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Gegen die Einsamkeit: Warum der Verkauf von Sexpuppen boomt

Die Einsamkeit hat während Corona stark zugenommen. Das bemerkt auch Josef Le. Der Burgenländer fabriziert lebensechte Sex-Dolls. Die Nachfrage nach den Puppen ist kaum mehr zu bewältigen.

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Gegen die Einsamkeit: Warum der Verkauf von Sexpuppen boomt
© Monika Saulich

Wir besuchten Josef Le zum ersten Mal 2018. In seinem damaligen Showroom im 13. Bezirk. Das Szenario war etwas gruselig. Zwei Damen saßen in knappen Dessous auf einem braunen Ledersofa, eine weitere lag auf einer Art Operationstisch. Die drei wirkten etwas verkrampft, starrten uns mit leblosen Augen und leicht geöffneten Mündern an. "Ich weiß, den meisten graut erst ein wenig, aber wenn man sich näher mit den Puppen beschäftigt, merkt man, wie menschlich sie sind. Greifen Sie sie ruhig an", animierte uns Josef Le, 44. Wir tatschten also an einer Nackten herum, verdrehten ihr den Hals, verbogen Arme und Beine, schreckten schließlich auch vor Körperöffnungen nicht zurück. Fazit des etwas befremdlichen Ausgreifens: In unterschiedliche Positionen ließ sich die künstliche Geliebte nur schwer verbiegen. Dafür fühlte sich die Silikonhaut sehr echt an, beim Busen oder Bauch war sie weicher, an den Armen oder Beinen straffer.

Redakteurin Andrea Wipplinger traf Sexpuppen-Hersteller Josef Le und sprach mit ihm über sein Erfolgsbusiness.

Einsamkeit kurbelt das Geschäft an.

Jetzt erreichen wir den Sexpuppen-Macher erneut. Wie läuft das Geschäft denn so? "Mehr als gut. Die Nachfrage ist durch die Pandemie um 300 Prozent gestiegen." Erstaunt ist er über diese Entwicklung nicht, immerhin seien die Bordelle seit über einem Jahr fast durchwegs geschlossen. "Irgendwo müssen sich Alleinstehende ja sexuell abreagieren", erläutert Le, der seinen Showroom mittlerweile in den 19. Bezirk verlegt hat. Kundenkontakte pflegt der Geschäftsmann derzeit allerdings nur telefonisch und das fast im Minutentakt. Doch es gibt einen Haken, denn trotz des enormen Andrangs ist sein Umsatz nur wenig gestiegen. Grund dafür: Der Preis für die Puppen hat sich nahezu verdoppelt. So springen einige Interessenten doch lieber wieder ab. "Wir produzieren ja großteils in China. Da wurden Transport- und Zollkosten im letzten Jahr, aufgrund der Pandemie, drastisch erhöht." Le hofft auf eine baldige Entspannung der Situation, dadurch würden sich die Preise wieder normalisieren.

»Es gibt viele einsame Menschen, die sich schwer tun mit realen Kontakten. Sie schaden ja niemandem damit.«

Dass die hochwertigen Modelle - sie wiegen 35 Kilo und bestehen aus einem mit Kunststoff überzogenen Stahlskelett – generell nicht billig sind, versteht sich fast von selbst. Die günstigste Variante kostet 2.000 Euro. Nach oben hin gibt es keine Grenzen. "Aktuell biete ich drei Modelle zwischen 7.000 und 15.000 Euro an. Normalerweise bis zu 30 unterschiedliche Varianten." Man wählt eine Vorlage oder eine maßgeschneiderte Ausführung. Selbst die Vagina kann nach Wunsch geformt werden. Die billigste besteht aus einem normalen Silikon-Schlauch. Für eine hochwertigere wird ein 3D-Abdruck einer echten Frau genommen. 35 Leute arbeiten an einem Modell, der Zusammenbau in China dauert bis zu acht Wochen. Beim neuesten Prototyp werde die Festigkeit noch realistischer ausgelegt sein, freut sich der Puppenmacher. "Jedes Modell lässt sich auf 36 Grad aufheizen und reagiert durch Touch-Sensoren auf Berührungen. Und sie ist full gepainted. Das heißt, man erkennt einzelne Poren und sogar Venen." Nur sprechen können die Ladys noch nicht, lediglich stöhnen. Aber bald wird eine leichte Konversation möglich sein. Auch die Vagina wird sich in Zukunft selbst befeuchten, derzeit muss man sie noch mit Gleitgel eincremen, erklärt der Puppenmacher.

Die fertigen Sex-Dolls kosten zwischen 7.000 und 15.000 Euro und wiegen 35 Kilo.

Liebeshungrige Kundschaft.

Und wer ordert die willigen Liebesdienerinnen? Man hat da ja so ein Klischee im Kopf - zu Unrecht, weiß Le. "Wirklich jeder. Männer ab 30 bis über 80." Auch Frauen sind darunter. Sie bestellen Dolls mit umschnallbarem Dildo oder gleich eine männliche Version: "Jeder Penis funktioniert wie ein Vibrator." Der verheiratete Burgenländer kennt die sehr unterschiedlichen Gründe, aus denen sich Menschen einen Silikongefährten nach Hause holen: "Frauen erzählen, dass sie den simplen Massagestab oder Männer im Allgemeinen satthaben und etwas Neues ausprobieren wollen. Ein Kunde hat eine Puppe für seinen behinderten Bruder gekauft, ein anderer hat eine ganze Sammlung in seinem Gartenhaus." Einige schicken Le sogar jahrelang Fotos von ihren Gespielinnen. "Die sitzen ganz normal gekleidet bei ihnen auf der Couch." Doch gerade jetzt bekämpfen viele nicht nur ihre Lust, sondern auch ihre Einsamkeit mit den Spielgefährtinnen: "Die freuen sich, wenn jemand mit ihnen im Raum ist oder sie 'erwartet', wenn sie heimkommen. Sie können sie waschen, anziehen oder setzen sie sich zum Essen mit an den Tisch. Das Bedürfnis, sich um jemanden zu kümmern, wird befriedigt." Und was denkt Josef Le selbst über sein etwas befremdliches Geschäft? Sein klarer Standpunkt: "Ich bin kein Psychologe, aber solche Gefährtinnen haben absolut ihre Berechtigung. Es gibt viele einsame Menschen, die sich schwer tun mit realen Kontakten. Sie schaden ja niemandem damit." Aber er strebe ohnehin nach Höherem erzählt er uns zum Schluss noch von seiner Zukunftsvision: "Ich wäre gerne eine Art Madame Tussauds für Silikon. Meine Puppen wären dann nicht nur Lustobjekt, sondern Kunstwerke."

Thema: Report

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