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So blüht die Liebe lange

Man mag es sich wünschen, aber möglich ist es nicht: dass der Partner sich niemals verändert. Da ist es doch besser, Wandlungen als Chance zu sehen, sich immer wieder neu verlieben zu können. Wie das geht, welche Liebesform die heutige Zeit dominiert und warum Konflikte auch gut sind, weiß Paarberater Michael Mary.

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So blüht die Liebe lange
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Bei dir ist gerade alles wunderbar. Du willst heiraten, bist verliebt und glücklich. Und so wird es noch lange bleiben. Aber wenn mal die ersten Konflikte auftauchen, will man gewappnet sein. Mit dem Wissen etwa, dass Probleme keine total unnötigen Störenfriede sind, sondern einen Richtungswandel in der Beziehung anzeigen: Hallo, es besteht Veränderungsbedarf im Umgang miteinander. Menschen verändern sich eben, weiß der renommierte Hamburger Paarberater Michael Mary (michaelmary.de). "Sonst müsste die persönliche Entwicklung abgeschlossen sein, und so etwas gibt es nicht." Aber sehen wir das Ganze doch positiv: Du kannst den Menschen an deiner Seite so immer wieder neu entdecken und dich auch neu in ihn verlieben. Und das wird nie langweilig! "Wichtig ist, dass Sie und Ihr Partner einander in Abständen begegnen und Einblick in das Innenleben des anderen gewinnen. Und dessen Befindlichkeit berücksichtigen", rät Michael Mary, der bereits 36 Bücher vor allem zum Thema Paar-Beziehung veröffentlicht hat. Darunter Longseller wie "Liebe will riskiert werden" (Ariston, € 15,50 ) mit dem Credo: Nur wer etwas riskiert, sich auf den Partner einlässt und sich immer wieder aufs Neue mit ihm auseinandersetzt, hat Chancen auf eine Liebe von Dauer. Persönlichkeitsveränderungen des Partners mit Abwehr und dem Kämpfen um den "Menschen, den ich früher kannte" zu begegnen, bringt hingegen nur unlösbare Konflikte, denn: "Wenn man eine Veränderung bemerkt, ist sie bereits passiert." Und nicht rückgängig zu machen. Beispiel: Werde ich mir meiner Unzufriedenheit bewusst, dann ist sie sicher schon länger da und hat sich bereits auf mein Verhalten ausgewirkt.

Die Liebe der heutigen Zeit, die Mary als emotional-leidenschaftlich bezeichnet, setzt nämlich zuerst einmal auf Gefühle. Auf seelische Verbindung und den Eindruck der "Ganzliebe", den Partner voneinander erwarten. Nur der, den man so tief in sein Inneres hineingelassen hat, kann einem die Bestätigung geben: "Du bist okay, so wie du bist. Du bist einzigartig und wirst von mir vollkommen angenommen." Wie man Liebesgefühle bewahrt, Veränderungen akzeptieren kann und zu mehr Nähe findet, erklärt Michael Mary in unserem Talk.

(Bald) frischvermählt! Da ist noch alles rosarot. Kann man neuen Ehepaaren überhaupt einen allgemeingültigen Rat für die Zukunft geben?

Mary: Ja. Sie sollen sich darauf einstellen, dass früher oder später Konflikte auftreten, weil mit der Zeit individuelle Unterschiede deutlich werden. Das ist unvermeidbar. Aber Probleme haben auch etwas Gutes: Über sie zeigt sich, dass Veränderungsbedarf im Umgang miteinander besteht. Die größte Chance, dass es gut weitergeht, besteht in der Bereitschaft, Probleme anzunehmen und zu bewältigen.

Veränderungen, warum müssen die überhaupt sein? Schön wär’s doch, wenn alles so bleiben würde wie zu Beginn!

Mary: Dann müsste aber jeder der beiden Partner über eine fertige Persönlichkeit verfügen, seine persönliche Entwicklung müsste abgeschlossen sein – und so etwas gibt es nicht.

Wenn man mit Veränderungen rechnet, fällt man jedenfalls nicht aus allen Wolken, wenn einmal etwas schiefläuft.

Mary: In etwa. Jede Verhaltensänderung, die nicht erwartet wurde, kann die Beziehung, also die Reaktionen aufeinander, aus dem Gleichgewicht bringen. Zwei wollten ein weiteres Kind, nun macht einer einen Rückzieher. Oder einer verliert die Lust am Sex. Oder einer verliert den Job und ist längere Zeit niedergeschlagen. Oder aber auch: Einer hat einen Unfall oder eine Krankheit oder entwickelt plötzlich andere Lebensziele.

Was passiert dann in den meisten Fällen mit der Beziehung?

Mary: Wenn der Partner sich anders zeigt, nicht auf die erwartete, verlässliche Weise reagiert, ein anderer Mensch zu sein scheint, brechen Liebeskämpfe aus. Der Partner soll der bleiben, der er war. Zuversichtlich und nicht niedergeschlagen. Zärtlich und nicht ärgerlich. Er soll einen so brauchen wie früher. Darum kämpft man mit allen Mitteln. Aber Diskussionen führen hier zu nichts. Man kann Entwicklungen nicht zurückdrehen. Wenn man eine Veränderung bemerkt, ist sie bereits passiert. Wenn ich mir z. B. meiner Unzufriedenheit bewusst bin, ist sie schon da, und sie hat bestimmt schon längere Zeit unbemerkt mein Verhalten beeinflusst.

Wie also am besten reagieren?

Mary: Für die Beziehung ist es unerlässlich, auf den veränderten Partner einzugehen, sich ihm zuzuwenden, an ihm interessiert zu sein und ihn als Person zu bestätigen. Den Identitätswandel sozusagen mitzutragen. Das ist klarerweise nicht einfach. Aber es kommt darauf an, zu erkennen, womit der Partner befasst ist und was sich in seiner Innenwelt verändert hat. Will der eine, dass sich der andere öffnet, erreicht er das leichter, indem er sich selbst öffnet und mitteilt, wie es ihm geht. Etwa durch die Aussage: "Ich fühle mich in letzter Zeit öfter von dir zurückgewiesen", oder: "Ich vermisse die Nähe zu dir" oder: "Ich habe das Gefühl, du küsst mich nicht mehr so gerne!"

Oft stecken dann ja ganz andere Gefühle dahinter, wie Sie schreiben …?

Mary: Ja, Selbstzweifel oder Ängste zum Beispiel, die sich hinter dem jeweiligen Verhalten verbergen können. Indem sich die beiden das Gefühl geben, "auch damit" angenommen zu sein, kommen sie sich wieder näher.

Wenn man an sich selbst Veränderungen bemerkt, müsste man dann ein schlechtes Gewissen haben?

Mary: Nur wenn man glaubt, man könnte über sich selbst bestimmen. Aber wenn das möglich wäre, gäbe es keine Probleme, nicht mit sich, nicht mit dem Partner und nicht mit der Welt.

Wieso sollte man nicht über sich selbst bestimmen können?

Mary: Das kann man nur, solange sich die Dinge in gewohnten Bahnen bewegen. Wenn dann etwas Unerwartetes geschieht, weiß man nicht, wie man reagieren wird. Das beste Beispiel: Man kann nicht kontrollieren, in wen oder wann man sich verliebt. Auch Umstände im Leben ändern sich, und man ändert sich mit.

Im Buch geben Sie das einfache Beispiel einer Frau, die völlig verunsichert ist, weil ihr Partner nicht mehr gerne mit ihr joggen geht. Davor hat er das leidenschaftlich gern getan.

Mary: Er hat sich in die Richtung entwickelt, dass er mehr Entspannung und Muße im Leben sucht. Hat das aber nicht entsprechend kommuniziert. Erst wenn die Partner sich wieder begegnen und sich für das Innere des anderen interessieren, kann wieder Nähe entstehen.

Sie sagen ja, der Anspruch an die Liebe ist heute überhaupt anders als noch zu Zeiten der Eltern und Großeltern. Was hat sich geändert?

Mary: Heute spielen Gefühle die Hauptrolle in Paarbeziehungen. Früher war es das gemeinsame Lebensprojekt, die Familie oder die Alltagsbewältigung. Heute bleiben Paare in der Regel nicht mehr lange zusammen, wenn sich die Liebesgefühle aufgelöst haben. Es geht den heutigen Partnern nicht allein um Sex, Partnerschaft und Freundschaft, es geht um das Gefühl der Ganzliebe. Zum ersten Mal geht es im Kern der Paarliebe nicht um Bedürfnisse, Versorgung und Unterstützung, sondern um ein Gefühl. Wenn das Gefühl, ganz geliebt zu werden, fehlt, reicht alles andere, vom Sex bis zu den gemeinsamen Interessen, eigentlich nicht.

Ganzliebe? Klingt schön, aber was genau meinen Sie damit?

Mary: Die hoch individualisierten Menschen unserer Zeit wollen sich nicht nur geliebt, sondern ganz geliebt, ganz begehrt und ganz gemeint fühlen. In erster Linie dient die sogenannte emotional- leidenschaftliche Paarliebe der Bestätigung: So wie ich bin, bin ich richtig. Bin ich einzigartig und voll angenommen. Mit all meinen Macken. Wenn sich die beiden einander offenbaren, in ihren Ängsten, Sehnsüchten, Träumen, ihrem Begehren, wenn sie einander Einblicke in ihr Innenleben geben – dann besteht die Chance, einander intensiver anzunehmen, als Freunde und alle anderen Menschen das tun können. Diese neue Liebe basiert auf Offenbarung und Zuwendung.

Aber wenn Kinder kommen und der Alltag sehr stressig wird, tritt da nicht das emotional- leidenschaftliche Element in der Liebe automatisch zurück?

Mary: Wenn Kinder da sind, stellt sich die Beziehung mehr auf Partnerschaft ein, dann ist es wichtig, als Team zu agieren. Paare sollten aber nicht vergessen, dass sie nur gute Eltern sein können, wenn sie gute Partner miteinander sind.

Wie definiert sich die emotional-leidenschaftliche Liebe im Gegensatz zur freundschaftlichen und zur partnerschaftlichen?

Mary: Die partnerschaftliche Verbindung wird aufrechterhalten, indem beide ihre Pflichten erfüllen und indem die Partner verlässlich und berechenbar sind. Die freundschaftliche Verbindung bleibt bestehen, solange sich die Partner Gutes tun und ihnen etwas am Wohlbefinden des jeweils anderen liegt. Die emotional-leidenschaftliche Liebe aber fordert wesentlich mehr. Sie erfordert die Beziehung upzudaten, den eigenen Veränderungen und denen des Partners auf der Spur zu bleiben, Konflikte als Hinweise auf übersehene Veränderungen aufzugreifen und den Partner in der Bewältigung der Situationen neu kennenzulernen.

In längeren Beziehungen kann sich aber doch oft genau das Gegenteil, ein Gefühl der Selbstverständlichkeit, einschleichen. Oder?

Mary: Ja, klar. Das beste Mittel gegen Selbstverständlichkeit ist die Betonung der Unterschiede, die Betonung, dass es mir anders geht als dir. Dass ich vielleicht etwas anderes ersehne als du, dass mich etwas anderes beschäftigt als dich, und dass ich möchte, dass wir Dinge voneinander erfahren und auf das eingehen, was jeden bewegt.

Also ehrlich reden miteinander. Damit man nicht erst durch Trennungsabsichten eines Partners draufkommt, wie wichtig er einem ist. Ein weiteres Risiko, das Sie ansprechen, ist Langeweile.

Mary: Die entsteht etwa dann, wenn Partner Impulse zurückhalten, von denen sie annehmen, dass sie Unruhe oder Irritation hervorrufen. Wenn auf Dauer versucht wird, die Harmonie zu wahren. Man will dem anderen nichts zumuten um des lieben Friedens willen. Langeweile macht sich auch oft im sexuell-erotischen Bereich breit. Die Partner haben mit der Zeit eine Routine festgelegt, in der sie auf Nummer sicher gehen. Erotik ist aber auf die Überschreitung von Grenzen, auf den Bruch von Gewohnheiten, auf die Lust am Unbekannten angewiesen. Wenn einer die Komfortzone verlässt, indem er seine Unzufriedenheit äußert, vor allem aber seine Sehnsüchte und Träume kundtut, kann die Beziehung vielleicht in einigen Aufruhr geraten, aber sie kann auch sehr davon profitieren.

Eine schöne Vorstellung ist es natürlich, sich in einen Menschen immer wieder neu zu verlieben. Kann das funktionieren?

Mary: Vornehmen kann man sich das nicht. Aber wer riskiert, zu zeigen, wer er jetzt geworden ist, der hat die Chance dazu. Liebe, zumindest die emotional leidenschaftliche, will riskiert werden, um erhalten zu bleiben.

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