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Warum es so wichtig ist, dass Menschen mit Behinderung sexy TikTok-Challenges teilen

Von #Bussit über #Silhouette – TikTok-Trends verändern die Art und Weise wie Menschen mit Behinderung und ihre Sexualität von der Gesellschaft gesehen werden. Endlich.

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Warum es so wichtig ist, dass Menschen mit Behinderung sexy TikTok-Challenges teilen
© Unsplash

Täglich werden unsere Social-Media-Feeds mit neuen TikTok-Challenges überflutet. Die spannendsten Clips sind dabei immer jene, die tradierte Rollenmuster verändern. Wie beispielsweise Menschen mit Behinderung, die sich auf Trends wie #Bussit oder #Silhouette setzen und damit zeigen, dass sie genauso sexy sind wie nicht behinderte Menschen.

Bei der #Bussit-Challenge nehmen die TeilnehmerInnen zwei Videos auf: eines im Gammel-Look und ein weiteres im sexy Dress. In letzterem wird dann zum Song "Buss It" getwerkt. Die #Silhouette-Challenge funktioniert ähnlich: UserInnen zeigen sich zunächst ganz normal angezogen und lassen danach die Hüllen bis auf die Unterwäsche fallen, manche zeigen sich sogar tatsächlich nackt in verschiedenen erotischen Posen. Allerdings sorgt dabei ein roter Filter dafür, dass keine nackte Haut zu erkennen ist.



Personen mit Handicap wurden und werden noch immer desexualisiert. Auch in den Medien werden sie meist als asexuell und passiv dargestellt. Die TikTok-Videos könnten so ein Tor zu mehr Inklusion öffnen.

Werden in den Mainstream-Medien dann doch einmal Behinderte gezeigt, hinkt oft die Repräsentation. Dieses falsche Bild wirkt sich auf unsere gesamte Gesellschaft aus. Das bestätigt die Aktivistin und Autorin Laura Gehlhaar. Die Rollstuhlfahrerin setzt sich für mehr Inklusion ein und ist seit über fünf Jahren mit ihrem nicht behinderten Partner zusammen. "Es kommt schon mal vor, dass uns Leute komisch oder mitleidig anschauen – oder mein Freund für meinen Betreuer gehalten wird", erzählt sie. "Er wird als der Hero und Fürsorgliche angesehen, nur weil er mit einer Behinderten zusammen ist. Aber er ist mein Partner, nicht mein Pfleger. Ich bin genauso fürsorglich. Wir sind ein Team, da gibt es keinen Stärkeren."


Laura Gehlhaar


"Ein behinderter Mensch zu sein, dem seine sexuellen Bedürfnisse abgesprochen werden – das ist eine grausame Erfahrung ", weiß Francine Sharrocks, die Sexualassistenz für Menschen mit Behinderung anbietet. Es ist also lange überfällig, diesen jahrhundertealten und internalisierten Ableismus aus unseren Köpfen zu verbannen. Besonders wenn man bedenkt, dass laut Sozialministerium alleine in Österreich rund 13 Prozent der Bevölkerung mit einer "körperlichen Beeinträchtigung der Beweglichkeit" leben.

Eine TikTok-Challenge erscheint bei der Bekämpfung dieser Vorurteile fast belanglos, doch ist sie tatsächlich ein entscheidender Schritt, um die Stereotype behinderter Menschen zu zerschlagen.

Um zu verstehen, warum es so wichtig ist, dass einige behinderte Menschen auf TikTok sexy Videos teilen, müssen wir erst lernen, warum sie überhaupt so oft als nicht-sexuelle Menschen betrachtet werden. "Bei uns werden Menschen mit Behinderung systematisch ausgeschlossen, indem sie auf Sonderschulen oder Förderschulen gehen, sie arbeiten in Behindertenwerkstätten und müssen in Wohnheimen untergebracht werden", sagt Gehlhaar. Ein Leben in der Mitte der Gesellschaft ist so nicht möglich. Das wiederum schafft Missverständnisse und Hemmungen zwischen Personen mit und ohne Behinderung.

Fehlende Inklusion in der Gesellschaft

"Die Unsicherheit kommt daher, weil diese Leute in ihrem Alltag nie mit Menschen mit Behinderung in Berührung gekommen sind. Das hängt damit zusammen, dass Kinder getrennt und nicht zusammen eingeschult werden oder in inklusive Kindergärten gehen", so die Aktivistin gegenüber dem Kurier. "Das ist traurig. Wenn man als Kleinkind damit groß geworden ist, dass es verschiedene Behinderungen gibt, kennt man sich aus und weiß, wie man damit umgeht – ohne Unsicherheit. Deshalb ist es so unglaublich wichtig, dass alle zusammen aufwachsen und miteinander leben."

Kaley Roosen

In einem Interview mit HG fasst es die Klinische Psychologin Kaley Roosen aus Toronto so zusammen: "Menschen mit Behinderung werden oft als asexuell angesehen, weil sie allgemein noch immer als nicht vollwertiger Teil der Gesellschaft gelten." Roosen ist gehbehindert: "Ich hatte zum Beispiel Angst, meinen Stock beim ersten Date zu benutzen, weil ich befürchtete, dass potenzielle Partner mich sofort desexualisieren würden", schreibt die Psychologin auf Twitter. Dies sei eine direkte Konsequenz mangelnder Repräsentation in den Medien und der Gesellschaft.



Social Media als inklusive Plattform

Erotischere TikTok-Challenges bieten behinderten Menschen die Möglichkeit, ihre Sexualität auf positive und kontrollierte Weise zu feiern. Ein 30-Sekunden-Video kann dabei ein wichtiger Schritt sein, um Vorurteile über behinderte Menschen abzulegen – innerlich sowie äußerlich: "TikTok und andere Social-Media-Plattformen bieten behinderten Menschen sichere Räume, um ihre Sexualität auf gesunde Weise zu erkunden", so die Psychologin. Eine Person mit einem ähnlichen Körpertyp, einer ähnlichen Identität, einem ähnlichen Hilfsmittel oder einem ähnlichen Gesundheitszustand zu sehen, die ihre Behinderung annimmt und "Ich bin sexy, ich bin selbstbewusst" in die Kamera sagt, kann einen enormen Unterschied machen. "Diese Videos können helfen, nicht länger die verinnerlichte gesellschaftliche Botschaft zu glauben, nicht gut genug zu sein. Sie geben ein Gefühl der Hoffnung und des Optimismus für die eigene Zukunft", weiß Roosen.

In einer ableistischen Welt behindert zu sein bedeutet, einen ständigen Krieg zu führen, um selbstbewusst und selbstbestimmt leben zu können. Indem Menschen mit Handicap ihre Behinderungen mit kompromissloser Sexualität annehmen, ebnen sie anderen den Weg, sich mit ihrer sexuellen und behinderten Identität auseinanderzusetzen. Diese Videos zeigen, dass Menschen mit Behinderung in der Mitte der Gesellschaft leben und lieben. Auch, wenn es noch dauern wird, bis das die Allgemeinheit endgültig versteht.