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So wichtig sind Pausen

Stress, Überarbeitung und wenig Schlaf gelten heute als cool. Doch wer ständig übers Limit geht, tut weder sich noch seiner Firma was Gutes. Wie essenziell wichtig Pausen sind und wie man sie optimal nützt, sagt US-Forscher Alex Soojung-Kim Pang im Talk.

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So wichtig sind Pausen
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Man kennt es ja von sich selber. "Wie geht's?", fragt jemand, und man antwortet automatisch: "Ziemlich im Stress" – "Danke, gut" ist so was von gestern! Man ist schließlich wichtig. Und das hat seinen Preis. Eine Erkenntnis, die Zukunftsforscher Alex Soojung-Kim Pang nur teilen kann: "Wir glauben, dass etwas mit uns nicht stimmt, wenn wir nicht überarbeitet sind", hat sich der Wissenschafter auch in dem Buch "Pause – tue weniger, erreiche mehr" (Arkana, 20,60 Euro, erscheint am 17. April) seine Gedanken gemacht. Er zeigt das heutige Missverhältnis von Arbeit und Ruhephasen auf und den ungesunden Trend, sich mit Erschöpfung und wenig Schlaf zu brüsten. Doch während sich viele dadurch als "bedeutend" und "unverzichtbar" empfinden mögen und Arbeitgeber die große Einsatzfreudigkeit schüren, geht die Rechnung nicht auf. Für niemanden. Denn überarbeitete Mitarbeiter werden nicht nur eher krank, sie machen auch leichter Fehler, und das wirkt sich auf die gesamte Produktivität aus. "Druck reduzieren, Pausen machen und ein Leben neben der Arbeit haben", kann Alex Soojung-Kim Pang nur allen raten. Denn oft kommen einem die kreativsten Ideen nicht, wenn man angestrengt nachdenkt, sondern mit dem Hund Gassi geht oder ins Narrenkastl schaut ...

WOMAN: Thema Pause: So ein Raum im Büro, wo man ab und zu ein Nickerchen halten könnte, das wär schon was! Vielleicht sollte man den Vorschlag machen?

Pang: Wenn's möglich ist – na sicher! Das gibt's ja bereits, und nicht nur auf Feuerwachen, Spitälern, Bohrinseln oder für Piloten auf Langstrecken, auch manche Start-up- und Hightech-Unternehmen bieten das an. (Anm: In den USA haben Firmen wie Google, Nike, Ben & Jerry's u. a. eigene Nap-Rooms für die Mitarbeiter eingerichtet).

WOMAN: Und ein Power-Nap zwischendurch bringt wirklich so viel?

Pang: Ja. Denn die meisten Leute haben am frühen Nachmittag einen Energie-Tiefpunkt. Da hilft ein Schläfchen, und wenn's nur 20 Minuten sind, mehr als eine weitere Tasse Kaffee.

WOMAN: Aber Tatsache ist doch, dass ein Schläfchen schnell mit Faulheit verbunden wird und das Wort Pause irgendwie einen schlechten Ruf hat. Wieso eigentlich?

Pang: Arbeiter & Gewerkschaften mussten zu allen Zeiten Pausen einfordern, denn Arbeitgeber hätten die Leute lieber nonstop schaffen gesehen. Neu ist, dass ehrgeizige Menschen nun von sich aus Pausen und Zeit weg von der Arbeit als Schwäche sehen, als Mangel an Engagement. Wir haben es geschafft, ein körperliches Bedürfnis in moralisches Versagen zu verwandeln. Unsere Vorbilder in Sachen Erfolg sind Personen, die das Ruhebedürfnis ignorieren. Der Gründer einer Tech Company, der irre viel arbeitet, um seine Vision umzusetzen, der Hedgefonds-Manager, der ein Vermögen auf globalen Märkten macht, oder der Musiker, besessen von seiner Muse. Sie alle sind Beispiele für Leute, die dem Takt der Märkte lieber folgen als dem der Natur.

WOMAN: Sie schreiben ja auch, man trägt heutzutage Erschöpfung und Müdigkeit wie eine Medaille.

Pang: Ja, wer heute cool sein will, ist überarbeitet. Das ist die Wirtschaft! Gefragt zu sein, ist ein Statussymbol Es ist es eine Art, um seine Leidenschaft für den Job und seine Unverzichtbarkeit zu signalisieren. Wir unterschätzen auch gerne, wie körperlich fordernd geistige Arbeit ist. Man denkt leicht, in einem Sessel zu sitzen und auf den Bildschirm zu starren, wär nicht physisch anstrengend. Ist es aber. Unser Gehirn ist sehr gierig.

WOMAN: Man kennt dann eh die Folgen von zu wenig Erholung zwischendurch. Burnout und andere so schöne Sachen ...

Pang: Genau. Jahrzehntelange Forschungen zeigen eindrucksvoll, wie schlecht ständige Überarbeitung ist. Für die Angestellten und für die Firma. Mitarbeiter, die über Monate zu viel arbeiten, sind eher für Fehler oder falsche Entscheidungen anfällig, verletzen sich leichter und betrügen sogar. Und die Firmen sehen ihre Produktivität dahinschwinden, je mehr Irrtümer passieren.

WOMAN: Engagement und Pausen widersprechen sich nicht, im Gegenteil, sagen Sie! Viele berühmte, kreative Menschen kannten das Geheimnis dieser Balance.

Pang: In meinem Buch schaue ich mir Alltag und Zeitpläne von Nobelpreisträgern, Schriftstellern, Wissenschaftern und Künstlern an. Entgegen der herkömmlichen Meinung, dass man endlos arbeiten muss, um gute Ergebnisse zu erzielen, arbeiten sie für vier oder fünf Stunden intensiv und nehmen sich dann lange Verschnaufpausen. Oft haben sie ihre besten Ideen und Erkenntnisse in diesen Auszeiten.

WOMAN: Vier bis fünf Stunden pro Tag fokussiert zu arbeiten, ist das ein Richtwert?

Pang: Ja, das ist ein sehr konstantes Muster, das man etwa auch bei den besten Studenten an Musikhochschulen beobachten kann.

WOMAN: Wenn man seine eigene Firma hat, kann man sich ja vielleicht noch aussuchen, wie viele Stunden man arbeitet. Aber als Angestellter kaum. Da ist es doch eher Usus, dass sogar am Schreibtisch gegessen wird, um Zeit zu sparen.

Pang: Leute, die erfolgreich Karrieren auf bauen und oft lange arbeiten, achten sehr darauf, dafür ihre Nächte und Wochenenden für sich zu haben. Sie nehmen sich ihren Urlaub und nützen, was ich "deep play" nenne, um ihre Batterien wieder aufzuladen. Sie nehmen sich auch Zeit fürs Essen. Arbeitet man in einer Branche, wo Leute sterben könnten, wenn man nicht schnell reagiert, dann soll man am Schreibtisch essen. Ansonsten sollte man sich fragen, ob dieses Dringlichkeitsgefühl, die Überzeugung, spät nachts noch E-Mails beantworten zu müssen, nicht nur ein Mittel ist, sich bedeutsamer zu fühlen.

WOMAN: Was ist eigentlich "deep play"?

Pang: So bezeichne ich ernsthafte Hobbys. Solche, die augenscheinlich sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, was sich aber lohnt. Es sind Aktivitäten, die es ermöglichen, Talente und Leidenschaften neben der Arbeit auszuleben. Das kann sein, den Mount Everest zu besteigen oder eine ehrenamtliche Tätigkeit im Spital.

WOMAN: Sie warnen also davor, sich ausschließlich über den Job zu definieren?

Pang: Ja, denn wenn man die Arbeit verliert, ist man dann niemand mehr? Viele Companys glauben ja schon fast, sie seien eine Religion. Sehen sich "auf einer Mission" und verlangen von Mitarbeitern totale Identifikation. Aber selbst der engagierteste, talentierteste Angestellte wird bessere Arbeit machen, wenn er sein eigenes Leben hat. Wenn er die Welt sehen, Erfahrungen machen kann. Neue Inspirationsquellen unterstützen die Kreativität, erweitern den Horizont, stärken die Widerstandskraft.

WOMAN: Wir reden immer von beruflicher Arbeit. Aber auch Eltern, besonders die kleiner Kinder, können von "Ausruhen" oft nur träumen.

Pang: Elternsein ist eine außergewöhnlich schwierige Arbeit. Niemand kann annehmen, dass man beruflich so engagiert und karrierebewusst sein kann wie davor, solange die Kinder klein sind. Es gibt ein neues Buch zu dem Thema, "Work Pause Thrive", das von Frauen erzählt, die eine Weile gearbeitet haben, dann für die Kinder eine Auszeit nahmen und doch in den alten Job zurückkehren konnten oder neue Aufgabengebiete gefunden haben.

WOMAN: Ja, die Autorin des Buchs, Lisen Stromberg, schreibt da etwa: "Wir haben Angst, wenn wir unsere Karrieren unterbrechen, dass wir für immer im beruflichen Abseits stehen. Aber dieses Denken ist veraltet." Sie erzählt die Geschichten von Frauen, die sich im wichtigen Moment auf ihre Familie konzentriert haben, und dann wieder erfüllende berufliche Beschäftigungen gefunden haben.

Pang: Und genauso wie ernsthafte Hobbys einem im Beruf kreative Auszeiten verschaffen, so sollten auch Eltern ihre Interessen, die nicht auf die Kinder bezogen sind, beibehalten. Das macht einfach glücklichere und stabilere Eltern.

WOMAN: Was allerdings den Schlafmangel betrifft, können junge Eltern nicht viel beeinflussen. Es gibt aber genügend andere Leute, die sich geradezu damit brüsten, besonders wenig Schlaf zu brauchen. Viele glauben ja, Schlafen ist vergeudete Zeit.

Pang: Tatsächlich ist unser Gehirn super beschäftigt, während wir schlafen. Es scheidet Gifte aus, die das Risiko von Demenz erhöhen, verfestigt Erinnerungen und hilft, in Form von Träumen, den Tageserlebnissen Sinn zu geben. Jeder kann Phasen mit wenig Schlaf aushalten, und es gibt ein paar wenige Leute, vielleicht ein bis zwei Prozent, die gut mit vier oder fünf Stunden Schlaf auskommen können. Aber jede Wette, Sie und ich gehören nicht dazu Und die langfristigen Kosten für Schlafentzug sind hoch. Schlafmangel verringert die Immunabwehr und zerstört damit die Fähigkeit des Körpers, Infektionen zu bekämpfen. Man sieht auch einen Zusammenhang zwischen Schlafentzug und Demenz.

WOMAN: Jetzt abgesehen vom Schlafen: Richtig zu rasten, das muss man lernen, sagen Sie.

Pang: Ja, wichtig ist, sich bewusst dafür zu entscheiden. Dann müssen wir mal herausfinden, welcher Rhythmus uns gut tut. Manche Menschen entdecken bewusstes Abschalten erst nach Jahren der Überarbeitung und des Burnouts. Andere finden für sich schon früher lange Spaziergänge oder das Arbeiten in fokussierten Zeitspannen als richtigen Weg. Aber alle, die ihre Balance gefunden haben, nehmen Ruhephasen ernst, machen Platz dafür in ihrem Leben, verteidigen sie gegen Übergriffe. Gönnen Sie sich für den Anfang jeden Tag zehn Minuten, in denen Sie an nichts denken. Lassen Sie Ihre Gedanken schweifen. Gehen Sie jeden Tag spazieren, und schreiben Sie die vielen neuen Ideen, die Ihnen dabei kommen werden, auf.

WOMAN: Apropos Spaziergänge. Im Buch erzählen sie ja von Firmen, die Meetings im Gehen abhalten.

Pang: Raus aus dem Büro, in Bewegung sein ohne Ablenkungen, das hilft den Leuten, konzentrierter und kreativer zu sein. "Walking Meetings" sind oft auch viel intimer. Und Gehen ist ja letztendlich für jeden gut.

WOMAN: Wie Bewegung ja überhaupt erholsam ist ...

Pang: Die effektivsten Arten, die Batterien wieder aufzuladen, sind meist körperlich anstrengend und geistig herausfordernd. Wie ein langer Nachmittagsspaziergang, eine lange Schwimmeinheit nach der Arbeit, eine hart umkämpfte Schachpartie oder eine Bergwanderung. Binge-Fernsehen, Partymachen oder ein Urlaub nur mit Sonnenliegen werden weniger bringen. Auszeiten, die die alltägliche Kreativität beflügeln, müssen hingegen nicht anstrengend sein. Deshalb haben wir oft die besten Ideen beim Zusammenlegen der Wäsche oder wenn wir mit dem Hund Gassi gehen.

WOMAN: Wichtig ist also, den Kopf einfach frei zu kriegen?

Pang: Winston Churchill etwa war ein begeisterter Maler. Das Malen bot ihm die gleichen Herausforderungen und Befriedigungen wie die Politik, aber keine der Frustrationen. Bei beiden braucht man einen klaren Blick und Entschlusskraft, aber wenn er malte, gab es für Churchill keine Labour Party die ihm z. B. sagte, dass er die falschen Farben verwendet hätte.

WOMAN: Zuletzt zum Thema Urlaub: Gilt hier je länger, je besser?

Pang: Acht bis zehn Tage alle drei Monate wären ideal. Das Vergnügen erreicht um den achten Tag seinen Höhepunkt, also wenn man einen Monat unterwegs ist, ist man nicht vier Mal so glücklich. Und die aufgeladenen Batterien halten circa zwei Monate. Wie auch immer: Der einzig schlechte Urlaub ist der, den man nicht nimmt. Und wenn es nötig ist, dass Sie allen Urlaub auf einmal nehmen – dann tun Sie's!

Themen: Karriere, Stress

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oh ja :) voll gut. ich lass dann immer auf https://soundcloud.com/ meine playlists laufen und schalt einfach ab.

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