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Kommentar: Sexismus im Netz

Mit "Digitalista" gründeten Österreicherinnen ein Netzwerk für Frauen in der Digital-Branche. Dieses wurde gehackt und auf eine Pornoseite geroutet. Digitalista-Mitgründerin Lisa Oberndorfer über Sexismus im Netz.


Frauen gegen Sexismus. Eine Demonstrantin hat sich die Botschaft auf die Brust geschrieben.

Sexismus im Netz: Kaum thematisiert.

© Reuters

Zwei Männer machen im Publikum einer Tech-Konferenz schlechte Scherze mit sexuellen Anspielungen. Die meisten von uns hätten die Augen verdreht, die Witze ignoriert oder sogar mitgelacht. Nicht Adria Richards, eine Frau, die in der San Francisco Bay Area dafür bekannt ist, dass sie sich gegen Diskriminierung einsetzt. Sie fotografierte die beiden und prangerte die beiden öffentlich über Twitter an. Die Organisatoren des Events reagierten, die Männer entschuldigten sich. Die Geschichte könnte hier zu Ende sein, wenn nicht einer der beiden daraufhin von seinem Arbeitgeber gekündigt wurde. Und auch Richards verlor ihren Job, weil sie mit der Überreaktion ihren Arbeitgeber nicht angemessen repräsentierte. Daraufhin schlug eine Welle der Empörung auf, die in erster Linie an Richards gerichtet war. Sie wurde in Foren und auf ihrer eigenen Facebook -Seite beschimpft und bedroht – unter anderem mit Vergewaltigung und anderen hässlichen Dingen.

Vielleicht waren die Witze harmlos, sehr wahrscheinlich war ihr Umgang mit der Situation zu überstürzt. Das Ironische daran ist jedoch, dass der Sexismus, den sie meinte, sich jetzt in den Online-Foren und Social Media-Kanälen in seiner grauenhaftesten Form zeigt.

»Frauennetzwerk Digitalista: Gehackt und auf Porno-Seite geroutet«

Sexismus im Netz existiert schon lange, öffentlich thematisiert wurde er bisher kaum. Anfang des Jahres haben wir mit Digitalista ein Netzwerk geschaffen, dass sich an die Frauen der Digital-Branche richtet und diese in ihrer Karriere unterstützen. Wir haben zigfach mehr Zuspruch erhalten, als wir erwartet haben – aber auch viel mehr Missgunst. Nicht nur müssen wir uns rechtfertigen, einen Frauennetzwerk zu organisieren – übrigens sind auch Männer willkommen – in anonymen Postings werden wir belächelt. Als Sexismus hätte ich dies nicht bezeichnet – bis vor kurzem.

Digitalista wurde von Doris Christina Steiner, Kathrin Folkendt, Natalie Kain, Susanne Liechtenecker, Johanna Waldmann, Gilda Polagnoli, Gudrun Schweighofer und Lisa Oberndorfer gegründet.
Die Digitalista-Gründerinnen: Doris Christina Steiner, Kathrin Folkendt, Natalie Kain, Susanne Liechtenecker, Johanna Waldmann, Gilda Polagnoli, Gudrun Schweighofer und Lisa Oberndorfer.

Digitalista-Website gehackt. Vor einigen Wochen wurde unsere Website gehackt und auf eine Seite weitergeleitet, die gar nicht mehr als Pornografie bezeichnet werden kann. Das ist unbestreitbar grauenhafter Sexismus. Zufall? Dass nur wenige Tage später auch die Website des Events FemCamp zugetrollt wurde, bestätigt die Annahme einer sexistischen Motivation. Eine Organisation, die Frauen fördert und eine Industrie, die nicht gerade dafür bekannt ist, Frauen fair zu behandeln – diese Formel ist offensichtlich. Zu erleben, dass Menschen eine wohltätige Organisation, die sowohl Frauen als auch Männer unterstützen will, auf so einem Niveau sabotieren, war ein Schlag ins Gesicht.

Wir haben versucht, den Vorfall, der uns persönlich sehr getroffen hat, runterzuschlucken. Vor allem aus Angst, wieder gehackt oder sogar privat virtuell attackiert zu werden. Ich will jedoch nicht in einer Gesellschaft leben, in der man sich davor fürchten muss, eine sexistische Attacke anzusprechen. Das gäbe den Tätern zu viel Macht, die sie nicht verdienen. Vielmehr ist dieser Kommentar ein Beitrag dafür, die Gesellschaft mehr für unpassende Äußerung und Handlungen gegenüber dem anderen Geschlecht zu sensibilisieren, insbesondere virtuell.

Schweigen ist keine Antwort. Der ausufernde Fall bei der Tech-Konferenz in den USA ist sowohl für Frauen als auch Männer eine wichtige Lektion. Frauen sollten nicht voreilig reagieren, wenn sie sich durch sexistische Äußerungen unwohl fühlen – aber diese auf keinen Fall hinunterschlucken. Wer sich nicht traut, die Betroffenen direkt anzusprechen, sollte Kontakt mit den Veranstaltern aufnehmen. Im Fall der PyCon -Konferenz gab es sogar einen Verhaltenskodex, weshalb die Organisatoren rasch auf die Beschwerde reagiert haben. Und Männern sollte bewusst sein, dass Frauen sich im Tech-Umfeld, wo sie sowieso schon unterrepräsentiert sind, durch solche Kommentare höchst unwillkommen fühlen. Digitalista ist für ein lösungsorientiertes Miteinander, bei dem Männer und Frauen sich gegenseitig unterstützen. Aber wir werden nicht schweigen, wenn man uns attackiert. Damit tun wir uns keinen Gefallen, sondern schenken den Angreifern unverdiente Macht.

Die Facebook -Chefin Sheryl Sandberg schreibt in ihrem eben erschienen „Lean in“, dass die Revolution der Gleichberechtigung in den letzten Jahren stehen geblieben ist. Diese Revolution bewegt sich jetzt wieder – was natürlich auch ihre Gegner aufweckt. Davon lassen wir uns aber nicht weiter ablenken.

Thema: Sexismus