problem) doch bitte an online <AT> woman.at, Kennwort: "Moshammer" – Brigitte Moshammer (psychotherapeutin.cc) wird eure Fragen gerne beantworten.