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Netflix-Hit: "Shtisel" - das macht die jüdische Serie so interessant!

Zählst du dich auch schon zur „Shtiselmania“? Nein? Dann verpasst du etwas, denn die Netflix-Serie über die ultraorthodoxe jüdische Familie „Shtisel“ muss man gesehen haben.

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Netflix: Shtisel
© Ohad Romano

Eine Serie über eine ultraorthodoxe jüdische Familie schaut sich doch niemand an … „Sexy ist etwas anderes", dachte sich zunächst auch eine der Hauptdarstellerinnen, Neta Riskin, 44, als sie das Angebot für eine Rolle in der israelischen Familien-Saga bekam. Trotzdem ließ sie das Thema nicht los: "Obwohl das gesamte Team überzeugt davon war, das in erster Linie für uns selbst zu drehen. Das Budget war auch eher gering."

Zwischen den Welten

Der Inhalt ist schnell erklärt: Skizziert wird das Leben der Familie Shtisel in ihrem streng orthodoxen Umfeld im Jerusalemer Stadtteil Geula. Hauptpersonen sind das Familien-Oberhaupt Shulem Shtisel, der als Rabbi in einer religiösen Schule unterrichtet, sein jüngster, erwachsener Sohn Akiva Shtisel, der unentwegt mit Liebesproblemen kämpft und seine Tochter Giti mit ihren fünf Kindern und ihrem überforderten Mann. Die Herausforderungen zwischen ihren strengen Regeln und dem Zusammenprall mit der liberalen Welt, außerhalb ihres engen Umfelds, führen zu spannenden, amüsanten oder dramatischen Situationen

Mega-Erfolg auf Raten

"Die Geschichte wurde zunächst nur auf dem israelischen Satellitensender Yes ein großer Erfolg“, erzählt Neta Riskin in einem Interview. 2018 wurde das Format von Netflix übernommen, der Riesen-Hype ging allerdings erst im letzten Jahr so richtig los. "Corona hat vielleicht auch etwas dazu beigetragen. Es explodierte einfach", sagt Riskin. Als die Hauptdarsteller vor ein paar Wochen nach New York reisten, um die dritte Staffel zu präsentieren, musste die Polizei die Sixth Avenue sperren, um den Fan-Ansturm zu bewältigen.

Ich bin erst vor Kurzem reingekippt, kann mich aber seitdem nicht sattsehen an Shulem Shtisel und seinen Kindern Akiva, Ben Zvi und Giti. Warum? Kann ich nicht erklären. Eigentlich geht es um nichts und gleichzeitig alles. Akiva (Michael Aloni) beispielsweise, Sohn des Familien-Patriarchen Shulem Shtisel, stößt mit seinen künstlerischen Bestrebungen an die Grenzen der haredischen Gesellschaft. Oder Giti, die Tochter, gespielt von Neta Riskin, wird von ihrem Mann sitzen gelassen und versucht, trotzdem ihre Familie durchzubringen, ohne dabei den Ruf aufs Spiel zu setzen. Man könnte die Unterdrückung der Frau in dieser Welt anprangern, aber zugleich zeigt die Serie mehr Feminismus als man zunächst ahnt. Eben am Beispiel Gitis. Nicht ihr Mann steht nach seinem Auszug im Mittelpunkt, stattdessen wird seine Frau gezeigt, wie sie mit Geldsorgen kämpft und sich um ihre Kinder sorgt. Sie schmeißt den Laden, während er schwächelt. Man kippt rein, fiebert und leidet mit den Protagonisten mit und freut sich mit ihnen. Gesprochen wird Hebräisch oder Jiddisch, dazu gibt es deutsche Untertitel. Anfangs war ich davon irritiert, aber man gewöhnt sich schnell ans Mitlesen und vor allem beim Jiddischen versteht man doch so einiges.

Vergleiche ziehen

Schon die Mini-Serie "Unorthodox" (auch auf Netflix), die ebenfalls zum großen Hit wurde, hat mich beeindruckt. Nur, anders als in "Shtisel" werden dort die beiden Welten und ihre unterschiedlichen Werte einander gegenübergestellt. Ich erinnere mich an Szenen, in denen die frisch verheiratete Esther von ihrem ihr vermittelten Mann, trotz großer Schmerzen, zum Sex gedrängt wird. Auch der enorme Druck der Familie, die von den strengen, orthodoxen Regeln keine Sekunde lang abweicht, macht ein Verständnis für die ultraorthodoxe Gemeinschaft fast unmöglich.

"Shtisel" ist anders. Man bleibt fast durchgehend in den haredischen Vierteln Jerusalems. Somit werden die Ereignisse nicht der Prüfung nach "unseren" Maßstäben ausgesetzt. Dadurch wird es aber möglich, uns in die Gefühlswelt von Menschen, die so anders sind, reinzudenken. Es wird kein Urteil über das Leben der Ultraorthodoxen gefällt. Gut so.

Die Fan-Base lässt staunen

Besonders bemerkenswert finde ich die Zusammensetzung der Fans: Säkulare Hipster lieben die Serie genauso wie Strengreligiöse aus ultraorthodoxen Zentren – zumindest die unter ihnen, die sich Fernsehen und Internet erlauben. Diese Gruppen stehen sich sonst eher feindlich gegenüber, bei "Shtisel" werden sie vereint. Die Wienerin, Anna Kitting, 29, lebt seit zwei Jahren in London, in direkter Nachbarschaft einer haredischen Gemeinschaft: "Ich habe sie dort immer als die Fremden empfunden, die an für mich unverständlichen Werten festhalten, und mit mir nichts zu tun haben wollten. Wir haben einander ignoriert." Jetzt ist es anders. "Shtisel" habe einiges verändert. "Plötzlich sind mir diese Menschen vertraut. Wir sind zwar nach wie vor auf Distanz, aber ich verstehe ihre Beweggründe jetzt besser. Ja, ich muss sagen, ich habe mich in die Figuren geradezu verliebt." Dem kann ich nur zustimmen.

Auf Netflix ist gerade Staffel 3 angelaufen. Dass es auch noch eine Staffel 4 geben wird, ist nicht ausgeschlossen.