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Ich bin Single und will ein Kind

Vater, Mutter, Kind. Die traditionelle Familie. Aber was, wenn der sehnsüchtige Wunsch nach einem Kind da ist, aber eben kein Partner oder keine Partnerin?

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Ich bin Single und will ein Kind
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Anna ist Mitte 30 und Single. In ihr ist ein Wunsch, ein Wunsch, der nicht so einfach weggeht. Der Wunsch, "ein Kind beim Aufwachsen zu begleiten und zwar nicht nur als Tante, Freundin oder Kinderhüterin." Und sie fragt sich in einem bewegenden Text: "Warum muss ich dafür unbedingt in einer romantischen Zweierbeziehung sein?"

»Warum muss ich für ein Kind unbedingt in einer romantischen Zweierbeziehung sein?«

Sie wünscht sich, dass wir endlich wegkommen vom klassischen Bild der Familie, das sich aus Mutter, Vater und Kind zusammensetzt. Denn Familie wird nicht durch Biologie oder Wertevorstellungen definiert, sondern vielmehr durch Verantwortung und Liebe. Und die können selbstverständlich in jeder erdenklichen Konstellation vorhanden sein.

Aber bisher ist für Alleinstehende der Zugang zu Samenspenden schwierig bis unmöglich sowie mit immensen Kosten verbunden - so ist etwa für Singles in Österreich der Zugang zu Samenspenden und künstlicher Befruchtung sogar verboten, ebenso eine Leihmutterschaft.

Und viele wissen es aus eigener harter Erfahrung: Es ist auch weit entfernt vom Kinderspiel, alleine ein Kind aufzuziehen! Daher kam Anna nach vielen Gesprächen mit einer Freundin der Gedanke, ein Kind gemeinsam mit ihr großzuziehen - nicht in einer Partnerschaft, sondern in einer unterstützenden Freundschaft zweier Frauen, die beide den Kinderwunsch verspüren.

Ich habe mit Anna über ihre Idee, deren eventuelle Umsetzung sowie über die Diskriminierung, die Alleinerziehenden oftmals entgegenschlägt, gesprochen:

WOMAN: In den letzten Jahren fällt es auf, dass Kinderkriegen und Kinder haben eine öffentliche Sache geworden ist. Hashtags wie #regrettingmotherhood unterstreichen diese Veränderung. Wie beurteilst du die Verschiebung des Kinderkriegens vom Privaten ins Öffentliche?
Anna: Kinder kriegen und Kinder haben war schon immer eine öffentliche Sache. Neu ist, dass andere Stimmen zum Wort kommen, die nicht durch Geburt, Beruf oder Amt Personen öffentlichen Interesses sind. Viele der Themen um Kinderkriegen und Kinder haben kommen aus feministischen Diskursen, die zum Teil schon ins 18. Jahrhundert und weiter zurück gehen und jetzt endlich eine breitere Öffentlichkeit erreichen.

Wie bei vielen anderen Themen ist für mich auch hier das Internet dafür verantwortlich. Die Darstellung und Diskussion ist diverser geworden, durch persönliche Berichte über Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien und die Veränderung der sie betreffenden Gesetze, Thematisierung der Lebensumstände und Belastungen von Alleinerziehenden und eben ein breiterer Diskurs darüber, was es wirklich heißt Mutter bzw. Elternteil zu sein. Diese Berichte wurden und werden von den Medien aufgegriffen und ganz langsam entsteht auch im öffentlichen Diskurs ein realistischeres Bild davon, wie Familie auch noch aussehen kann. Ich finde das ungeheuer wichtig, denn das Bild der Vater-Mutter-Kind-Kernfamilie als allein selig machend erzeugt immer noch sehr viel unnötigen Druck und Zwang.

WOMAN: Darf ich nachfragen, warum du eine Beziehung eher ausschließt?
Anna: Realistischerweise muss ich sagen, dass ich nicht mehr genug Zeit dafür habe. Schwanger werden kann bzw. möchte ich nicht mehr lange, Beziehungen eingehen schon. Es braucht Zeit, um eine Person kennenzulernen, die ich mag und die ähnliche Vor- und Einstellungen hat und die auch mit mir eine Beziehung führen und dann obendrein noch ein Kind oder Kinder haben will. Natürlich könnte ich meine Ansprüche aufgeben und eine Beziehung beginnen, nur um ein Kind zu bekommen, aber erstens will ich das nicht und zweitens geht das unter Garantie schief und könnte schlimmstenfalls zu einem sehr mühsamen Drama werden. Die etwas abgeschwächte Version davon ist der one night stand, von dem ich mit etwas Glück schwanger werden könnte, aber für mich gilt hier genauso: Warum muss ich das tun, wenn es eine viel einfachere und vor allem in mehrerer Hinsicht sicherere Methode gibt?

WOMAN: Bisweilen ist der Kinderwunsch ja sogar in Beziehungen einseitig - nur eine oder einer von beiden will, die oder der andere beugt sich, dem oder der anderen zuliebe. Dennoch ist - was ich absolut erstaunlich finde - Alleinstehenden eine Samenspende o. ä. sogar verboten? Hattest du diesbezüglich schon einmal Kontakt mit Behörden oder Personen in öffentlichen Ämtern?
Anna: Noch nicht. Ich bin schon etwas neugierig, wie das eigentlich ermittelt und verfolgt werden soll bzw. ob oder wie die Kliniken kontrollieren, ob ein Paar nur befreundet oder romantisch verbunden ist. Ich frage mich auch, ob es schon befreundete Frauenpaare gab, die erfolgreich waren. Alleinstehenden ist jedenfalls die künstliche Insemination mit Samenspenden verboten und damit auch alle Behandlungen und Unterstützungen, die heterosexuelle und lesbische Paare bei Unfruchtbarkeit bekommen können.
Durch das Verbot der Leihmutterschaft sind schwule Paare ebenfalls benachteiligt und die Konstellation, dass ein oder beide in einer Beziehung trans ist bzw. sind, wurde von den Gesetzgebenden überhaupt nicht berücksichtigt. Irgendwie schwingt für mich da immer mit, dass verhindert werden sollte, dass Menschen leichtfertig schwanger werden, aber bei einer künstlichen Insemination, bei der die Gesamtkosten ab 2000 Euro aufwärts gehen, ist das für mich ehrlich gesagt nicht gegeben.

WOMAN: Warum glaubst du, sind alleinstehende Frauen (in vielerlei Hinsicht) so benachteiligt?
Anna: Ich denke, das liegt vor allem an den immer noch bestehenden und in gesellschaftliche und gesetzliche Vorgaben umgesetzten Vorstellungen, dass Frauen unbedingt verheiratet sein und Kinder haben müssen. Alle Abweichungen von diesen Normen werden kontrolliert, verhindert, bestraft – und den Frauen persönlich angelastet anstatt dass hinterfragt wird, warum das so sein muss und wie es anders gehen könnte. Alleinstehende Frauen mit Kindern sind überdurchschnittlich von Armut betroffen und auch Altersarmut betrifft Frauen ganz besonders, dabei haben sich die meisten von ihnen diese Umstände nicht ausgesucht, aber die Schuld wird bei ihnen gesucht und die an den Situationen beteiligten Männer und Strukturen nicht annähernd so stark zur Verantwortung gezogen. Und nachdem Frauen in Österreich und vielen anderen Ländern leider keine starke Lobby haben, die sie bei ihren Anliegen unterstützen würde, wird das auch noch so weitergehen.

»Alleinstehende Frauen mit Kindern sind überdurchschnittlich von Armut betroffen und auch Altersarmut betrifft Frauen ganz besonders.«

WOMAN: Einerseits betrauert die Politik, dass immer weniger Kinder in Österreich geboren werden, andererseits wird genau das Singles unmöglich gemacht - glaubst du, dass sich dieses althergebrachte Familienbild noch zu deinen Lebzeiten ändern wird?
Anna: Na ja, die Trauer darüber, dass in Österreich immer weniger Kinder geboren werden, halte ich vor allem für Heuchelei. Es gibt nämlich eine Menge an Maßnahmen, die gesetzt werden könnten, damit mehr Kinder geboren werden, z.B. mehr und öffentliche Betreuungseinrichtungen für Kinder unter vier Jahren, Ganztagsschulen, Hinarbeiten auf die gesellschaftliche Akzeptanz von Väterkarenz, Halbe-Halbe im Haushalt und bei der Kindererziehung und vieles mehr. Andererseits ist das ein versteckter Rassismus, denn Kinder aus nichtweißen Familien erhalten nicht nur weniger Unterstützung sondern werden aktiv diskriminiert.
Ich finde auch, die Gesellschaft im Allgemeinen wird immer kinderfeindlicher – Kinder sollen irgendwie schon da sein, aber bitte möglichst nicht so in Erscheinung treten, dass sie irgendwelche Erwachsenen inkonvenieren könnten. Ich denke auch, dass die Anzahl von Menschen, die sich unter den jetzigen Umständen aktiv aussuchen würden, alleinerziehende Eltern zu werden, sehr gering ist. Hoffentlich wird es aber viele verschiedene Familienkonstellationen geben, die alle gleichermaßen akzeptiert sind. Ob sich aber zu meinen Lebzeiten, also ca. in den nächsten 50 Jahren etwas ändert, liegt für mich wesentlich in der Richtung, die nicht nur die österreichische, sondern die europäische und globale Politik einschlägt. Gerade befürchte ich eher einen Rückschritt in die 40er-Jahre.

»Ich finde auch, die Gesellschaft im Allgemeinen wird immer kinderfeindlicher.«

WOMAN: In deinem Text schreibst du, dass du nicht willst, dass sich „der Samenspender in das Leben des Kindes einmischt“ und du deswegen auch kein Pflegekind aufnehmen möchtest. Was würdest du tun, wenn das Kind später den Vater ausfindig machen möchte?
Anna: Bei einer anonymen Samenspende hat der Spender keine rechtlichen Verpflichtungen und daher auch keine rechtliche Handhabe, um z.B. Kontakt oder Besuche durchzusetzen, wenn ich das nicht möchte, deshalb ziehe ich eine anonyme Samenspende einer von z.B. einem Bekannten, der nämlich rechtliche Verpflichtungen und Handhabe hätte, vor. Es gibt es auch Samenspender, die ausdrücklich keinen Kontakt zu den Kindern wünschen, deren Samen ist sogar billiger als der von Spendern, die ihr OK für eine Kontaktaufnahme geben. Und bei Pflegekindern hätte die Herkunftsfamilie – verständlicherweise – alle Rechte, ich nur ein Mitspracherecht und der ganze Sinn einer Pflegesituation ist ja eigentlich, dass die Herkunftsfamilie soweit unterstützt und vorbereitet wird, dass sie ihr Kind wieder bei sich aufnehmen können. Daher gibt es sinnvollerweise auch ganz andere Auflagen die Kinder betreffend.
Aber wenn mein Kind soweit es geht herausfinden möchte, von wem es auch noch genetisches Material erhalten hat, dann würde ich es unterstützen und begleiten. Allerdings würde ich meinem Kind schon vorher jeweils altersgerecht vermitteln, wie es entstanden ist und warum auf diesem Weg und nicht anders bzw. auch, wie viele andere Familienformen es gibt. Das würde ich aber auch tun, wenn ich die Mutter in einer Vater-Mutter-Kind-Familie wäre.

WOMAN: Du schreibst, dass bei einer Samenspende die endgültige Auswahl der Spender durch das Personal der Klinik erfolgt. Was wären deine Kriterien für einen idealen Spender?
Anna: Eigentlich nur ganz egoistische: Wenn ich es mir aussuchen kann, hätte ich schon gerne, dass mein Kind mir ähnlich sieht und dafür müssen beim Spender gewisse Voraussetzungen erfüllt sein, nämlich z.B. Locken. Insgesamt ist es mir egal, nur finde ich es schon seltsam, dass ich mir das nicht gezielt aussuchen kann und bedenklich, dass mir unbekannte Personen so viel Entscheidungsmacht haben – ob sich da noch nie jemand beschwert hat? Bzw. könnte ich schon bei einer Samenbank im Ausland Samen bestellen, der allen meinen Wünschen entspricht, nur kostet das dann natürlich noch mehr.

WOMAN: Hast du dich informiert, wie die rechtliche Situation für deine Freundin, mit der du das Kind aufziehen möchtest, aussehen würde - in Bezug auf Sorgerecht oder den Fall, dass dir etwas zustoßen sollte?
Anna: Ihre rechtliche Situation wäre – endlich – so wie bei unverheirateten lesbischen und heterosexuellen Paaren, bei denen die Partnerin bzw. der Partner in die Geburtsurkunde eingetragen wird, d.h. sie hätte dasselbe Sorgerecht und dieselben Pflichten, im Fall, dass mir etwas zustößt. Dasselbe gälte bei einer Stiefkindadoption, die nötig wäre, wenn sie nicht in die Geburtsurkunde eingetragen wird, aber dafür müssten wir uns verpartnern.

WOMAN: Im Diskurs zum Thema Kinderwunsch gibt es auch eine andere Stimme, wonach Kinderkriegen bisweilen sogar als egoistisch angesehen wird, da eine Überbevölkerung der Welt vorliegt und viele Kinder auf der ganzen Welt ohne Eltern aufwachsen. Wie stehst du zu diesem Argument?
Anna: Das ist ein Argument, das ich aus Unsicherheit schon ab und zu herumwälze, aber an ihm hängt so vieles, zuvorderst die Eugenik, weil wer darf dann Kinder bekommen und wer nicht und wer bestimmt das? Ich sehe es eher so: Falls sich die Möglichkeit ergibt, dass ich ein Kind bekommen kann, werde ich sie ergreifen und sonst muss es nicht sein. Insgesamt ist das auch etwas wahrscheinlicher.

WOMAN: Welche Rückmeldungen bekommst du aus deinem Umfeld, wenn du über deine Idee sprichst, gemeinsam mit einer Freundin ein Kind bekommen zu wollen?
Anna: Ich habe noch nicht mit sehr vielen Menschen darüber gesprochen, weil ein Gespräch darüber sehr viel Persönliches enthält. Aber die Reaktionen gehen von abblockendem „Ich will keine Kinder - Gesprächsende.“ zu „Warum muss es ein eigenes Kind sein?“ zu „Ich überlege mir auch schon so etwas in die Richtung.“ zu „Eine Mütter-WG wäre super.“ Ich könnte mir schon eine Eltern-WG vorstellen, so bin ich eigentlich als kleines Kind aufgewachsen – meine Eltern wohnten gemeinsam mit einem befreundeten Paar in einem Haus und stimmten die Termine ungefähr aufeinander ab. So betreuten dann vier Erwachsene (und noch einige mehr, z.B. konnten sie sich so private Kinderbetreuung leisten, mein Onkel und meine Großmutter kamen oft auf lange Besuche) zuerst zwei Kinder, dann vier.

»Eine Mütter-WG wäre super.«

WOMAN: Gibt es noch irgendetwas, das du nicht unerwähnt lassen möchtest im Rahmen unseres Interviews?
Anna: Ich fürchte, für Personen außerhalb von feministischen Diskursen klingt das alles sehr verwurschtelt und egoistisch, schließlich gäbe es ja jede Menge einfacher Lösungen und es gibt kein Recht auf Kinder, aber ich möchte gerne, dass sich die Lesenden die Frage stellen: Wenn ich es mir aussuchen könnte, hätte ich dann Kinder? Unter welchen Umständen? Wenn die Möglichkeit bestünde, Kinder unabhängig von einer Beziehung, unabhängig von Sex zu bekommen, warum sollte sie nicht für alle zugänglich sein, die sich das wünschen?

Den Originaltext von Anna mit dem Titel "Der Wunsch, der nicht weggeht", findest du auf umstandslos.com.

»Wenn die Möglichkeit bestünde, Kinder unabhängig von einer Beziehung, unabhängig von Sex zu bekommen, warum sollte sie nicht für alle zugänglich sein, die sich das wünschen? «
Ich bin Single und will ein Kind
Themen: Kinder, Eltern