Ressort
Du befindest dich hier:

So tut Wut gut!

Ihr Ruf ist schlecht, ihre wahre Natur viel besser: Wut kann uns helfen, entschlossener zu werden und Probleme zu erkennen. Wie das Gefühl entsteht und wie man damit umgeht, liest du hier.

von

So tut Wut gut!
© Zoonar/iStock/Thinkstock

Es ist, als würde eine kleine Bombe im Inneren zünden - und plötzlich ist man hochexplosiv: Man möchte brüllen, toben, Schimpfwörter schleudern und auf den Tisch schlagen vor lauter Wut. Wer vernünftig ist, macht das alles dann doch nicht und läuft lieber dreimal zwecks Abreagieren ums Haus. Denn blindwütige Rage hat schon so mancher schwerstens bereut. Aber: Die zornigen Gefühle total zurückzuhalten, ist auch keine Option. Denn Wut will uns immer etwas sagen. Und wenn man richtig mit ihr umgeht, hilft sie einem dabei, Probleme zu erkennen und (längst fällige) Entscheidungen zu treffen.

Wilde Entschlossenheit. "Wut ist eine feine Sache. Man kann sich darin spüren, seine ganze Kraft, seine wilde Entschlossenheit und auch seine potenzielle Macht“, schreibt der deutsche Paar- und Einzelberater, Michael Mary (michaelmary.de) in seinem Buch "Die Beziehungs-Trickkiste", Gräfe & Unzer). Hinter Wut stecke immer der Wille zur Selbstbehauptung. Wer bisher andere zu sehr berücksichtigt hat, der braucht mal eine Portion Wut, um seine Zurückhaltung aufzugeben, um egoistischer zu sein. "Mit Wut kann man sich wunderbar abgrenzen, weil der andere völlig unwichtig ist, solange man dieses berauschende Gefühl halten kann“, so Mary. Die hohe Kunst des Wutanfalls ist es aber, die Energie nicht gegen jemanden, sondern für sich selbst einzusetzen.

Gefühle erlaubt ...

... aber bitte kontrolliert. "Blöder Hund“, "Versager“, "Mir steht’s bis daher“ und "Ihr könnt’s mich doch alle“ - wer hat nicht schon mal zumindest mit (lauten) Worten wild um sich geschlagen und es bestimmt danach bereut. Wütend sein zu dürfen - und das darf man - ist die eine Sache, das Gefühl blind auszuagieren eine andere, weiß Mary. Das Wichtigste ist, die Ursachen seiner Ausflüge auf die sprichwörtliche Palme zu erkennen, dann kann man von diesen profitieren. Denn: "Wut ist ein Zweitgefühl. Sie entsteht nicht als erste, sondern zweite Reaktion auf etwas. Zuerst kommt eine Enttäuschung, ein Schmerz und dann das Aufbäumen dagegen in Form von Wut. Wer sich die Enttäuschung und damit die Täuschung, der er sich hingegeben hat, nicht eingestehen kann, bleibt in der Wut auf andere hängen. Er muss endlos ausflippen und leidet schließlich selbst unter dieser Hilflosigkeit.“

Menschen, die Jähzorn und Wutanfälle nicht unter Kontrolle kriegen, sollten sich professionell helfen lassen. "Man kann lernen, mit dem Gefühl anders umzugehen“, so der Experte und Autor von bislang 27 Büchern. Was nicht nur für die Umgebung, sondern auch für die eigene Gesundheit von Vorteil wäre, denn: Ein veritabler Wutanfall ist, ähnlich wie Stress, für den Körper eine ziemliche Belastung. Bluthochdruck und ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko können bei Wiederholungstätern die Folgen sein.

Wichtige Emotion nicht verdrängen. Wüteriche aller Art haben die Wut schwer in Verruf gebracht. Doch während Männer oft allzu schnell zu Hitzköpfen werden, weil sie sich ihre Belastung oder Bedürfnisse nicht so gut eingestehen können, halten Frauen das zornige Aufbäumen eher zurück. Häufig haben sie von Kindheit an gehört, dass es für eine Frau nicht passend ist, wütend zu sein. Die sollte doch lieber nett, verständnisvoll und immer zuvorkommend agieren. Doch Wutgefühle, zu oft nicht zugelassen, äußern sich irgendwann anders. Als Depression, Kopfschmerzen, Verspannungen, in hinterhältigen Gemeinheiten gegen andere oder als Magengeschwür.

Welch wichtige Aufgabe das explosive Zweitgefühl haben kann, zeigt sich zum Beispiel auch nach Trennungen. Ist man erst mal in der Wutphase auf den Partner, ist ein großer Schritt nach vorne getan. "Die Wut kann helfen“, stimmt Mary dem zu, "aus den Gefühlen der Abhängigkeit herauszufinden und wieder ein Selbstgefühl zu entwickeln.“ Erst danach kommen andere Phasen, wie beispielsweise die, in der man die eigenen Anteile der Entwicklung erkennt. "Das besänftigt dann wieder!“

Für Veränderung.

Stärkere Entschlossenheit. Auf Abwege hingegen gerät die Wut, wenn sie als Machtmittel eingesetzt wird, um den Partner oder sonstige Mitmenschen einzuschüchtern. "Das kommt wie ein Bumerang auf den Wütenden zurück“, zeigt der Therapeut auf. "Keiner bekommt recht, nur weil er wütend ist, und: Wut fordert Wut heraus oder, noch schlimmer, Abwendung."

Sich über etwas "schwarz“ zu ärgern, bringt überhaupt nur dann etwas, wenn dadurch eine Veränderung möglich ist. Der Autolenker vor mir wird aber nicht schneller fahren, nur weil ich vor Zorn ins Lenkrad beiße. Und der versäumte Bus ist abgefahren, auch wenn ich den ganzen Tag noch innerlich schäume. Sehr wohl aber kann Wut auf einen Zustand ein starker Motor sein, wenn es um Ziele geht. Das Aufhören mit dem Rauchen etwa oder der jobmäßige Neuanfang. Die Wut-Energie kann die Entschlossenheit und den Mut zu einer Entscheidung stärken.

Ich-Form gewinnt Beleidigungen ersparen. Versuche, Schaden zu vermeiden, wann immer es zu einem Gesprächs-Fight kommt. Wenn du den anderen beschuldigen und schlecht machst - "Wie konnten Sie nur!“ oder "Bei dir klappt ja nie was!“ - oder gar beschimpfen, fordere ihn nur zum Gegenangriff heraus. Sätze in der Ich-Form wie etwa: "Mir gefällt nicht ...“, "ich habe erwartet, dass ...“, heizen die Situation hingegen nicht noch unnötig auf. Ihr erspart euch gegenseitige Beleidigungen und mögliche spätere Schuldgefühle.

Wenn du zu deinem Liebsten statt: "Du bist doch völlig bescheuert, mich hier eine Stunde warten zu lassen“, lieber sagst: "Ich muss doch völlig bescheuert sein, hier eine Stunde zu stehen und auf dich zu warten“, dann bist du Michael Marys Rat gefolgt, die Wut für sich zu nutzen und nicht gegen den Partner zu richten. Und - genau: Das nächste Mal wirst du eben nicht mehr "so bescheuert“ sein.

Bewegung hilft gelassen bleiben. Wenn du deinem von häufigem Ärger gezeichneten Körper etwas Gutes tun willst, dann treibe regelmäßig Sport. Bei Wut wird, wie bei Stress, viel Adrenalin ausgeschüttet, das am besten durch Bewegung und körperliches Training abgebaut wird. Probiere auch Yoga und Meditation. Das macht auf Dauer viel gelassener. Ein paar bewusste, tiefe Atemzüge in Momenten, in denen du aufgebracht bist, halte fürs Erste schon mal von unmittelbaren, heftigen Wut-Reaktionen ab. Jede kleine Pause zwischen dem wütend Werden und dem Reagieren verringert die Gefahr unbedachter Äußerungen. Vielleicht gelingt es dir auch ganz spontan, sich etwas Lustiges vorzustellen - und schon ist das größte Feuer aus der Rage draußen.

Tipp: Interessiere dich für die ganz neue Methode der TRE-Übungen (treaustria.com)! Hier hilft bewusst hervorgerufenes Zittern, das man trainieren kann, beim Stressabbau. Und wenn du doch mal ein richtiger Wutanfall im Griff hast, dann haue herzhaft auf den Tisch, brülle die Stuhllehne an oder lass einen Urschrei los. Aber gehe vorher eben möglichst außer Reichweite deiner Mitmenschen. Ein Donnerwetter loszulassen, wird von anderen übrigens nicht mit "Der lässt sich eben nichts gefallen“ gleichgesetzt sondern mit dem Gegenteil: Wut zeigt, dass man sehr getroffen und verletzt ist.

Ein anderer tobt.

Ton muss angemessen sein. Ok, aber was macht man nun, wenn man selbst dem Wutausbruch eines anderen ausgesetzt ist? "Am besten bleibt man ruhig und schaut zu“, rät Michael Mary, "Man kann schon auch etwas sagen, beispielsweise etwas Paradoxes wie: ,Schreie mich doch einfach an, dann verstehe ich dich besser.‘ Aber das kommt darauf an, ob die Beziehung so etwas verträgt. Beim Chef würde ich zurückhaltend sein.“ Im Umgang mit einem Partner, der gerade ausrastet, hat der Berater noch einen Tipp: "Wenn Sie sagen:, Du brauchst doch nicht wütend zu sein!‘, fühlt er sich unverstanden und flippt erst recht aus. Du kannst ihn dann zwar mit Recht beschuldigen, ausfallend zu werden, aber was hast du davon? Besser ist es, zu sagen:, Ich sehe, dass du wütend bist. Aber was willst du von mir? Willst du mich fertig machen oder hast du etwas zu sagen. Gibt es etwas zu klären?‘ Zeige ihm, dass du ihn und sein Problem ernst nimmst, aber der Ton der Unterredung angemessen sein muss. Das gilt auch für jeden anderen wütenden Mitmenschen, vom Vorgesetzten bis zum fuchteligen Nachbarn: Ironie und Herablassung à la, Ja, geht’s noch!?‘ Oder: ,Kriegen Sie sich wieder ein!‘ sind ein No-Go, wenn man die Situation nicht noch anheizen und im Endeffekt vielleicht alle Türen zuschlagen möchte.“

Wut zeigt, was wichtig ist. "Wut in ihrer reinen Form ist eine verletzliche Emotion“, sagt auch der renommierte amerikanische Therapeut Robert August Masters. "Sie ist eine Art zu zeigen, dass einem etwas wichtig ist.“ Ein Eingeständnis der eigenen Verletzlichkeit. So mancher versucht gerade das mit aggressivem Verhalten zu vermeiden - aber wie gesagt: Dieses wird zum Bumerang.

Thema: Psychologie

WOMAN Community

Deine Meinung ist wichtig! Registriere dich jetzt und beteilige dich an Diskussionen.

Jetzt registrieren!

Schon dabei? .